HIV – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Dauerhafte virologische Suppression (dauerhafte Unterdrückung der Virusvermehrung): Absenkung der HIV-RNA unter die Nachweisgrenze, Erholung und Erhalt der Immunfunktion (Funktion des Abwehrsystems) sowie Vermeidung von Resistenzentwicklung (Entstehung einer Unempfindlichkeit des Virus gegenüber Arzneimitteln).
  • Prognose: Verhinderung HIV-bedingter Morbidität (Krankheitsbelastung) und Mortalität (Sterblichkeit) sowie Erreichen einer annähernd normalen Lebenserwartung.
  • Transmissionsprävention (Verhinderung der Virusübertragung): Bei stabil supprimierter HIV-RNA unter 200 Kopien/ml wird HIV sexuell nicht übertragen („U = U“, undetectable equals untransmittable) [2].
  • Begleiterkrankungen: Prävention und Behandlung opportunistischer Infektionen (Infektionen bei geschwächter Abwehr), kardiovaskulärer (Herz und Blutgefäße betreffender), metabolischer (den Stoffwechsel betreffender), renaler (die Nieren betreffender), hepatischer (die Leber betreffender) und neurokognitiver (Denken und Nervensystem betreffender) Komplikationen.
  • Partnermanagement: Sexualpartner seit dem letzten negativen HIV-Test beziehungsweise aus dem relevanten Expositionszeitraum sollen vertraulich informiert und getestet werden. HIV-negative Partner sollen hinsichtlich einer Präexpositionsprophylaxe beraten werden.

Therapieempfehlungen

  • Therapieindikation: Eine antiretrovirale Therapie (ART) wird allen Patienten mit HIV unabhängig von CD4-Zellzahl, HIV-RNA, klinischem Stadium, Alter oder Schwangerschaft empfohlen [1, 5, 6].
  • Therapiebeginn: Die ART soll möglichst unmittelbar nach gesicherter Diagnose begonnen werden. Ein Beginn am Diagnosetag ist möglich, wenn der Patient vorbereitet ist und keine Konstellation vorliegt, die einen kurzen Aufschub erfordert.
  • Rapid Start: Resistenztestung, HBV-Serologie, HIV-RNA, CD4-Zellzahl sowie Nieren- und Leberparameter werden vor Therapiebeginn abgenommen; das Ergebnis muss bei geeigneter Regimewahl nicht abgewartet werden.
  • Therapiedauer: Die ART wird lebenslang ohne geplante Unterbrechungen durchgeführt. Strukturierte Therapiepausen erhöhen das Risiko für Virusreplikation, Resistenzentwicklung und klinische Ereignisse.
  • Opportunistische Infektionen: Bei den meisten opportunistischen Infektionen beginnt die ART innerhalb von zwei Wochen. Bei Kryptokokkenmeningitis (Hirnhautentzündung durch Kryptokokken) und tuberkulöser Meningitis (Hirnhautentzündung durch Tuberkulosebakterien) kann wegen des Risikos eines schweren Immunrekonstitutionssyndroms (Entzündungsreaktion bei Erholung des Immunsystems) ein individueller Aufschub erforderlich sein.
  • Kinder und Jugendliche: Auch bei ihnen besteht eine uneingeschränkte Therapieindikation; Auswahl und Dosierung müssen alters-, gewichts- und reifungsabhängig nach pädiatrischen Leitlinien erfolgen.

Initiale antiretrovirale Therapie

Bevorzugt werden gut verträgliche, resistenzstabile Regime mit einem Integrase-Strangtransfer-Inhibitor oder – nach europäischer Leitlinie – Doravirin und zwei nukleosidischen beziehungsweise nukleotidischen Reverse-Transkriptase-Inhibitoren [5, 6].

Wirkstoff Besonderheiten
Bictegravir/Emtricitabin/Tenofoviralafenamid Bevorzugtes Ein-Tabletten-Regime; hohe Resistenzbarriere. Nicht zusammen mit Rifampicin; zeitlicher Abstand zu polyvalenten Kationen beachten.
Dolutegravir plus Tenofoviralafenamid/Emtricitabin Bevorzugtes Regime; hohe Resistenzbarriere. Bei gleichzeitiger Rifampicintherapie oder bestimmten Integraseresistenzen ist Dolutegravir in der Regel zweimal täglich erforderlich.
Dolutegravir plus Tenofovirdisoproxil/Emtricitabin oder Lamivudin Bevorzugtes Regime, insbesondere bei HBV-Koinfektion (gleichzeitige Infektion mit Hepatitis-B-Viren). Nierenfunktion und Knochenrisiko beachten.
Dolutegravir/Lamivudin Zwei-Wirkstoff-Regime. Nicht bei HBV-Koinfektion, HIV-RNA über 500.000 Kopien/ml, fehlendem Ausgangsresistenzbefund oder noch ungeklärter HBV-Serologie einsetzen.
Doravirin plus Tenofoviralafenamid oder Tenofovirdisoproxil plus Emtricitabin oder Lamivudin Europäische Erstlinienoption bei fehlender NNRTI-Resistenz. Geringeres neuropsychiatrisches Nebenwirkungspotenzial als Efavirenz; starke CYP3A-Induktoren sind kontraindiziert.
Rilpivirin/Emtricitabin/Tenofiralafenamid Nur bei HIV-RNA unter 100.000 Kopien/ml und CD4-Zellzahl über 200/µl. Protonenpumpenhemmer sind kontraindiziert; zahlreiche Interaktionen mit säurereduzierenden Arzneimitteln.
Darunavir/Cobicistat/Emtricitabin/Tenofoviralafenamid Situationsbezogene Alternative mit hoher Resistenzbarriere. Zahlreiche CYP3A-vermittelte Interaktionen; nicht zur Neueinstellung in der Schwangerschaft.
  • Wirkweise: Kombination aus einem Integrase-, NNRTI- oder Protease-Inhibitor mit einem NRTI-Rückgrat hemmt mehrere Schritte der HIV-Replikation.
  • Indikationen (Anwendungsgebiete): Initialtherapie der HIV-1-Infektion bei Erwachsenen und entsprechend zugelassenen Jugendlichen.
  • Kontraindikationen (Gegenanzeigen): Abhängig von HBV-Status, Resistenzprofil, Nieren- und Leberfunktion, Schwangerschaft sowie relevanten Arzneimittelinteraktionen.
  • Nebenwirkungen: Möglich sind gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden), Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Gewichtszunahme, metabolische Veränderungen sowie substanzabhängig renale, ossäre (die Knochen betreffende), hepatische oder neuropsychiatrische Effekte.

Besondere Ausgangssituationen:

  • HBV-Koinfektion: Das Regime muss Tenofoviralafenamid oder Tenofovirdisoproxil zusammen mit Emtricitabin oder Lamivudin enthalten. Ein unkontrolliertes Absetzen kann eine Hepatitisexazerbation (Verschlechterung einer Leberentzündung) auslösen.
  • Vorbehandlung mit langwirksamem Cabotegravir zur PrEP: Bis zum Vorliegen einer Integrase-Resistenztestung kann Darunavir/Ritonavir oder Darunavir/Cobicistat plus zwei NRTI erforderlich sein.
  • Abacavir: Anwendung nur bei negativem HLA-B*5701-Test, fehlender HBV-Koinfektion und nach Bewertung des möglichen kardiovaskulären Risikos.
  • Fortgeschrittene Niereninsuffizienz (Nierenschwäche): Auswahl und Dosierung der NRTI müssen an die Nierenfunktion und gegebenenfalls an das Dialyseverfahren angepasst werden.
  • Alte Wirkstoffe: Didanosin, Stavudin, Indinavir, Nelfinavir, Saquinavir und Ritonavir als alleiniger Protease-Inhibitor haben wegen Toxizität, Interaktionen oder unzureichender Wirksamkeit keinen Stellenwert in der routinemäßigen Initialtherapie.
  • Zidovudin: Eine Monotherapie (Behandlung mit nur einem Wirkstoff), auch in der Schwangerschaft, ist nicht indiziert.

Wirkstoffe der antiretroviralen Therapie

Wirkstoff Besonderheiten
Bictegravir Integrase-Inhibitor mit hoher Resistenzbarriere; nur als Bictegravir/Emtricitabin/Tenofoviralafenamid verfügbar.
Dolutegravir Hohe Resistenzbarriere; Interaktionen mit polyvalenten Kationen. Eine generelle Kontrazeptionspflicht (Pflicht zur Empfängnisverhütung) besteht nicht.
Raltegravir Gut verträglich, aber niedrigere Resistenzbarriere als Bictegravir und Dolutegravir. Die einmal tägliche Form ist nicht für alle Situationen geeignet.
Tenofoviralafenamid Geringere renale und ossäre Toxizität als Tenofovirdisoproxil; häufig stärkere Lipidzunahme.
Tenofovirdisoproxil Wirksam gegen HIV und HBV; Nierenfunktion, Proteinurie, Phosphat und Knochenrisiko beachten.
Emtricitabin NRTI mit HIV- und HBV-Wirksamkeit; Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz.
Lamivudin NRTI mit HIV- und HBV-Wirksamkeit; als alleinige HBV-Komponente rasche Resistenzentwicklung möglich.
Abacavir Nur bei negativem HLA-B*5701-Test. Keine HBV-Wirksamkeit; mögliche Assoziation mit kardiovaskulärem Risiko berücksichtigen.
Doravirin NNRTI mit vergleichsweise günstigem neuropsychiatrischem und metabolischem Profil; kontraindiziert mit starken CYP3A-Induktoren.
Rilpivirin Niedrige Resistenzbarriere; orale Resorption ist pH-abhängig. Protonenpumpenhemmer sind kontraindiziert.
Darunavir/Ritonavir oder Darunavir/Cobicistat Protease-Inhibitor mit hoher Resistenzbarriere; zahlreiche Interaktionen und erhöhtes metabolisches Risiko.
  • Wirkweise: NRTI verursachen einen Kettenabbruch; NNRTI hemmen die reverse Transkriptase allosterisch; Integrase-Inhibitoren verhindern den Einbau viraler DNA; Protease-Inhibitoren verhindern die Reifung infektiöser Viren.
  • Indikationen: Kombinationstherapie der HIV-1-Infektion; Tenofovir, Emtricitabin und Lamivudin wirken zusätzlich gegen HBV.
  • Kontraindikationen: Wirkstoffspezifische Überempfindlichkeit, relevante Organinsuffizienz oder nicht beherrschbare Arzneimittelinteraktionen; Abacavir bei positivem HLA-B*5701.
  • Nebenwirkungen: Wirkstoffabhängig unter anderem gastrointestinale und neuropsychiatrische Beschwerden, Gewichtszunahme, Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung), Insulinresistenz (verminderte Wirkung von Insulin), Nieren- und Knochentoxizität, Hepatotoxizität (leberschädigende Wirkung) und Hypersensitivitätsreaktionen (Überempfindlichkeitsreaktionen).

Langwirksame antiretrovirale Therapie

Wirkstoff Besonderheiten
Cabotegravir plus Rilpivirin Nur bei stabil supprimierter HIV-RNA, ohne vorausgegangenes virologisches Versagen (Therapieversagen mit erneuter Virusvermehrung) und ohne bekannte oder vermutete Resistenz gegen INSTI beziehungsweise Rilpivirin. Eine orale Einleitungsphase ist optional. Bei HBV-Koinfektion ist eine zusätzliche HBV-wirksame Therapie erforderlich.
  • Wirkweise: Langwirksame Kombination eines Integrase-Inhibitors mit einem NNRTI.
  • Indikationen: Erhaltungstherapie bei virologisch supprimierten Patienten, wenn das Injektionsschema zuverlässig eingehalten werden kann.
  • Kontraindikationen: Relevante Resistenz, aktives unbehandeltes HBV, virologisches Versagen oder gleichzeitige Anwendung starker Enzyminduktoren.
  • Nebenwirkungen: Sehr häufig lokale Reaktionen an der Injektionsstelle; außerdem Fieber, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlafstörungen und Gewichtszunahme.

Cave: Verspätete Injektionen erfordern ein leitliniengerechtes orales Überbrückungsschema. Wegen der langen pharmakokinetischen „Tail-Phase“ besteht bei Therapieabbruch ohne wirksame Anschlussbehandlung ein Resistenzrisiko.

Multiresistente HIV-1-Infektion (gegen mehrere Arzneimittel unempfindliche HIV-1-Infektion)

Die Therapie wird anhand der vollständigen Resistenz- und Behandlungshistorie zusammengestellt. Wenn möglich, sollen mindestens zwei vollständig aktive Wirkstoffe kombiniert werden.

Wirkstoff Besonderheiten
Lenacapavir Langwirksamer Kapsid-Inhibitor für vorbehandelte Erwachsene mit multiresistenter HIV-1-Infektion, wenn kein anderes vollständig supprimierendes Regime zusammengestellt werden kann. Immer mit optimierter Hintergrundtherapie kombinieren [4].
Fostemsavir Attachment-Inhibitor für stark vorbehandelte Patienten mit multiresistenter HIV-1-Infektion; Retardtabletten unzerkaut einnehmen.
Maraviroc CCR5-Antagonist; Einsatz ausschließlich bei nachgewiesenem CCR5-tropem Virus. Dosisanpassung bei CYP3A-Inhibitoren oder -Induktoren.
Enfuvirtid Fusionsinhibitor; ausschließlich in aktiver Kombinationstherapie. Häufig ausgeprägte lokale Reaktionen.
Ibalizumab Post-Attachment-Inhibitor. Die frühere EU-Zulassung wurde zum 1. Januar 2023 aus kommerziellen Gründen zurückgenommen; die im Ausgangstext genannte Dosierung von 200 mg alle zwei Wochen ist nicht korrekt.
  • Wirkweise: Hemmung des viralen Kapsids, der gp120-vermittelten Anheftung, des CCR5-vermittelten Eintritts oder der Fusion mit der Wirtszelle.
  • Indikationen: Stark vorbehandelte Patienten mit multiresistenter HIV-1-Infektion und begrenzten aktiven Therapieoptionen.
  • Kontraindikationen: Fehlende Wirksamkeit entsprechend Tropismus- oder Resistenzbefund sowie relevante substanzspezifische Interaktionen.
  • Nebenwirkungen: Abhängig vom Wirkstoff unter anderem Injektionsreaktionen, Übelkeit, Diarrhö, Kopfschmerzen, Transaminasenerhöhung, Hypersensitivitätsreaktionen und Immunrekonstitutionssyndrom.

Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit

  • Therapie: Eine wirksame ART soll vor der Konzeption (Empfängnis) beziehungsweise unmittelbar nach Diagnosestellung begonnen und während Schwangerschaft, Geburt und Stillzeit lückenlos fortgesetzt werden [8, 9].
  • Fortführung: Ein gut verträgliches, vollständig supprimierendes Regime wird in der Regel beibehalten, sofern keine relevante fetale Toxizität (Schädigung des ungeborenen Kindes) oder unzureichende Arzneimittelexposition zu erwarten ist.
  • Dolutegravir: Die früher geforderte Kontrazeption wegen eines vermuteten Neuralrohrdefektrisikos (Risiko einer Fehlbildung von Gehirn oder Rückenmark) ist nicht mehr gerechtfertigt. Dolutegravir gehört zu den bevorzugten Wirkstoffen in der Schwangerschaft.
  • Viruslastkontrolle: HIV-RNA bei Erstvorstellung, zwei bis vier Wochen nach Therapiebeginn oder -wechsel, anschließend bis zur Suppression monatlich und erneut in der 34.-36. Schwangerschaftswoche bestimmen.
Wirkstoff Besonderheiten
Bictegravir/Emtricitabin/Tenofoviralafenamid Nach aktuellen internationalen Perinatalleitlinien bevorzugtes Regime bei Neueinstellung; ausreichend Daten zu Exposition, Wirksamkeit und Sicherheit vorhanden [8].
Dolutegravir plus Tenofoviralafenamid/Emtricitabin Bevorzugtes Regime während Schwangerschaft und bei Kinderwunsch.
Dolutegravir plus Tenofovirdisoproxil/Emtricitabin oder Lamivudin Bevorzugte Alternative; Nierenfunktion und Knochenrisiko berücksichtigen.
Darunavir/Ritonavir plus zwei NRTI Bevorzugt bei vorausgegangener Cabotegravir-PrEP oder vermuteter Integraseresistenz bis zum Vorliegen des Resistenzbefundes. Cobicistat-Boosting in der Schwangerschaft vermeiden.
  • Wirkweise: Vollständige Suppression der mütterlichen Virusreplikation verhindert eine intrauterine (im Mutterleib erfolgende), intrapartale (während der Geburt erfolgende) und postnatale (nach der Geburt erfolgende) HIV-Übertragung.
  • Indikationen: Behandlung aller HIV-positiven Schwangeren unabhängig von HIV-RNA und CD4-Zellzahl.
  • Kontraindikationen: Regimespezifische Resistenz, relevante Interaktionen oder unzureichende Wirkstoffexposition; Cobicistat-haltige Neueinstellungen und langwirksames Cabotegravir/Rilpivirin werden in der Schwangerschaft nicht empfohlen.
  • Nebenwirkungen: Entsprechen im Wesentlichen denen außerhalb der Schwangerschaft; zusätzlich sind schwangerschaftsbedingte Veränderungen der Pharmakokinetik zu berücksichtigen.

Vaginale Entbindung: Sie kann bei geburtshilflich geeigneter Situation und stabiler HIV-RNA unter 50 Kopien/ml angestrebt werden. Bei zuverlässig supprimierter Viruslast ist keine intravenöse Zidovudinprophylaxe während der Geburt erforderlich.

Nachweisbare HIV-RNA: Bei HIV-RNA ab 50 Kopien/ml in der späten Schwangerschaft werden Geburtsmodus, intravenöse Zidovudingabe und neonatale Prophylaxe (vorbeugende Behandlung des Neugeborenen) interdisziplinär und abhängig von der Höhe der Viruslast festgelegt. Insbesondere bei HIV-RNA über 400 Kopien/ml oder unbekannter Viruslast ist eine geplante Sectio (Kaiserschnitt) zu prüfen.

Neugeborenes: Art und Dauer der postnatalen Prophylaxe richten sich nach der mütterlichen Viruslast, der Therapietreue und weiteren Übertragungsrisiken. Nach deutsch-österreichischer Leitlinie kann bei durchgehend dokumentierter Suppression im Einzelfall auf eine neonatale Prophylaxe verzichtet werden [9].

Stillzeit: Bei dauerhaft supprimierter HIV-RNA kann nach ausführlicher gemeinsamer Entscheidungsfindung gestillt werden. Die HIV-RNA wird einen Monat nach der Geburt und während des Stillens etwa alle zwei Monate kontrolliert. Bei nachweisbarer Viruslast ist das Stillen zu pausieren und unverzüglich ein spezialisiertes Zentrum einzubeziehen.

Kardiovaskuläre Prävention

Nach der ESC/EAS-Aktualisierung 2025 wird Patienten mit HIV ab dem Alter von 40 Jahren zur Primärprävention (Vorbeugung vor dem ersten kardiovaskulären Ereignis) eine Statintherapie unabhängig vom Ausgangswert des LDL-Cholesterins und vom errechneten kardiovaskulären Risiko empfohlen. Grundlage ist insbesondere die in der REPRIEVE-Studie gezeigte Reduktion schwerer kardiovaskulärer Ereignisse [3].

Wirkstoff Besonderheiten
Pitavastatin Geringes Interaktionspotenzial mit antiretroviralen Wirkstoffen; in REPRIEVE untersuchte Dosierung.
Atorvastatin Bei Ritonavir oder Cobicistat Dosisbegrenzung und engmaschige Kontrolle beachten.
Rosuvastatin Bei Atazanavir, Darunavir, Ritonavir oder Cobicistat gelten regimenabhängige Höchstdosen.
  • Wirkweise: Hemmung der HMG-CoA-Reduktase mit Senkung des LDL-Cholesterins und Stabilisierung atherosklerotischer Plaques (Ablagerungen in den Arterienwänden).
  • Indikationen: Primärprävention ab 40 Jahren sowie unabhängig davon bei etablierter atherosklerotischer Erkrankung, Diabetes oder entsprechend erhöhtem Risiko.
  • Kontraindikationen: Aktive schwere Lebererkrankung, Schwangerschaft und substanzabhängige Interaktionen; Simvastatin und Lovastatin sind mit Ritonavir- oder Cobicistat-geboosterten Regimen kontraindiziert.
  • Nebenwirkungen: Myalgien (Muskelschmerzen), Transaminasenerhöhung, selten Myopathie (Muskelerkrankung) oder Rhabdomyolyse (Zerfall von Muskelgewebe) sowie geringfügige Erhöhung des Diabetesrisikos.

Präexpositionsprophylaxe

Eine PrEP wird HIV-negativen Patienten mit relevantem HIV-Expositionsrisiko (Risiko eines Kontakts mit HIV) angeboten. Vor Beginn und regelmäßig während der Anwendung muss eine HIV-Infektion mit einem geeigneten Test ausgeschlossen werden. Die PrEP schützt nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen.

Wirkstoff Besonderheiten
Tenofovirdisoproxil/Emtricitabin Etablierte orale PrEP. Vor Beginn HIV-Test, Nierenfunktions- und HBV-Diagnostik. Eine anlassbezogene 2-1-1-Einnahme ist eine leitliniengestützte Off-Label-Option ausschließlich für ausgewählte Männer mit analer Exposition und ohne chronische HBV-Infektion.
Cabotegravir, langwirksam Hochwirksame Alternative zur oralen PrEP. HIV-Test vor jeder Injektion; Injektionsintervalle und Anschlussbehandlung nach Absetzen konsequent einhalten.
Lenacapavir zur PrEP In der EU seit 2025 für Erwachsene und Jugendliche ab 35 kg mit erhöhtem sexuellem HIV-Risiko zugelassen. HIV-Test vor Beginn und vor jeder Folgeinjektion [13].
  • Wirkweise: Verhinderung der Etablierung einer HIV-Infektion durch NRTI-, Integrase- oder Kapsidhemmung.
  • Indikationen: HIV-negative Patienten mit relevantem sexuellem oder injektionsbedingtem HIV-Expositionsrisiko.
  • Kontraindikationen: Bestehende oder nicht sicher ausgeschlossene HIV-Infektion; substanzabhängig Niereninsuffizienz, unbehandelte HBV-Problematik oder starke Enzyminduktoren.
  • Nebenwirkungen: Abhängig vom Regime gastrointestinale Beschwerden, Kopfschmerzen, renale und ossäre Effekte sowie lokale Reaktionen bei injizierbaren Präparaten.

Therapiemonitoring

  • Vor Therapiebeginn: HIV-RNA, CD4-Zellzahl, genotypische Resistenztestung, Blutbild, Kreatinin und geschätzte glomeruläre Filtrationsrate, Urinstatus, Transaminasen, Bilirubin, Glucose, Lipide, HBV- und HCV-Serologie, STI-Screening und gegebenenfalls Schwangerschaftstest.
  • Zusatzdiagnostik: HLA-B*5701 vor Abacavir; Integrase-Resistenztestung bei vorausgegangener Cabotegravir-PrEP oder vermuteter Integraseresistenz; Tropismustest vor Maraviroc.
  • HIV-RNA: Kontrolle zwei bis vier Wochen nach Therapiebeginn oder -wechsel, danach alle vier bis acht Wochen bis zur Suppression; bei stabiler Suppression alle drei bis sechs Monate.
  • CD4-Zellzahl: Initial und abhängig vom Ausgangswert alle drei bis sechs Monate. Bei langjähriger Suppression und stabilen Werten über 300/µl kann die Kontrollfrequenz reduziert werden.
  • Sicherheitskontrollen: Regimeabhängige Überwachung von Nieren- und Leberfunktion, Blutbild, Lipiden, Glucose, Gewicht, Blutdruck, Knochengesundheit und Arzneimittelinteraktionen.
  • Virologisches Versagen: Adhärenz (zuverlässige Einhaltung der Therapie), Einnahmebedingungen und Interaktionen prüfen; Resistenztestung möglichst unter laufender Therapie oder innerhalb von vier Wochen nach Absetzen durchführen.

Prophylaxe und Therapie opportunistischer Infektionen

Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie (Lungenentzündung durch Pneumocystis jirovecii):

Eine Primärprophylaxe (vorbeugende Behandlung vor erstmaliger Erkrankung) ist in der Regel bei einer CD4-Zellzahl unter 200/µl indiziert, insbesondere bei Werten unter 100/µl oder bei 100-200/µl und nachweisbarer HIV-RNA. Sie kann bei stabiler Immunrekonstitution unter wirksamer ART leitliniengerecht beendet werden [10].

Wirkstoff Besonderheiten
Cotrimoxazol zur Prophylaxe Mittel der ersten Wahl; schützt zusätzlich vor Toxoplasmose und mehreren bakteriellen Infektionen.
Cotrimoxazol bei leichter bis mittelschwerer Pneumonie Mittel der ersten Wahl; Therapiedauer 21 Tage.
Cotrimoxazol bei mittelschwerer bis schwerer Pneumonie Nach klinischer Besserung orale Fortführung möglich; Gesamtdauer 21 Tage.
Clindamycin plus Primaquin Bevorzugte Alternative; vor Primaquin G6PD-Aktivität bestimmen.
Pentamidin Alternative bei schwerer Erkrankung; hohe systemische Toxizität.
Prednison beziehungsweise Prednisolon Zusätzlich bei PaO2 unter 70 mmHg oder alveoloarterieller Sauerstoffdifferenz ab 35 mmHg, möglichst innerhalb von 72 Stunden beginnen.
  • Wirkweise: Cotrimoxazol hemmt sequenziell den Folsäurestoffwechsel; alternative Wirkstoffe greifen in den Protozoenstoffwechsel beziehungsweise die Proteinsynthese ein.
  • Indikationen: Primär- und Sekundärprophylaxe (vorbeugende Behandlung nach bereits durchgemachter Erkrankung) sowie Behandlung der Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie.
  • Kontraindikationen: Schwere Überempfindlichkeit gegen Sulfonamide, relevante Organinsuffizienz oder G6PD-Mangel bei Dapson und Primaquin.
  • Nebenwirkungen: Exanthem (Hautausschlag), Fieber, Zytopenien (Verminderung von Blutzellen), Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel), Kreatininanstieg, Hepatotoxizität; bei Pentamidin zusätzlich Nephrotoxizität (nierenschädigende Wirkung), Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse), Hypoglykämie (Unterzuckerung) oder Hyperglykämie (Überzuckerung) und Elektrolytstörungen.

ART-Beginn: Bei Pneumocystis-Pneumonie möglichst innerhalb von zwei Wochen nach Beginn der antiinfektiven Behandlung.

Zerebrale Toxoplasmose (Infektion des Gehirns durch Toxoplasmen):

Bei positiver Toxoplasma-IgG und CD4-Zellzahl unter 100/µl ist eine Primärprophylaxe erforderlich. Cotrimoxazol 160/800 mg einmal täglich ist Mittel der ersten Wahl.

Wirkstoff Besonderheiten
Pyrimethamin plus Sulfadiazin plus Folinsäure Klassische Therapie der ersten Wahl. Akuttherapie mindestens sechs Wochen, danach Sekundärprophylaxe.
Cotrimoxazol Gleichwertige, praktisch gut verfügbare bevorzugte Therapieoption.
Pyrimethamin plus Clindamycin plus Folinsäure Alternative bei Sulfonamidunverträglichkeit; schützt nicht vor Pneumocystis-Pneumonie.
Pyrimethamin plus Sulfadiazin plus Folinsäure zur Erhaltungstherapie Fortführen, bis der Patient asymptomatisch (beschwerdefrei) ist und die CD4-Zellzahl unter wirksamer ART länger als sechs Monate über 200/µl liegt.
  • Wirkweise: Pyrimethamin und Sulfonamide hemmen aufeinanderfolgende Schritte des parasitären Folsäurestoffwechsels; Folinsäure reduziert die Knochenmarktoxizität.
  • Indikationen: Primärprophylaxe, Akuttherapie und Sekundärprophylaxe der Toxoplasma-gondii-Enzephalitis (Gehirnentzündung durch Toxoplasmen).
  • Kontraindikationen: Schwere Überempfindlichkeit, relevante Knochenmarkdepression (verminderte Bildung von Blutzellen im Knochenmark) oder nicht beherrschbare Organinsuffizienz.
  • Nebenwirkungen: Exanthem, Zytopenien, Hepatotoxizität, Nephrotoxizität, Übelkeit und Erbrechen; Blutbild und Organfunktionen engmaschig kontrollieren.

ART-Beginn: Üblicherweise innerhalb von zwei bis drei Wochen nach Beginn der Toxoplasmosetherapie.

Weitere opportunistische Infektionen:

Wirkstoff Besonderheiten
Fluconazol bei oropharyngealer Candidose (Pilzinfektion im Mund- und Rachenraum) Systemisches Mittel der ersten Wahl; topische Therapie nur bei leichter Erkrankung.
Fluconazol bei Ösophaguscandidose (Pilzinfektion der Speiseröhre) Systemische Behandlung erforderlich; bei Therapieversagen Endoskopie und Resistenzdiagnostik.
Valganciclovir bei CMV-Retinitis (Netzhautentzündung durch das Cytomegalievirus) Mittel der ersten Wahl bei geeigneter oraler Resorption; bei unmittelbar visusbedrohender Läsion (Gewebeschädigung mit Gefahr für das Sehvermögen) zusätzlich lokale Therapie erwägen.
Liposomales Amphotericin B plus Flucytosin bei Kryptokokkenmeningitis Anschließend Fluconazol 800 mg/Tag für mindestens acht Wochen und danach 200 mg/Tag als Erhaltungstherapie. Intrakraniellen Druck (Druck innerhalb des Schädels) aktiv behandeln.
Azithromycin plus Ethambutol bei disseminierter Mycobacterium-avium-Komplex-Infektion (im Körper ausgebreitete Infektion mit Mycobacterium-avium-Komplex-Bakterien) Primärprophylaxe ist bei sofort beginnender, vollständig supprimierender ART nicht erforderlich. Falls keine wirksame ART möglich ist und CD4 unter 50/µl liegt, kann Azithromycin 1.200 mg einmal wöchentlich eingesetzt werden.
Isoniazid, Rifampicin, Pyrazinamid und Ethambutol bei Tuberkulose In der Regel zwei Monate Vierfachtherapie, anschließend vier Monate Isoniazid plus Rifampicin. Resistenz, Organbefall und Interaktionen mit der ART können ein anderes Schema erfordern.
  • Wirkweise: Erregerspezifische Hemmung der Pilz-, Virus- oder Mykobakterienvermehrung.
  • Indikationen: Gesicherte oder hochgradig wahrscheinliche opportunistische Infektion; eine Primärprophylaxe ist nur bei ausdrücklich definierten CD4- und Risikokonstellationen angezeigt.
  • Kontraindikationen: Substanzabhängige Überempfindlichkeit, Organinsuffizienz, Knochenmarktoxizität oder klinisch relevante Interaktionen mit der ART.
  • Nebenwirkungen: Je nach Wirkstoff Nephro-, hepato-, hämatologische und neurologische Toxizität, Elektrolytstörungen, QT-Verlängerung (Verlängerung der elektrischen Erregungsdauer des Herzens) und zahlreiche Arzneimittelinteraktionen.

Tuberkulose und ART: Bei CD4-Zellzahlen unter 50/µl soll die ART bei nicht meningealer Tuberkulose (Tuberkulose ohne Befall der Hirnhäute) innerhalb von zwei Wochen begonnen werden, ansonsten spätestens innerhalb von zwei bis acht Wochen. Rifampicin erfordert eine sorgfältige Anpassung der antiretroviralen Therapie.

Kryptokokkenmeningitis und ART: Der ART-Beginn wird im Allgemeinen um vier bis sechs Wochen aufgeschoben, um ein potenziell lebensbedrohliches Immunrekonstitutionssyndrom zu vermeiden.

Abkürzungen

  • ART: Antiretrovirale Therapie
  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • CCR5: C-C-Chemokinrezeptor Typ 5
  • CD4: Cluster of Differentiation 4
  • CMV: Cytomegalievirus
  • CYP3A: Cytochrom-P450-3A
  • EACS: European AIDS Clinical Society
  • EAS: European Atherosclerosis Society
  • EMA: European Medicines Agency
  • ESC: European Society of Cardiology
  • EU: Europäische Union
  • G6PD: Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase
  • gp120: Glykoprotein 120
  • HBV: Hepatitis-B-Virus
  • HCV: Hepatitis-C-Virus
  • HIV: Humanes Immundefizienzvirus
  • HLA: Humanes Leukozytenantigen
  • HMG-CoA: 3-Hydroxy-3-Methylglutaryl-Coenzym A
  • INSTI: Integrase-Strangtransfer-Inhibitor
  • KG: Körpergewicht
  • LDL: Low Density Lipoprotein
  • NNRTI: Nichtnukleosidischer Reverse-Transkriptase-Inhibitor
  • NRTI: Nukleosidischer beziehungsweise nukleotidischer Reverse-Transkriptase-Inhibitor
  • PaO2: Arterieller Sauerstoffpartialdruck
  • PrEP: Präexpositionsprophylaxe
  • REPRIEVE: Randomized Trial to Prevent Vascular Events in HIV
  • RNA: Ribonukleinsäure
  • STI: Sexuell übertragbare Infektion
  • U = U: Undetectable equals untransmittable

Literatur

  1. INSIGHT START Study Group. Initiation of antiretroviral therapy in early asymptomatic HIV infection. N Engl J Med. 2015;373:795-807. doi:10.1056/NEJMoa1506816.
  2. Rodger AJ, Cambiano V, Bruun T et al.: Risk of HIV transmission through condomless sex in serodifferent gay couples with suppressive ART: final results of the PARTNER2 study. Lancet. 2019;393:2428-2438. doi:10.1016/S0140-6736(19)30418-0.
  3. Grinspoon SK, Fitch KV, Zanni MV et al.: Pitavastatin to prevent cardiovascular disease in HIV infection. N Engl J Med. 2023;389:687-699. doi:10.1056/NEJMoa2304146.
  4. Segal-Maurer S, DeJesus E, Stellbrink HJ et al.: Capsid inhibition with lenacapavir in multidrug-resistant HIV-1 infection. N Engl J Med. 2022;386:1793-1803. doi:10.1056/NEJMoa2115542.
  5. Gandhi RT, Bedimo R, Hoy JF, et al. Antiretroviral drugs for treatment and prevention of HIV in adults: 2024 recommendations of the International Antiviral Society-USA Panel. JAMA. 2025;333:609-628. doi:10.1001/jama.2024.24543.
  6. Ambrosioni J, Levi LI, Alagaratnam J et al.: Major revision version 13.0 of the European AIDS Clinical Society guidelines 2025. HIV Med. 2026;27:18-32. doi:10.1111/hiv.70120.

Leitlinien und Fachinformationen

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  2. National Institutes of Health. Guidelines for the Use of Antiretroviral Agents in Adults and Adolescents with HIV. Aktualisierte Onlineleitlinie.
  3. National Institutes of Health. Recommendations for the Use of Antiretroviral Drugs During Pregnancy. Aktualisiert 2026.
  4. Deutsche AIDS-Gesellschaft und Österreichische AIDS-Gesellschaft. Deutsch-Österreichische Leitlinie zur HIV-Therapie in der Schwangerschaft und bei HIV-exponierten Neugeborenen, AWMF-Registernummer 055-002. 2025.
  5. National Institutes of Health. Guidelines for the Prevention and Treatment of Opportunistic Infections in Adults and Adolescents with HIV. Aktualisierte Onlineleitlinie.
  6. European Society of Cardiology und European Atherosclerosis Society. 2025 Focused Update of the ESC/EAS Guidelines for the Management of Dyslipidaemias.
  7. European Medicines Agency. Sunlenca – Lenacapavir zur Behandlung der multiresistenten HIV-1-Infektion. Produktinformation, Stand 2026.
  8. European Medicines Agency. Yeytuo – Lenacapavir zur HIV-Präexpositionsprophylaxe. 2025.