Herpes genitalis – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Rasche Linderung von Schmerzen und weiteren lokalen bzw. systemischen (den ganzen Körper betreffenden) Beschwerden sowie Verkürzung von Läsionsdauer (Dauer der Haut- oder Schleimhautveränderungen) und Virusausscheidung (Freisetzung von Viren).
- Vermeidung von Komplikationen, insbesondere bei schwerem Verlauf, Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) und Schwangerschaft.
- Bei rezidivierendem Herpes genitalis (wiederkehrendem Genitalherpes): Verminderung von Häufigkeit und Schwere der Rezidive, Verbesserung der Lebensqualität und – bei HSV-2 – Reduktion des Übertragungsrisikos.
Beachte: Eine antivirale Therapie (Behandlung gegen Viren) eradiziert die latente HSV-Infektion (ruhende Herpesinfektion) nicht und verändert nach dem Absetzen nicht dauerhaft das natürliche Rezidivrisiko [LL1-LL3].
Therapieempfehlungen
- Erste klinische Episode: Bei klinischem Verdacht frühzeitig systemisch antiviral behandeln, möglichst innerhalb von 5 Tagen nach Symptombeginn oder solange neue Läsionen entstehen. Die virologische Sicherung soll die Therapie nicht verzögern [LL1].
- Rezidiv: Bei belastenden Rezidiven patienteninitiierte episodische Therapie möglichst im Prodromalstadium (Phase mit ersten Krankheitszeichen) bzw. innerhalb von 24 Stunden nach Läsionsbeginn. Bei milden Rezidiven kann eine rein symptomatische Behandlung (Behandlung der Beschwerden) ausreichen [1-3].
- Suppressive Therapie (dauerhafte Unterdrückungsbehandlung): Bei häufigen, schweren oder psychosozial stark belastenden Rezidiven sowie zur Verminderung des HSV-2-Übertragungsrisikos nach gemeinsamer Entscheidungsfindung. Es besteht keine starre Mindestzahl an Rezidiven. Die Fortführung ist mindestens jährlich zu reevaluieren; eine feste Höchstdauer von 6-12 Monaten besteht nicht [4, LL1-LL3].
- Symptomatische Therapie: Kochsalzbäder, bei Bedarf geeignete Analgetika, z. B. Paracetamol oder ein NSAR unter Beachtung individueller Kontraindikationen (Gegenanzeigen), und ggf. Lidocain-Gel/-Salbe. Benzocain soll wegen des Sensibilisierungspotentials nicht verwendet werden. Bei ausgeprägter Dysurie (schmerzhaftem oder erschwertem Wasserlassen) kann Wasserlassen im Sitzbad bzw. unter fließendem Wasser lindern [LL1].
- Keine topische antivirale Standardtherapie: Topische Virostatika sind weniger wirksam als systemische Präparate und werden nicht empfohlen [LL1-LL3].
- Schwerer/komplizierter Verlauf: Stationäre Behandlung und Aciclovir i. v.; dies gilt insbesondere bei disseminierter Erkrankung (im Körper ausgebreiteter Erkrankung), Organbeteiligung (Mitbefall innerer Organe), neurologischer Komplikation (Komplikation des Nervensystems), akutem Harnverhalt (plötzlicher Unfähigkeit, die Harnblase zu entleeren) oder fehlender Möglichkeit einer oralen Therapie [LL1-LL3].
Wirkstoffe (Hauptindikation) bei erster klinischer Episode
Virostatika; Dosierungsangaben für Erwachsene mit normaler Nierenfunktion wurden für die Patientenversion aus der Tabelle entfernt.
| Wirkstoff | Therapiedauer | Besonderheiten |
| Aciclovir | 5-10 Tage | Umständlichere Einnahmefrequenz; größte klinische Erfahrung, auch in der Schwangerschaft. Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenleistung). |
| Famciclovir | 5-10 Tage | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz; in der Schwangerschaft nicht empfohlen. |
| Valaciclovir | 5-10 Tage | Bessere Bioverfügbarkeit (Anteil des Wirkstoffs, der dem Körper zur Verfügung steht) und einfachere Einnahme als Aciclovir; Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz. |
Beachte: Wird zunächst nur 5 Tage behandelt, ist eine frühe klinische Kontrolle erforderlich. Bei fortbestehender Neubildung von Läsionen, systemischen Symptomen, Komplikationen oder unvollständiger Abheilung ist die Behandlung zu verlängern; häufig ist eine initiale Verordnung für mindestens 7 Tage praktikabel [LL1].
Wirkstoffe (Hauptindikation) bei Rezidivtherapie („episodic therapy“)
Virostatika; patienteninitiierter Beginn im Prodromalstadium bzw. innerhalb von 24 Stunden [1-3]
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Aciclovir | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz. |
| Famciclovir | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz. |
| Valaciclovir | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz. |
Wirkstoffe (Hauptindikation) in der suppressiven Therapie (Dauerprophylaxe)
Virostatika; individuelle Indikationsstellung, mindestens jährliche Reevaluation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Aciclovir | Für jede Rezidivfrequenz; Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz. |
| Famciclovir | Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz. |
| Valaciclovir | 500 mg einmal täglich kann bei sehr häufigen Rezidiven weniger wirksam sein; Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz. |
- Der volle suppressive Effekt wird gewöhnlich nach etwa 5 Tagen erreicht.
- Valaciclovir 500 mg einmal täglich verminderte bei immunkompetenten (mit funktionsfähigem Immunsystem), heterosexuellen, HSV-2-serodiskordanten Paaren (Paaren, bei denen nur eine Person mit HSV-2 infiziert ist) mit höchstens 9 Rezidiven/Jahr zusätzlich zu Beratung und Kondomen die Gesamtübertragung relativ um etwa 48 %; eine Übertragung wird nicht sicher verhindert [4].
- Regelmäßige Laborkontrollen sind bei sonst gesunden Personen unter Standarddosierung nicht routinemäßig erforderlich. Nierenfunktion, Begleitmedikation und klinische Situation sind individuell zu berücksichtigen [LL1-LL3].
Spezielle Therapiesituationen
Schwerer oder komplizierter Verlauf
- Aciclovir 5-10 mg/kg KG i. v. alle 8 Stunden bis zur klinischen Besserung; anschließend orale Therapie zur Komplettierung einer Gesamtbehandlungsdauer von mindestens 10 Tagen.
- Bei Meningitis (Hirnhautentzündung)/Enzephalitis (Gehirnentzündung) oder anderer Organmanifestation (Befall eines Organs) gelten gesonderte, in der Regel längere Hochdosis-Schemata; infektiologische/neurologische Mitbehandlung.
HIV-Infektion/Immunsuppression
- Bei supprimierter HIV-Viruslast und normaler CD4-Zellzahl können in der Regel die Standardschemata für Immunkompetente verwendet werden.
- Erstepisode bei HIV-Infektion: Aciclovir 5-mal 400 mg/d p. o., Valaciclovir 2-mal 500-1.000 mg/d p. o. oder Famciclovir 3-mal 250-500 mg/d p. o.; in der Regel 10 Tage bzw. bis zur vollständigen Reepithelisierung (Neubildung der Haut- oder Schleimhautoberfläche). Bei fortgeschrittener Immunsuppression können höhere Dosierungen und längere Verläufe erforderlich sein.
- Rezidiv bei HIV-Infektion: Standarddosierungen meist für 5-10 Tage; ultrakurze Schemata bei fortgeschrittener Immunsuppression vermeiden.
- Suppression bei HIV-Infektion: Aciclovir 2- bis 3-mal 400 mg/d p. o. oder Valaciclovir 2-mal 500 mg/d p. o.; bei unzureichender Kontrolle Dosissteigerung, danach ggf. Famciclovir 2-mal 500 mg/d p. o. erwägen [LL1-LL3].
Aciclovir-resistenter Herpes genitalis
- Bei unter adäquater Therapie persistierenden oder progredienten (fortschreitenden) Läsionen Resistenz vermuten, Virusisolierung mit Empfindlichkeitsprüfung anstreben und infektiologisch/virologisch mitbehandeln.
- Aciclovir-resistente HSV sind auch gegen Valaciclovir und überwiegend gegen Famciclovir resistent.
- Foscarnet: 40 mg/kg KG i. v. alle 8 Stunden bis zur klinischen Abheilung (entsprechend 80-120 mg/kg KG/d in 2-3 Einzeldosen); keine orale Anwendung. Wegen Nephrotoxizität (nierenschädigender Wirkung) und Elektrolytstörungen (Störungen der Körpersalze) sind Hydratation, Dosisanpassung an die Nierenfunktion und engmaschige Laborüberwachung erforderlich.
- Alternative: Cidofovir bzw. lokal zugängliche Off-Label-Optionen nur unter spezialärztlicher Führung [LL1-LL3].
Schwangerschaft
- Aciclovir ist aufgrund der umfangreichsten Erfahrung das bevorzugte Virostatikum. Eine Erstepisode oder ein klinisch relevantes Rezidiv kann nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung in Standarddosierung oral, bei schwerem Verlauf intravenös, behandelt werden; für Aciclovir und Valaciclovir zeigte eine große Kohortenstudie nach Exposition im ersten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) kein erhöhtes Risiko großer Fehlbildungen [5].
- Peripartale (um den Geburtszeitpunkt erfolgende) Suppression bei anamnestischem (aus der Krankengeschichte bekanntem) genitalem Herpes: Aciclovir 3-mal 400 mg/d p. o. ab 36+0 Schwangerschaftswochen bis zur Geburt; alternativ Valaciclovir 2-mal 500 mg/d p. o. nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung [LL1, LL3, LL4].
- Bei erhöhtem Frühgeburtsrisiko kann ein früherer Beginn der Suppression erforderlich sein. Famciclovir soll in der Schwangerschaft mangels ausreichender Erfahrung nicht eingesetzt werden.
- Eine HSV-Erstepisode im dritten Trimenon, besonders innerhalb von 6 Wochen vor der Geburt, erfordert eine unverzügliche geburtshilfliche, neonatologische (die Versorgung Neugeborener betreffende) und infektiologische Mitbeurteilung; die antivirale Therapie ersetzt die geburtshilfliche Planung nicht.
Wirkweise und wichtige Sicherheitsaspekte
- Aciclovir/Valaciclovir: Nach Aktivierung vorwiegend durch die virale Thymidinkinase (Virusenzym zur Aktivierung des Wirkstoffs) Hemmung der viralen DNA-Polymerase (Enzym zur Vervielfältigung des Virus-Erbguts) und Abbruch der viralen DNA-Synthese. Valaciclovir ist die besser bioverfügbare Prodrug (Vorstufe eines Wirkstoffs) von Aciclovir.
- Famciclovir: Prodrug von Penciclovir; nach intrazellulärer (innerhalb der Zelle stattfindender) Aktivierung Hemmung der viralen DNA-Polymerase und der DNA-Synthese.
- Foscarnet: Direkte Hemmung der Pyrophosphatbindungsstelle (Bindungsstelle am Virusenzym) der viralen DNA-Polymerase; Aktivierung durch virale Thymidinkinase nicht erforderlich.
- Häufige Nebenwirkungen oraler Nukleosidanaloga: Kopfschmerzen, Übelkeit und gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden); selten neurologische Reaktionen und Nierenschädigung, insbesondere bei hoher Dosierung, intravenöser Gabe, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) oder Niereninsuffizienz.
- Cave: Aciclovir, Valaciclovir, Famciclovir und Foscarnet müssen abhängig von der Nierenfunktion dosiert werden. Bei hoch dosierter bzw. intravenöser Therapie auf ausreichende Hydratation achten.
Weitere Hinweise
- Während Prodromi und aktiver Läsionen soll auf sexuelle Kontakte verzichtet werden. Kondome vermindern das Übertragungsrisiko, beseitigen es jedoch nicht vollständig.
- Genitales HSV-1 rezidiviert und reaktiviert im Allgemeinen seltener als genitales HSV-2; eine Dauerprophylaxe ist bei HSV-1 vor allem bei häufigen bzw. belastenden Rezidiven angezeigt.
- Eine zusätzliche Fluconazol-Therapie ist keine Komponente der Herpes-genitalis-Therapie und nur bei gesicherter Vulvovaginalcandidose (Pilzinfektion von Vulva und Scheide) nach den dafür geltenden Empfehlungen indiziert.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- bzw. – beziehungsweise
- d – Tag
- DHA – Docosahexaensäure
- DNA – Desoxyribonukleinsäure
- EPA – Eicosapentaensäure
- et al. – und andere
- ggf. – gegebenenfalls
- HIV – Humanes Immundefizienz-Virus
- HSV – Herpes-simplex-Virus
- i. v. – intravenös
- kg – Kilogramm
- KG – Körpergewicht
- LL – Leitlinie
- mg – Milligramm
- NSAR – nichtsteroidale Antirheumatika
- p. o. – per os, über den Mund
- S2k-Leitlinie – konsensbasierte Leitlinie mit strukturierter Konsensfindung
- S3-Leitlinie – Leitlinie mit systematischer Evidenzaufarbeitung und strukturierter Konsensfindung
- z. B. – zum Beispiel
Literatur
- Wald A, Carrell D, Remington M, Kexel E, Zeh J, Corey L: Two-day regimen of acyclovir for treatment of recurrent genital herpes simplex virus type 2 infection. Clin Infect Dis. 2002;34(7):944-948. doi: 10.1086/339325
- Aoki FY, Tyring S, Diaz-Mitoma F, Gross G, Gao J, Hamed K: Single-day, patient-initiated famciclovir therapy for recurrent genital herpes: a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Clin Infect Dis. 2006;42(1):8-13. doi: 10.1086/498521
- Leone PA, Trottier S, Miller JM: Valacyclovir for episodic treatment of genital herpes: a shorter 3-day treatment course compared with 5-day treatment. Clin Infect Dis. 2002;34(7):958-962. doi: 10.1086/339326
- Corey L, Wald A, Patel R et al.: Once-daily valacyclovir to reduce the risk of transmission of genital herpes. N Engl J Med. 2004;350(1):11-20. doi: 10.1056/NEJMoa035144
- Pasternak B, Hviid A: Use of acyclovir, valacyclovir, and famciclovir in the first trimester of pregnancy and the risk of birth defects. JAMA. 2010;304(8):859-866. doi: 10.1001/jama.2010.1206
- Mylonas I: Sexuell übertragene Erkrankungen. Springer, Heidelberg 2015.
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Leitlinien
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