Windpocken (Varizellen) – Differentialdiagnosen
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Arthropodenstichreaktionen (Reaktionen auf Insektenstiche)/papulöse Urtikaria (juckender Knötchenausschlag) – gruppierte juckende Papeln (Knötchen) oder Papulovesikel (Knötchenbläschen) nach Insektenstichen; meist ohne simultane systemische Prodromi (Vorzeichen) und ohne typische Varizellen-Läsionen (Windpocken-Hautveränderungen) in unterschiedlichen Entwicklungsstadien
- Impetigo contagiosa (Borkenflechte)/Impetigo bullosa (blasenbildende Borkenflechte) – bakterielle oberflächliche Hautinfektion (Hautansteckung) mit honiggelben Krusten beziehungsweise schlaffen Blasen; kann vesikuläre Varizellen-Läsionen imitieren, ist jedoch meist lokalisierter und zeigt keine typische Varizellen-Stadienmischung
- Miliaria crystallina (Schweißbläschen)/Miliaria rubra (Hitzepickel) – hitze- und schweißassoziierte oberflächliche Vesikel (Bläschen) oder erythematöse Papeln (gerötete Knötchen); bevorzugt okkludierte Areale (abgedeckte Hautbereiche), ohne typische kraniokaudale Exanthemausbreitung (Ausbreitung des Hautausschlags vom Kopf zum Körper) und ohne infektiöse Prodromi
- Pityriasis lichenoides et varioliformis acuta (akute entzündliche Hautknötchenerkrankung) – akute papulonekrotische Dermatose (Hautkrankheit mit Knötchen und Gewebeuntergang) mit papulovesikulären (knötchenbläschenartigen), krustigen oder varioliform (pockenähnlich) abheilenden Läsionen; Verlauf meist subakut-rezidivierend (langsam beginnend und wiederkehrend) und nicht hochkontagiös (hoch ansteckend)
Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)
- Affenpocken/Mpox – Orthopoxvirus-Infektion (Infektion mit Pockenviren) durch das Mpox-Virus; wichtige Differentialdiagnose (Abgrenzungsdiagnose) bei vesikulopustulösem Exanthem (Bläschen-Eiterbläschen-Ausschlag), insbesondere bei entsprechender Expositionsanamnese (Kontaktvorgeschichte), Kontakt zu bestätigten Fällen, sexueller Exposition, Reiseanamnese (Reisevorgeschichte) oder Aufenthalt in Ausbruchs-/Endemiegebieten (Gebieten mit dauerhaftem Vorkommen)
- Übertragung – vor allem durch engen direkten Haut- oder Schleimhautkontakt mit Läsionen, Krusten, Körperflüssigkeiten oder kontaminierten Materialien; respiratorische Übertragung (Übertragung über die Atemwege) bei engem, längerem Kontakt möglich; zoonotische Übertragung (Übertragung vom Tier auf den Menschen) in Endemiegebieten möglich
- Inkubationszeit (Zeit zwischen Ansteckung und Erkrankungsbeginn) – meist mehrere Tage bis etwa 3 Wochen; Kontaktpersonen werden wegen der maximal möglichen Inkubationszeit über 21 Tage beobachtet
- Prodromalstadium (Vorstadium) – Fieber, Kopfschmerzen, Myalgien (Muskelschmerzen), Rückenschmerzen, Abgeschlagenheit und Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung) möglich; Lymphadenopathie ist ein wichtiges klinisches Abgrenzungsmerkmal gegenüber Varizellen (Windpocken), Masern und Variola (Pocken)
- Exanthem (Hautausschlag) – Läsionen häufig fest, tief sitzend, scharf begrenzt, teils umbilikalisiert (zentral eingedellt) und initial eher schmerzhaft; im Verlauf Makula (Fleck), Papel, Vesikel, Pustel (Eiterbläschen), Kruste und Desquamation (Abschuppung)
- Läsionsverteilung – häufig anogenital (After- und Genitalbereich), perianal (um den After), oral (im Mund), fazial (im Gesicht) oder an den Extremitäten (Gliedmaßen); generalisierte Exantheme sind möglich, aber nicht obligat
- Läsionsdynamik – in einer Körperregion typischerweise eher synchrone Stadienentwicklung; bei Varizellen dagegen klassisch polymorphes Exanthem (vielgestaltiger Hautausschlag) mit Makulae, Papeln, Vesikeln und Krusten nebeneinander
- Abgrenzung zu Varizellen – Mpox-Läsionen sind häufiger schmerzhaft, fester/tiefer sitzend, umbilikalisiert und regional synchron; Varizellen-Läsionen sind häufiger oberflächlicher, stark juckend, stammbetont und in unterschiedlichen Entwicklungsstadien gleichzeitig vorhanden
- Diagnostik (Untersuchungen) – bei klinischem Verdacht direkter Erregernachweis mittels Polymerase-Kettenreaktion (molekularer Erregernachweis) aus Läsionsmaterial; bei Verdacht auf Ko-Infektion (gleichzeitige Infektion) oder unklarem Exanthem zusätzlich Varicella-zoster-Virus- und Herpes-simplex-Virus-Diagnostik erwägen
- Besondere Risikogruppen – schwere Verläufe insbesondere bei Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), Schwangerschaft, kleinen Kindern und Patienten mit ausgeprägten Hautbarrierestörungen (Störungen der Hautschutzbarriere) möglich
- Disseminierte Herpes-simplex-Virus-Infektion (ausgebreitete Herpesinfektion) – generalisierte vesikuläre Herpes-simplex-Manifestation (Herpes-Erscheinungsform), insbesondere bei Immunsuppression oder schwerer Hautbarrierestörung; klinisch schwer von Varizellen abgrenzbar, virologische Diagnostik (Virusdiagnostik) erforderlich
- Ekzema herpeticatum (ausgebreitete Herpesinfektion bei Ekzem) – disseminierte Herpes-simplex-Virus-Infektion auf vorgeschädigter Haut, besonders bei atopischem Ekzem (Neurodermitis); monomorphe (gleichförmige), schmerzhafte, gruppierte Vesikel/Erosionen (oberflächliche Hautdefekte), häufig mit Fieber und reduziertem Allgemeinzustand
- Enterovirus-Exanthem (Enterovirus-Hautausschlag) – unspezifisches makulopapulöses (fleckig-knötchenförmiges) oder vesikuläres Exanthem durch Enteroviren, einschließlich Coxsackie- und ECHO-Viren; häufig mit Fieber, Pharyngitis (Rachenentzündung), gastrointestinalen Symptomen (Magen-Darm-Beschwerden) oder saisonaler Häufung
- Hand-Fuß-Mund-Krankheit – meist durch Coxsackie-A-Viren oder Enterovirus A71; vesikuläre Läsionen bevorzugt oral, palmoplantar (an Handflächen und Fußsohlen) und gluteal (am Gesäß), im Unterschied zu Varizellen weniger stammbetont
- Herpes zoster (Gürtelrose) – reaktivierte Varicella-zoster-Virus-Infektion mit meist unilateral (einseitig) dermatomal (entlang eines Nervenversorgungsgebiets) begrenzten, gruppierten Vesikeln und neuralgiformen Schmerzen (nervenartigen Schmerzen); disseminierte Formen können Varizellen imitieren
- Masern – hochkontagiöse Virusinfektion (Virusansteckung) mit Fieber, Husten, Konjunktivitis (Bindehautentzündung), Koplik-Flecken (typische Mundschleimhautflecken) und makulopapulösem, nicht vesikulärem Exanthem; wichtige Differentialdiagnose bei generalisiertem fieberhaftem Exanthem
- Molluscum contagiosum (Dellwarzen) – poxvirusbedingte, hautfarbene, zentral gedellte Papeln; meist chronischer Verlauf ohne Fieber und ohne rasche Stadienprogression (Fortschreiten der Entwicklungsstadien) von Makula zu Vesikel und Kruste
- Rickettsialpox (Rickettsienpocken) – Rickettsia-akari-Infektion nach Milbenstich mit Eschar (schwarzer Schorf), Fieber und papulovesikulärem Exanthem; selten, aber pocken- beziehungsweise varizellenähnlich möglich
- Röteln – mildes makulopapulöses Exanthem mit Lymphadenopathie, insbesondere retroaurikulär/nuchal (hinter dem Ohr/im Nacken); keine typische Vesikelbildung
- Scabies (Krätze) – stark juckende parasitäre Hauterkrankung (Hautkrankheit durch Parasiten) mit Papeln, Vesikeln und Kratzexkoriationen (Kratzspuren), bevorzugt Interdigitalräume (Fingerzwischenräume), Handgelenke, Axillen (Achselhöhlen), Genitalregion; nächtlicher Pruritus (Juckreiz) und Kontaktfälle typisch
- Scharlach – toxinvermittelte Streptokokkeninfektion (Bakterieninfektion durch Streptokokken) mit feinfleckigem, sandpapierartigem Exanthem, Angina (Mandelentzündung), Himbeerzunge und perioraler Blässe (Blässe um den Mund); keine vesikulären Läsionen
- Sekundäre Syphilis (zweites Stadium der Syphilis) – makulopapulöses Exanthem, häufig palmoplantar, gegebenenfalls mit Schleimhautläsionen und generalisierter Lymphadenopathie; insbesondere bei sexuell aktiven Jugendlichen und Erwachsenen in die Abklärung eines unklaren generalisierten Exanthems einzubeziehen
- Variola – eradizierte (ausgerottete) Orthopoxvirus-Infektion; nur bei außergewöhnlicher epidemiologischer Konstellation (Seuchenlage) beziehungsweise bioterroristischer Fragestellung relevant; monomorphe, zentrifugal betonte Läsionen mit synchroner Stadienentwicklung
Medikamente
- Arzneimittelexanthem (Medikamentenausschlag) – makulopapulöses, urtikarielles (nesselsuchtartiges) oder selten vesikulobullöses Exanthem (Bläschen-Blasen-Ausschlag) nach Medikamentenexposition; zeitlicher Zusammenhang zur Neueinnahme und fehlende typische Varizellen-Stadienmischung richtungsweisend
- Stevens-Johnson-Syndrom (schwere Haut- und Schleimhautreaktion)/toxische epidermale Nekrolyse (schwere Hautablösung) – schwere arzneimittelassoziierte mukokutane Reaktion (Haut- und Schleimhautreaktion) mit schmerzhaften atypischen Target-Läsionen (schießscheibenartigen Hautveränderungen), Blasen, Erosionen und Schleimhautbeteiligung; dermatologischer Notfall (hautärztlicher Notfall)