Deformitäten der Hüfte – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Deformitäten der Hüfte mitbedingt sein können:
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Chondrale Läsionen (Knorpelschäden)/Knorpeldegeneration (Knorpelverschleiß) des Hüftgelenks – insbesondere eine Cam-Morphologie (knöcherne Formveränderung am Übergang vom Hüftkopf zum Schenkelhals) kann durch wiederholte mechanische Belastung mit fokalen Knorpelschäden verbunden sein. In einer prospektiven 12-Jahres-Kohorte junger männlicher Hochleistungssportler fand sich Knorpelverlust bei 52 % der Hüften mit Cam-Morphologie gegenüber 21 % ohne Cam-Morphologie; die adjustierte Odds-Ratio (OR) betrug 4,52 (95%-Konfidenzintervall (95%-KI) 1,16-17,61) [5]. Die Übertragbarkeit der Effektgröße auf die Allgemeinbevölkerung ist aufgrund des selektierten Sportlerkollektivs begrenzt.
- Femoroacetabuläres Impingement-Syndrom (Engpasssyndrom des Hüftgelenks) (FAIS) – Cam-, Pincer- oder kombinierte knöcherne Morphologien können einen pathologischen mechanischen Kontakt zwischen proximalem Femur (Oberschenkelknochen) und Acetabulum (Hüftpfanne) begünstigen. Eine isolierte radiologische Cam- oder Pincer-Morphologie (knöcherne Überdachungsform der Hüftpfanne) ist nicht mit einem symptomatischen FAIS gleichzusetzen. Wiederholter mechanischer Konflikt kann chondrolabrale Schäden (Schäden an Gelenkknorpel und Gelenklippe) mitbedingen [5, 6].
- Läsionen des Labrum acetabulare (Schädigungen der Gelenklippe der Hüftpfanne) – ein größerer Alpha-Winkel war bei jungen Fußballspielern mit magnetresonanztomographisch nachgewiesenen Labrumläsionen assoziiert; pro Grad Zunahme des Alpha-Winkels betrug die OR 1,02 (95%-KI 1,01-1,04) [6]. Eine prospektive 12-Jahres-Kohorte zeigte dagegen keine statistisch signifikante Assoziation zwischen Cam-Morphologie und späteren Labrumveränderungen, sodass die Evidenz für eine kausale Beziehung schwächer ist als für Knorpelschäden [5].
- Sekundäre Hüftgelenkinstabilität (nachfolgende Instabilität des Hüftgelenks) bzw. Dezentrierung (Fehlstellung des Hüftkopfes in der Hüftpfanne) – insbesondere bei azetabulärer Dysplasie (Fehlbildung der Hüftpfanne) kann die unzureichende Überdachung des Femurkopfes zu einer chronischen Makro- bzw. Mikroinstabilität führen; ausgeprägte Formen können mit Subluxation (Teilausrenkung) bzw. Luxation (Ausrenkung) einhergehen [7, LL1].
- Sekundäre Coxarthrose (nachfolgende Hüftgelenkarthrose) (Dysplasie- bzw. Impingementcoxarthrose) – wichtigste strukturelle Langzeitfolge präarthrotischer Hüftdeformitäten. Eine Metaanalyse prospektiver Studien zeigte für Cam-Morphologie mit einem Alpha-Winkel > 60° eine OR von 2,52 (95%-KI 1,83-3,46) und für Hüftdysplasie (Fehlentwicklung des Hüftgelenks) mit einem lateralen Center-Edge-Winkel < 25° eine OR von 2,38 (95%-KI 1,84-3,07) für die Entwicklung einer Hüftarthrose (Verschleiß des Hüftgelenks) [1]. Neuere Metaanalysen individueller Teilnehmerdaten bestätigten das erhöhte Risiko sowohl für azetabuläre Dysplasie (adjustierte OR 1,80; 95%-KI 1,40-2,34) als auch für Cam-Morphologie (OR 1,87; 95%-KI 1,36-2,59) [2, 3]. Eine mäßige Pincer-Morphologie mit einem lateralen Center-Edge-Winkel ≥ 40° war insgesamt nicht mit einem signifikant erhöhten Arthroserisiko assoziiert; bei schwerer Pincer-Morphologie mit einem Winkel ≥ 45° bestand dagegen eine Assoziation mit inzidenter radiographischer Coxarthrose (OR 1,50; 95%-KI 1,05-2,15) [4].
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Chronischer Hüft- bzw. Leistenschmerz (lang anhaltender Schmerz an Hüfte bzw. Leiste) – insbesondere bei symptomatischer Hüftdysplasie, klinisch manifestem FAIS, chondrolabralen Schäden oder sekundärer Coxarthrose [6, 7].
- Bewegungseinschränkung des Hüftgelenks (eingeschränkte Beweglichkeit des Hüftgelenks) – kann infolge eines mechanischen Impingements (mechanische Einklemmung) bzw. zunehmender degenerativer Gelenkveränderungen (verschleißbedingte Gelenkveränderungen) auftreten.
- Mechanische Hüftsymptome (durch Bewegung oder Belastung ausgelöste Hüftbeschwerden) – Klicken, Schnappen sowie Blockierungs- bzw. Einklemmungsgefühl können bei intraartikulären chondrolabralen Schäden auftreten.
Prognosefaktoren
- Cam-Morphologie bzw. zunehmender Alpha-Winkel – Cam-Morphologie ist konsistent mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer radiographischen Coxarthrose assoziiert. Bei einem Alpha-Winkel ≥ 60° zeigte die aktuelle Metaanalyse individueller Teilnehmerdaten eine OR von 1,87 (95%-KI 1,36-2,59) [3].
- Azetabuläre Dysplasie/Unterüberdachung – ein lateraler Center-Edge-Winkel ≤ 25° war in einer Metaanalyse individueller Teilnehmerdaten über 4-8 Jahre mit einer adjustierten OR von 1,80 (95%-KI 1,40-2,34) für inzidente radiographische Coxarthrose assoziiert [2].
- Schwere Pincer-Morphologie – bei einem lateralen Center-Edge-Winkel ≥ 45° war das Risiko für inzidente radiographische Coxarthrose erhöht (OR 1,50; 95%-KI 1,05-2,15); bei mäßiger Pincer-Morphologie mit einem Winkel ≥ 40° bestand insgesamt keine signifikante Assoziation [4].
- Bereits bestehender Knorpelschaden – strukturelle Knorpelläsionen kennzeichnen eine fortgeschrittenere Gelenkschädigung; bei Cam-Morphologie zeigte die prospektive Langzeitbeobachtung eine deutliche Assoziation mit späterem Knorpelverlust [5].
- Ausmaß der dysplasiebedingten Instabilität – die Prognose der Hüftdysplasie wird nicht allein durch die laterale Überdachung bestimmt; die dreidimensionale azetabuläre und femorale Pathomorphologie (krankhafte Formveränderung) sowie Zeichen der Makro- bzw. Mikroinstabilität sind für die biomechanische Belastung und die Entwicklung sekundärer Gelenkschäden relevant [7].
- Klinische Manifestation (klinisches Auftreten) statt isolierter Morphologie – aus dem alleinigen Nachweis einer Cam-, Pincer- oder dysplastischen Morphologie lässt sich die individuelle Progression (Fortschreiten) nicht sicher vorhersagen; für die prognostische Einordnung sind Morphologie, Symptomatik (Beschwerdebild), Instabilität und bereits vorhandene Gelenkschäden gemeinsam zu bewerten [1, 5, 7].
Literatur
- Casartelli NC, Maffiuletti NA, Valenzuela PL et al.: Is hip morphology a risk factor for developing hip osteoarthritis? A systematic review with meta-analysis. Osteoarthritis Cartilage. 2021;29(9):1252-1264. doi:10.1016/j.joca.2021.06.007 [1]
- Riedstra NS, Boel FDEM, van Buuren MMA et al.: Acetabular dysplasia and the risk of developing hip osteoarthritis within 4-8 years: An individual participant data meta-analysis of 18,807 hips from the World COACH consortium. Osteoarthritis Cartilage. 2025;33(3):373-382. doi:10.1016/j.joca.2024.12.001 [2]
- Tang J, Boel F, van Buuren MMA et al.: Cam morphology and the risk of developing radiographic hip osteoarthritis within 8 years: an individual participant data meta-analysis of 23 886 hips from the world COACH consortium. Br J Sports Med. 2026;60(1):28-35. doi:10.1136/bjsports-2025-110144 [3]
- Riedstra N, Boel F, van Buuren MMA et al.: Severe pincer morphology is associated with incident hip osteoarthritis: prospective individual participant data from 18 935 hips from the World COACH consortium. Br J Sports Med. 2026;60(2):108-115. doi:10.1136/bjsports-2024-109595 [4]
- Claes PAM, Hanff DF, Weir A et al.: The Association Between the Development of Cam Morphology During Skeletal Growth in High-Impact Athletes and the Presence of Cartilage Loss and Labral Damage in Adulthood: A Prospective Cohort Study With a 12-Year Follow-up. Am J Sports Med. 2024;52(10):2555-2564. doi:10.1177/03635465241256123 [5]
- Heerey J, Kemp J, Agricola R et al.: Cam morphology is associated with MRI-defined cartilage defects and labral tears: a case-control study of 237 young adult football players with and without hip and groin pain. BMJ Open Sport Exerc Med. 2021;7(4):e001199. doi:10.1136/bmjsem-2021-001199 [6]
- Heimann AF, Zurmühle CA, Stetzelberger VM et al.: Definition der Hüftdysplasie im Jahr 2023. Zeichen der Makro- und Mikroinstabilität. Orthopädie. 2023;52:261-271. doi:10.1007/s00132-023-04353-x [7]
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S2k-Leitlinie: Hüftdysplasie. (AWMF-Registernummer 187-054) Dezember 2021. Langfassung. [LL1]