Winterdepression – Differentialdiagnosen

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Anämie (Blutarmut) – Müdigkeit, Leistungsminderung, Konzentrationsstörung, Belastungsdyspnoe (Atemnot bei Belastung) und Antriebsarmut als depressive Symptomatik (Beschwerden einer Depression) imitierend
  • Eisenmangelanämie – häufige reversible (rückbildungsfähige) Ursache von Fatigue (Erschöpfung), Belastungsminderung, Restless-Legs-Symptomatik (Beschwerden unruhiger Beine) und kognitiver Leistungsminderung (geistiger Leistungsminderung)
  • Folsäuremangelanämie – Fatigue, Reizbarkeit, depressive Symptomatik und kognitive Einschränkung möglich
  • Vitamin-B12-Mangelanämie – depressive Symptomatik, kognitive Störung, Parästhesien (Missempfindungen) und neurologische Begleitsymptome (Begleitbeschwerden des Nervensystems) möglich

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Addison-Krankheit (Nebennierenrindenunterfunktion) – Fatigue, depressive Symptomatik, Gewichtsverlust, orthostatische Beschwerden (Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen), Hyperpigmentierung (verstärkte Hautbräunung) und Hyponatriämie
  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – depressive Symptomatik, Fatigue, Schlafstörung und Leistungsminderung bei Hyperglykämie, Hypoglykämien oder chronischer Krankheitsbelastung
  • Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) – zentrale somatische Differentialdiagnose (körperliche Abgrenzungsdiagnose) mit Müdigkeit, Antriebsminderung, Kälteintoleranz, Gewichtszunahme, Obstipation (Verstopfung) und depressiver Verstimmung
  • Morbus Cushing/Cushing-Syndrom – depressive Symptomatik, Schlafstörung, Gewichtszunahme, Muskelschwäche, Hypertonie (Bluthochdruck) und metabolische Veränderungen (stoffwechselbedingte Veränderungen)
  • Schwere Mangelernährung – depressive Symptomatik, Konzentrationsstörung, Fatigue und Antriebsminderung bei Energie- und Mikronährstoffdefizit
  • Vitamin-D-Mangel – saisonal gehäuft im Winter; als Begleitbefund bei Lichtmangel möglich, jedoch keine hinreichende alleinige Erklärung einer depressiven Episode (depressiven Krankheitsphase)

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Chronische Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – Fatigue, Belastungsintoleranz, Schlafstörung und depressive Symptomatik bei eingeschränkter kardialer Leistungsfähigkeit (Herzleistungsfähigkeit)

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Epstein-Barr-Virus-Infektion beziehungsweise infektiöse Mononukleose (Pfeiffersches Drüsenfieber) – postinfektiöse Erschöpfung (Erschöpfung nach Infektion), Konzentrationsstörung und Antriebsminderung
  • HIV-Infektion – depressive Symptomatik, Fatigue, Schlafstörung und kognitive Störungen als Erstmanifestation (erste Krankheitserscheinung) oder Begleiterscheinung möglich
  • Long-COVID-Syndrom – Fatigue, Schlafstörung, kognitive Einschränkung und depressive Symptomatik mit möglicher saisonaler Fehlinterpretation

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) – Fatigue, depressive Symptomatik, Eisenmangel, Folsäuremangel oder Vitamin-B12-Mangel als Hinweis auf Malabsorption (Aufnahmestörung)

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Fibromyalgiesyndrom (Faser-Muskel-Schmerzsyndrom) – chronische Schmerzen, nicht erholsamer Schlaf, Fatigue, Konzentrationsstörung und depressive Symptomatik
  • Systemischer Lupus erythematodes (Schmetterlingsflechte) – Fatigue, depressive Symptomatik und neuropsychiatrische Manifestationen (Beschwerden von Nervensystem und Psyche), insbesondere bei systemischen Entzündungszeichen

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Maligne Erkrankungen (bösartige Erkrankungen) – Fatigue, Gewichtsverlust, Schlafstörung und depressive Symptomatik als paraneoplastische (tumorbegleitende), inflammatorische (entzündliche) oder belastungsbedingte Manifestation (Krankheitserscheinung)
  • Zentralnervöse Tumoren (Tumoren des Gehirns und Rückenmarks) – depressive Wesensänderung, Antriebsminderung, kognitive Defizite (geistige Defizite), Kopfschmerz oder fokal-neurologische Symptome (örtlich begrenzte Beschwerden des Nervensystems) als Hinweis auf organische Ursache

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Alkoholbezogene Störung – depressive Symptomatik im Rahmen von Intoxikation (Vergiftung), Entzug oder chronischem Konsum
  • Angststörungen – Antriebsminderung, Schlafstörung, Erschöpfung und Konzentrationsstörung sekundär (nachfolgend) bei chronischer Angst
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter – Konzentrationsstörung, emotionale Dysregulation (Störung der Gefühlsregulation), innere Unruhe, Erschöpfung und sekundäre depressive Symptomatik
  • Bipolare affektive Störung (manisch-depressive Erkrankung) – wichtigste psychiatrische Differentialdiagnose bei saisonaler depressiver Symptomatik; hinweisend sind frühere Hypomanien (leichte manische Phasen)/Manien (krankhaft gehobene Stimmung), antidepressivainduzierte Aktivierung, episodische Phasenhaftigkeit, gemischte Symptome oder positive Familienanamnese
  • Chronische Insomnie (chronische Schlaflosigkeit) – Tagesmüdigkeit, Konzentrationsstörung, Reizbarkeit, Leistungsminderung und depressive Symptomatik durch persistierende Schlafstörung
  • Demenzielle Erkrankungen – Apathie (Teilnahmslosigkeit), sozialer Rückzug, Antriebsminderung und kognitive Störung als Depressionsimitat, insbesondere im höheren Lebensalter
  • Dysthymie beziehungsweise persistierende depressive Störung – chronisch depressive Grundstimmung ohne klares ausschließlich saisonales Muster
  • Essstörungen – depressive Symptomatik, Antriebsminderung, Schlafstörung und Konzentrationsstörung bei restriktivem Essverhalten, Binge-Eating-Störung (Essanfälle-Störung) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht)
  • Narkolepsie (Schlafkrankheit) – Tagesschläfrigkeit, Schlafattacken, Antriebsminderung und kognitive Einschränkung als depressive Symptomatik fehlinterpretierbar
  • Obstruktive Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf) – Tagesschläfrigkeit, nicht erholsamer Schlaf, morgendliche Kopfschmerzen, Konzentrationsstörung und depressive Symptomatik
  • Posttraumatische Belastungsstörung (Traumafolgestörung) – Schlafstörung, Affektverflachung (verringerte Gefühlsreaktion), Hyperarousal (Übererregung), sozialer Rückzug und depressive Symptomatik nach Trauma
  • Rezidivierende depressive Störung (wiederkehrende Depression) ohne saisonales Muster – depressive Episoden unabhängig von Jahreszeit und Lichtverhältnissen
  • Schizoaffektive Störung beziehungsweise depressive Episode mit psychotischen Symptomen – depressive Symptomatik mit Wahn, Halluzinationen (Sinnestäuschungen) oder ausgeprägter Ich-Störung
  • Saisonale affektive Störung im Rahmen einer bipolaren Störung – depressive Winterepisoden mit Frühjahrs-/Sommerhypomanien oder manischen Episoden
  • Störung des zirkadianen Schlaf-Wach-Rhythmus (Störung des Tag-Nacht-Rhythmus) – depressive Symptomatik durch Lichtmangel, Schichtarbeit, verzögerte Schlafphase oder wiederholte Rhythmusverschiebung
  • Substanzinduzierte depressive Störung – depressive Symptomatik im Zusammenhang mit Sedativa (Beruhigungsmittel), Cannabis, Stimulanzien (aufputschende Mittel), Opioiden (starke Schmerzmittel) oder Entzugssyndromen
  • Unipolare depressive Episode mit saisonalem Muster – saisonal wiederkehrende depressive Episode, typischerweise Herbst/Winter, häufig mit Hypersomnie (vermehrtem Schlaf), vermehrtem Appetit und Kohlenhydratverlangen
  • Unipolare depressive Episode ohne saisonales Muster – klinisch identische depressive Symptomatik, jedoch ohne reproduzierbare saisonale Bindung

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99)

  • Peripartale Depression (Depression um die Geburt) – depressive Episode während Schwangerschaft oder Wochenbett, unabhängig von saisonalem Muster
  • Postpartale Thyreoiditis (Schilddrüsenentzündung nach der Geburt) mit depressiver Symptomatik – depressive Symptomatik, Fatigue und Schlafstörung bei postpartaler Schilddrüsendysfunktion

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Chronische Fatigue – Leitsymptom Müdigkeit und Leistungsminderung ohne zwingende depressive Kernsymptomatik
  • Gewichtsabnahme – Hinweis auf somatische, maligne, endokrine, infektiöse oder essstörungsbezogene Ursache statt primärer saisonaler Depression
  • Hypersomnie – verlängerte Schlafdauer und Tagesschläfrigkeit, differentialdiagnostisch bei Schlafapnoe, Narkolepsie, Substanzgebrauch oder depressiver Episode
  • Kognitive Leistungsminderung – differentialdiagnostisch bei Schlafmangel, Demenz, Hypothyreose, Vitamin-B12-Mangel, Depression oder Medikamentennebenwirkung

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Chronische Niereninsuffizienz (chronische Nierenschwäche) – Fatigue, Schlafstörung, kognitive Einschränkung und depressive Symptomatik bei Urämie (Harnvergiftung), Anämie oder chronischer Krankheitslast
  • Klimakterisches Syndrom (Wechseljahresbeschwerden) – Schlafstörung, Stimmungslabilität, Fatigue und depressive Symptomatik im Zusammenhang mit vasomotorischen Beschwerden (Hitzewallungen und Schweißausbrüchen)
  • Prämenstruelles dysphorisches Syndrom (schwere seelische Beschwerden vor der Regelblutung) – zyklusgebundene depressive Stimmung, Reizbarkeit und Affektlabilität (Gefühlsschwankung) in der Lutealphase (zweite Zyklushälfte) mit Remission (Rückbildung) nach Menstruationsbeginn

Medikamente

  • Antihypertensiva (blutdrucksenkende Medikamente) – depressive Symptomatik oder Fatigue insbesondere bei zentral wirksamen Substanzen oder ausgeprägter Blutdrucksenkung möglich
  • Betablocker – Fatigue, Schlafstörung und depressive Symptomatik als mögliche Nebenwirkung; kausale Zuordnung nur bei plausibler zeitlicher Beziehung
  • Corticosteroide – depressive, dysphorische (missgestimmte), manische oder psychotische Symptome dosis- und vulnerabilitätsabhängig möglich
  • Hormonelle Kontrazeptiva (Verhütungsmittel) – depressive Symptomatik bei vulnerablen Personen möglich; differentialdiagnostisch nur bei plausibler zeitlicher Beziehung
  • Interferone – depressogene Wirkung (depressionsauslösende Wirkung), insbesondere bei entsprechender Vulnerabilität (Anfälligkeit)
  • Retinoide – depressive Symptomatik selten möglich; klinische Bewertung nur bei zeitlichem Zusammenhang und Ausschluss anderer Ursachen
  • Sedativa/Hypnotika (Beruhigungs-/Schlafmittel) – Müdigkeit, Antriebsminderung, kognitive Verlangsamung und depressive Symptomatik durch zentralnervöse Dämpfung

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Alkoholkonsum – depressive Symptomatik, Schlafarchitekturstörung (Störung der Schlafstruktur), Tagesmüdigkeit und Antriebsminderung
  • Cannabiskonsum – Antriebsminderung, Konzentrationsstörung, affektive Verflachung und depressive Symptomatik
  • Lichtmangel bei reduzierter Tageslichtexposition (Tageslichtaussetzung) – zentraler saisonaler Trigger (Auslöser) depressiver Symptomatik, jedoch keine eigenständige Differentialdiagnose
  • Schichtarbeit mit chronischer zirkadianer Desynchronisation (Störung des Tag-Nacht-Rhythmus) – Schlafstörung, Fatigue, Reizbarkeit und depressive Symptomatik