Schreiender Säugling – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Beurteilung von Allgemeinzustand und Vigilanz (Wachheitsgrad), Körpertemperatur, Herzfrequenz/Puls (Herzschlagzahl), Atemfrequenz (Atemzüge pro Minute), Körpergewicht sowie altersgerechter Einordnung von Körperlänge und Kopfumfang; Blutdruck und Sauerstoffsättigung (Sauerstoffversorgung des Blutes) bei klinischem Hinweis auf eine Kreislauf- bzw. respiratorische (die Atmung betreffende) Beeinträchtigung; des Weiteren:
- Beobachtung des Säuglings in Ruhe, beim Schreien und während eines Beruhigungsversuchs
- Schreimuster, Tonhöhe, Dauer und Beruhigbarkeit [anhaltendes, schwer beruhigbares bzw. untröstliches Schreien; schrilles, hochfrequentes oder kontinuierliches Schreien]
- Spontanmotorik (spontane Bewegungen), Reaktionsfähigkeit, Blickkontakt und altersentsprechende Interaktion
- Beurteilung von Hautkolorit (Hautfarbe) und peripherer Perfusion (Durchblutung der äußeren Körperbereiche) sowie der kapillären Wiederauffüllungszeit
- Beurteilung des Hydratations- (Flüssigkeitshaushalts) und Ernährungszustandes
- Beobachtung des Säuglings in Ruhe, beim Schreien und während eines Beruhigungsversuchs
- Haut und Schleimhäute
- Vollständige Inspektion des entkleideten Säuglings auf Exantheme (Hautausschläge), Petechien (punktförmige Hautblutungen), Hämatome (Blutergüsse), Schwellungen, Verbrennungen, Verletzungen oder andere Hautveränderungen
- Inspektion von Fingern, Zehen und Genitalregion auf einschnürende Haare oder Fäden im Sinne eines Haar-/Fadentourniquets (Abschnürung durch ein Haar oder einen Faden)
- Beurteilung von Schleimhäuten und Hautturgor (Hautspannung) als Hinweise auf den Hydratationszustand
- Kopf und Hals
- Inspektion und Palpation von Kopf und Schädel auf Schwellungen, Druckschmerz, Verletzungszeichen oder Deformitäten (Formveränderungen)
- Palpation der großen Fontanelle (weiche Schädellücke) hinsichtlich Spannung und Vorwölbung
- Beurteilung des Kopfumfangs und Vergleich mit dem bisherigen Perzentilenverlauf (Verlauf in der Wachstumskurve)
- Beurteilung der Halsbeweglichkeit; Prüfung auf Nackensteifigkeit bei klinischem Verdacht auf eine Erkrankung des Zentralnervensystems (Gehirn und Rückenmark)
- Augen
- Inspektion von Konjunktiven (Bindehaut) und Kornea (Hornhaut) auf Rötung, Fremdkörper oder Verletzung
- Inspektion der Lider; bei entsprechendem Verdacht Eversion der Lider zum Ausschluss eines verborgenen Fremdkörpers
- Prüfung der Pupillenreaktion und der seitengleichen Blickbewegungen
- Ohren, Nase und Mundhöhle
- Otoskopische Untersuchung der Ohren
- Inspektion von Nase, Mundschleimhaut, Zunge, Gaumen und Pharynx (Rachen) auf entzündliche Veränderungen, Ulzerationen (Geschwüre), Verletzungen oder Fremdkörper
- Beurteilung des Saugens und Schluckens, sofern klinisch angezeigt
- Herz-Kreislauf-System
- Auskultation des Herzens hinsichtlich Herzfrequenz, Rhythmus und Herzgeräuschen
- Palpation der peripheren und insbesondere femoralen Pulse (Pulse in den Leistenarterien)
- Beurteilung von Hautkolorit, Extremitätentemperatur und kapillärer Wiederauffüllungszeit
- Palpation der Leber hinsichtlich einer Hepatomegalie (Lebervergrößerung) als möglichem Zeichen einer kardialen Dekompensation (schweren Herzfunktionsstörung)
- Untersuchung der Lunge
- Inspektion von Atemfrequenz und Atemarbeit mit Beurteilung auf Einziehungen, Nasenflügeln, Stöhnen, Apnoen (Atempausen) oder Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Schleimhäuten)
- Auskultation der Lunge mit Seitenvergleich der Atemgeräusche
- Perkussion der Lunge bei klinischem Hinweis auf eine intrathorakale Pathologie (krankhafte Veränderung im Brustkorb)
- Abdomen (Bauch)
- Inspektion auf Distension (Aufblähung), sichtbare Darmbewegungen, Hautveränderungen, Narben und Hernien (Brüche)
- Auskultation der Darmgeräusche
- Behutsame Palpation des gesamten Abdomens auf Druckschmerz, Abwehrspannung (unwillkürliche Anspannung der Bauchdecke), Resistenzen (tastbare Verhärtungen) sowie Hepato- oder Splenomegalie (Leber- oder Milzvergrößerung)
- Inspektion und Palpation der Leistenregion und Bruchpforten auf eine Hernie bzw. Inkarzeration (Einklemmung)
- Inspektion der Anal- und Perianalregion (Bereich um den After) auf Fissuren (Einrisse), Entzündungen, Verletzungen oder Blutauflagerungen
- Genitalregion
- Inspektion der äußeren Genitalien auf Schwellung, Rötung, Verletzungen oder einschnürende Haare/Fäden
- Bei männlichen Säuglingen Inspektion und Palpation von Skrotum (Hodensack) und Hoden auf Seitendifferenz, Schwellung, Verfärbung, Druckschmerz oder Lageanomalie (ungewöhnliche Lage)
- Bewegungsapparat
- Inspektion und vorsichtige Palpation von Wirbelsäule, Klavikeln (Schlüsselbeinen), Extremitäten (Armen und Beinen) und großen Gelenken auf Schwellung, Deformität, Druckschmerz oder Verletzungszeichen
- Beobachtung der spontanen, seitengleichen Bewegung aller Extremitäten
- Beurteilung auf Schmerzreaktionen bei passiver Bewegung einzelner Extremitäten oder Gelenke
- Neurologische Untersuchung
- Beurteilung von Vigilanz, Reaktionsfähigkeit, Muskeltonus (Muskelspannung) und Spontanmotorik
- Prüfung auf Seitendifferenzen, fokal-neurologische Auffälligkeiten (örtlich begrenzte Störungen des Nervensystems) und abnorme Bewegungen
- Beurteilung altersentsprechender primitiver Reflexe (frühkindlicher Reflexe), soweit klinisch erforderlich
- Beobachtung auf Krampfzeichen, ausgeprägte Hypotonie (verminderte Muskelspannung) oder Hypertonie (erhöhte Muskelspannung)
- Pädiatrische Untersuchung
- Beurteilung von Wachstum und Gedeihen anhand der Gewichts-, Längen- und Kopfumfangsperzentilen (Wachstumskurven)
- Orientierende Beurteilung des altersentsprechenden Entwicklungsstandes
- Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion und des Umgangs der Betreuungsperson mit dem Säugling
- Gezielte Suche nach nicht plausibel erklärbaren Verletzungen oder Befundkonstellationen mit Verdacht auf eine nichtakzidentelle Verletzung (nicht unfallbedingte Verletzung) bzw. Kindeswohlgefährdung
Red Flags (Warnzeichen) bei schreiendem Säugling
- Plötzlicher Beginn eines anhaltenden, ungewöhnlichen oder nicht beruhigbaren Schreiens
- Deutlich reduzierter Allgemeinzustand, Lethargie (starke Teilnahmslosigkeit), verminderte Reaktionsfähigkeit oder erschwerte Weckbarkeit
- Schwaches, schrilles, hochfrequentes oder kontinuierliches Schreien
- Fieber ≥ 38,0 °C oder Hypothermie (Unterkühlung) < 36,5 °C, insbesondere bei Neugeborenen und jungen Säuglingen
- Tachypnoe (beschleunigte Atmung), ausgeprägte Atemarbeit, Stöhnen, Apnoen oder Zyanose
- Blässe oder Marmorierung, verlängerte kapilläre Wiederauffüllungszeit, schwache periphere Pulse oder andere Zeichen einer Kreislaufbeeinträchtigung
- Vorgewölbte bzw. gespannte Fontanelle, Krampfanfälle, auffälliger Muskeltonus oder fokal-neurologische Zeichen
- •Ausgeprägte abdominale Distension (Aufblähung des Bauches), Abwehrspannung, tastbare abdominelle Resistenz (tastbare Verhärtung im Bauch) oder akut schmerzhafte Leistenhernie (Leistenbruch)
- Akute Skrotalschwellung (Schwellung des Hodensacks), Verfärbung oder ausgeprägte Druckschmerzhaftigkeit
- Haar-/Fadentourniquet an Fingern, Zehen oder Genitalien
- Hinweise auf eine Kornea-Verletzung oder einen okulären Fremdkörper (Fremdkörper am Auge)
- Petechien, nicht wegdrückbares Exanthem, unerklärte Hämatome, Verbrennungen, Frakturen (Knochenbrüche) oder andere Verletzungszeichen
- Gedeihstörung (unzureichende körperliche Entwicklung) bzw. deutliche Abweichung vom bisherigen Gewichts- oder Kopfumfangsperzentilenverlauf
- Auffällige Eltern-Kind-Interaktion, Hinweise auf erhebliche Überforderung der Betreuungsperson oder Verdacht auf Kindeswohlgefährdung
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.