Windpocken (Varizellen) – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Varizellen (Windpocken) vor allem bei immunsupprimierten Patienten, Schwangeren, Neugeborenen sowie bei Erkrankung im Jugend- oder Erwachsenenalter mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Akute respiratorische Insuffizienz (akute Atemschwäche) – insbesondere bei schwerer Varizellenpneumonie (Windpocken-Lungenentzündung), disseminierter Varizella-Zoster-Virus-Infektion (im Körper ausgebreiteter Windpocken-Gürtelrose-Virus-Infektion) oder immunsupprimierten Patienten [1-3, LL 1-3]
- Akutes Atemnotsyndrom – seltene, aber schwere Verlaufsform bei Varizellenpneumonie, vor allem bei Erwachsenen, Schwangeren und immunsupprimierten Patienten [1-4, LL 1-3]
- Varizellenpneumonie – wichtigste schwere pulmonale (die Lunge betreffende) Komplikation bei Erwachsenen; erhöhtes Risiko bei Schwangerschaft, Rauchen, Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems) und disseminierter Varizella-Zoster-Virus-Infektion [1-4, LL 1-3]
Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)
- Keratitis (Hornhautentzündung) – seltene okuläre (das Auge betreffende) Komplikation, insbesondere bei Varizellen im Gesichtsbereich oder disseminierter Varizella-Zoster-Virus-Infektion [1-3]
- Retinitis (Netzhautentzündung) – seltene Komplikation, vor allem bei HIV-Infektion (Infektion mit dem menschlichen Immunschwächevirus), schwerer Immunsuppression oder disseminierter Varizella-Zoster-Virus-Infektion beschrieben [2, 3, LL 3]
- Uveitis/Chorioretinitis (Entzündung der mittleren Augenhaut/Entzündung von Aderhaut und Netzhaut) – seltene entzündliche Augenkomplikation; auch als Bestandteil des kongenitalen Varizellensyndroms möglich [2, 3, 5, LL 1, LL 3]
Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)
- Fetales beziehungsweise kongenitales Varizellensyndrom (angeborenes Windpocken-Syndrom) – seltene, aber schwerwiegende Folge maternaler Varizellen (mütterlicher Windpocken) vor allem im ersten und frühen zweiten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel); charakteristisch sind segmentale Hautnarben, Extremitätenhypoplasie (Unterentwicklung der Gliedmaßen), neurologische Schädigungen (Schädigungen des Nervensystems), Augenanomalien (Fehlbildungen der Augen) und Wachstumsrestriktion (Wachstumshemmung); das Risiko wird bei maternaler Infektion (mütterlicher Infektion) in der Frühschwangerschaft mit etwa 0,4-2,0 % angegeben [3-5, LL 1, LL 3]
- Neonatale Varizellen (Windpocken beim Neugeborenen) – besonders hohes Risiko bei maternaler Varizellenmanifestation (mütterlichem Auftreten von Windpocken) im Zeitraum von 5 Tagen vor bis 2 Tagen nach der Geburt; trotz Varizella-Zoster-Immunglobulin (Windpocken-Gürtelrose-Antikörperpräparat) und intensivmedizinischer Therapie weiterhin potenziell lebensbedrohlich [3-5, LL 1, LL 3]
- Schwere Varizellen bei Frühgeborenen – insbesondere bei fehlender maternaler Immunität (mütterlichem Immunschutz), Geburt vor 28 Schwangerschaftswochen oder Geburtsgewicht ≤1.000 g [LL 2, LL 3]
Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)
- Disseminierte intravasale Gerinnung (im Gefäßsystem ausgebreitete Blutgerinnung) – seltene schwere Komplikation bei disseminierter Varizella-Zoster-Virus-Infektion, vor allem bei Immunsuppression [2, 3, LL 3]
- Hämorrhagische Varizellen/hämorrhagische Diathese (blutende Windpocken/Blutungsneigung) – seltene schwere Verlaufsform mit hämorrhagischen Hautläsionen (blutenden Hautveränderungen), insbesondere bei immunsupprimierten Patienten [1-3, LL 3]
- Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) – seltene hämatologische (das Blut betreffende) Komplikation im Rahmen schwerer oder disseminierter Varizellen [1-3, LL 3]
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Akut ischämischer Schlaganfall (akuter Schlaganfall durch Durchblutungsstörung) – insbesondere bei postvarizellöser Arteriopathie (Gefäßerkrankung nach Windpocken) im Kindesalter beziehungsweise Varizella-Zoster-Virus-Vaskulopathie (windpockenbedingter Gefäßerkrankung); bei juvenilem Schlaganfall (Schlaganfall bei jungen Menschen) sollte anamnestisch (in der Krankengeschichte) nach vorausgegangenen Varizellen oder Herpes zoster (Gürtelrose) gefragt werden; bei klinischem Verdacht ist die kraniale MRT (Magnetresonanztomographie des Schädels) einschließlich Diffusionswichtung (DWI) zur Detektion akuter Ischämien (Nachweis frischer Durchblutungsstörungen) diagnostisch relevant [3, 7]
- Myokarditis (Herzmuskelentzündung) – seltene, potenziell schwere kardiale (das Herz betreffende) Komplikation bei primärer Varizella-Zoster-Virus-Infektion oder disseminierter Infektion [1-3]
- Varizella-Zoster-Virus-Vaskulopathie – entzündliche Vaskulopathie (Gefäßerkrankung) nach Primärinfektion (Erstinfektion) oder Reaktivierung (Wiederaktivierung) mit möglichem ischämischem oder hämorrhagischem Schlaganfall (Schlaganfall durch Durchblutungsstörung oder Blutung); Risiko bei Immunsuppression erhöht, aber auch bei immunkompetenten Patienten (Patienten mit intaktem Immunsystem) beschrieben [3, 7]
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Bakterielle Sekundärinfektion (zusätzliche bakterielle Infektion) der Hautläsionen – häufigste Komplikation bei Kindern; typischerweise durch Staphylococcus aureus oder β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe A [1, 2, LL 3]
- Herpes zoster – Spätfolge der latenten Persistenz (verborgenen Verbleibens) des Varizella-Zoster-Virus in sensiblen Ganglien (Nervenknoten) nach durchgemachter Primärinfektion [2, 3]
- Invasive Streptokokkeninfektion der Gruppe A (in den Körper eindringende Infektion durch Streptokokken der Gruppe A) – schwere bakterielle Komplikation nach Superinfektion (zusätzlicher Infektion) der Varizellenläsionen; möglich sind Sepsis (Blutvergiftung), nekrotisierende Fasziitis (lebensbedrohliche Entzündung der Muskelhüllen) und toxisches Schocksyndrom (lebensbedrohlicher Kreislaufschock durch bakterielle Giftstoffe) [1, 2, LL 3]
- Sepsis – seltene, aber lebensbedrohliche bakterielle Komplikation, insbesondere bei ausgedehnter Hautsuperinfektion, Immunsuppression oder invasiver Streptokokkeninfektion [1, 2, LL 3]
- Toxisches Schocksyndrom – schwere bakterielle Komplikation, vor allem bei invasiver Streptokokken- oder Staphylokokkeninfektion nach Varizellen [1, 2, LL 3]
Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (K70-K77; K80-K87)
- Hepatitis (Leberentzündung) – Komplikation der viszeralen Dissemination (Ausbreitung auf innere Organe), vor allem bei immunsupprimierten Patienten; schwere Hepatitis ist eine Indikation (Anwendungsgrund) für intravenöse antivirale Therapie (antivirale Behandlung über die Vene) [2, 3, LL 3]
- Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) – seltene Komplikation, insbesondere im Rahmen disseminierter Varizella-Zoster-Virus-Infektion beschrieben [1, 3]
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Abszess (Eiteransammlung) – mögliche Folge bakterieller Superinfektion von Varizellenläsionen [1, 2, LL 3]
- Cellulitis (bakterielle Entzündung von Haut und Unterhaut) – bakterielle Weichteilinfektion (Infektion von Weichteilgewebe) als häufige Komplikation superinfizierter Hautläsionen [1, 2, LL 3]
- Impetigo contagiosa (Borkenflechte) – oberflächliche bakterielle Superinfektion der Varizellenläsionen, besonders bei Kindern [1, 2, LL 3]
- Narbenbildung – insbesondere nach bakterieller Superinfektion, tiefer Exkoriation (Kratzverletzung) oder nekrotisierenden Haut-/Weichteilinfektionen [1, 2]
- Nekrotisierende Fasziitis – seltene, aber lebensbedrohliche Komplikation, meist im Zusammenhang mit invasiver Streptokokkeninfektion der Gruppe A [1, 2, LL 3]
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Osteomyelitis (Knochenmarkentzündung) – seltene bakterielle Komplikation nach Varizellen, meist sekundär im Rahmen invasiver bakterieller Infektion [1, 2, LL 3]
- Septische Arthritis (bakterielle Gelenkentzündung) – seltene bakterielle Komplikation nach Varizellen, insbesondere bei invasiver Streptokokken- oder Staphylokokkeninfektion [1, 2, LL 3]
Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)
- Otitis media (Mittelohrentzündung) – mögliche HNO-Komplikation im Rahmen oder nach Varizellen, vor allem bei Kindern [1, 2]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Akute zerebelläre Ataxie/Zerebellitis (akute Koordinationsstörung durch Kleinhirnbeteiligung/Kleinhirnentzündung) – häufigste neurologische Komplikation bei Kindern; meist postinfektiös (nach einer Infektion auftretend) und selbstlimitierend (von selbst begrenzend), aber klinisch relevant wegen Gangataxie (Gangunsicherheit) und Koordinationsstörung [2, 3, 6]
- Aseptische Meningitis (Hirnhautentzündung ohne bakteriellen Erregernachweis) – mögliche neurologische Komplikation der Varizella-Zoster-Virus-Infektion [2, 3, 6]
- Enzephalitis/Meningoenzephalitis (Gehirnentzündung/Hirnhaut- und Gehirnentzündung) – seltene, aber potenziell schwere neurologische Komplikation; Risiko erhöht bei Erwachsenen und immunsupprimierten Patienten [1-3, 6, LL 3]
- Epileptische Anfälle (Krampfanfälle) – möglich im Rahmen von Enzephalitis, Fieberkrämpfen oder strukturellen neurologischen Komplikationen [1-3, 6]
- Guillain-Barré-Syndrom (akute entzündliche Nervenerkrankung) – seltene postinfektiöse neurologische Komplikation nach Varizellen [3, 6]
- Myelitis transversa (quer verlaufende Rückenmarksentzündung) – seltene Komplikation mit Rückenmarkbeteiligung nach Varizella-Zoster-Virus-Infektion [3, 6]
- Reye-Syndrom (akute Gehirnerkrankung mit Leberschädigung) – seltene akute Enzephalopathie (Gehirnerkrankung) mit Leberbeteiligung nach Varizellen, klassisch im Zusammenhang mit Salicylatexposition (Kontakt mit Salicylaten) bei Kindern [2, 3]
- Varizella-Zoster-Virus-Enzephalitis – schwere direkte oder immunvermittelte ZNS-Komplikation (Komplikation des zentralen Nervensystems); bei Immunsuppression auch im Rahmen disseminierter Varizellen möglich [2, 3, 6, LL 3]
Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)
- Abort/intrauteriner Fruchttod (Fehlgeburt/Tod des ungeborenen Kindes in der Gebärmutter) – seltene, aber mögliche Folge maternaler Varizelleninfektion, vor allem bei schwerer maternaler Erkrankung im ersten oder zweiten Trimenon [4, 5, LL 1]
- Schwere maternale Varizellenpneumonie – wichtigste schwere maternale Komplikation; das Risiko ist bei Schwangeren erhöht, insbesondere bei Infektion in der zweiten Schwangerschaftshälfte und bei zusätzlicher Immunsuppression oder pulmonalen Risikofaktoren [3, 4, LL 1, LL 3]
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Nephritis/Glomerulonephritis (Nierenentzündung/Nierenkörperchenentzündung) – seltene renale (die Niere betreffende) Komplikation nach Varizellen beziehungsweise bei disseminierter Varizella-Zoster-Virus-Infektion [1, 3]
Prognosefaktoren
- Immunsuppression – stärkster Risikofaktor für schwere, disseminierte und viszerale Varizellen mit Pneumonie, Hepatitis, Enzephalitis und disseminierter intravasaler Gerinnung [2, 3, LL 3]
- Schwangerschaft – erhöhtes Risiko für schwere maternale Varizellenpneumonie sowie für fetales beziehungsweise neonatales Risiko in Abhängigkeit vom Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) [3-5, LL 1, LL 3]
- Peripartaler Infektionszeitpunkt (Infektionszeitpunkt um die Geburt herum) – maternaler Exanthembeginn (Beginn des Hautausschlags bei der Mutter) 5 Tage vor bis 2 Tage nach Geburt ist prognostisch besonders ungünstig für neonatale Varizellen [LL 3]
- Alter – Jugendliche und Erwachsene haben häufiger schwere Verläufe als Kinder; Pneumonie ist bei Erwachsenen die wichtigste Komplikation [1-3, LL 3]
- Fehlende Immunität – erhöhtes Risiko für Primärinfektion und schwere Verläufe bei exponierten Risikopersonen [LL 2, LL 3]
- Rauchen und pulmonale Vorerkrankungen – erhöhen das Risiko einer Varizellenpneumonie [3, 4, LL 1]
- Ausgedehnte Hautläsionen und Exkoriationen – erhöhen das Risiko bakterieller Superinfektionen, invasiver Streptokokkeninfektionen und Narbenbildung [1, 2, LL 3]
- Salicylatexposition bei Kindern – relevanter Risikofaktor für das Reye-Syndrom nach Varizellen [2, 3]
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Leitlinien
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