Migräne – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Vermeidung von Migräneattacken
  • Reduktion der Attackenfrequenz, -dauer und -intensität
  • Verbesserung der Symptomatik bei bestehender Migräneattacke
  • Vermeidung medikamenteninduzierter Kopfschmerzen
  • Verbesserung der Alltagsfunktion und Lebensqualität

Therapie der akuten Migräne

Therapieempfehlungen 

  • Allgemeines zur Beachtung:
    • Mit der medikamentösen Therapie sollte so früh wie möglich begonnen werden.
    • Bei Migräne mit Aura können Analgetika (Schmerzmittel) beim Einsetzen der Aura genommen werden. Dabei muss von Beginn an eine ausreichende Dosierung (Startdosis) erfolgen.
      Beachte: Während der Migräneattacken ist die Resorption von Analgetika verzögert ist, was möglicherweise durch eine gestörte gastrointestinale Motilität während des Migräneanfalls bedingt ist. Eine Kombination von Analgetika mit prokinetischen (motilitätsfördernd) wirksam Antiemetika (Arzneimittel gegen Übelkeit) ist deshalb angezeigt.
      • Vor der Analgetikagabe sollte initial die Nausea/Übelkeit mit z. B. Domperidon (Dopaminantagonist) behandelt werden, da durch das häufige Erbrechen der Patienten die Wirkung des Analgetikums nicht ausreichend wäre.
      • Ca. 10 Minuten nach Applikation des Antiemetikums (z. B. Tabletten, Tropfen; bei starker Übelkeit und/oder Erbrechen: Suppositorium oder parenterale Applikation) kann das Analgetikum verabreicht werden: Paracetamol (Mittel der ersten Wahl bei Kindern, Schwangeren und Stillenden) bzw. Ibuprofen (bei Migräne im 1.-2. Trimenon Mittel der Wahl, im 3. Trimenon kontraindiziert).
  • Akuttherapie
    • Leichte bis mittelgradige Migräne: Analgetika (Acetylsalicylsäure (ASS 1.000 mg) und andere nicht steroidale Antirheumatika (NSAR; Diclofenac, Ibuprofen) oder das Pyrazolon-Derivat Metamizol); bei Kontraindikationen gegen NSAR auch Paracetamol
      Ibuprofen zeigte in einer Netzwerk-Analyse von 88 Studien die beste Verträglichkeit [9].
    • Mittelschwere bis schwere Migräne: Triptane (Serotonin-Rezeptor-Agonisten); Indikationen: schwere Migräneattacken, bei denen unspezifische Analgetika bzw. die Kombination aus Antiemetikum und Analgetikum nicht ausreichend effektiv sind.
      Das Triptan kann zusammen mit einem lang wirksamen Analgetikum gegeben werden, diese Kombination ist der jeweiligen Monotherapie überlegen.
      Beachte: 
      • Die Einnahme sollte möglichst früh in der Kopfschmerzphase der Migräne erfolgen. Sie sind nicht wirksam in der Auraphase der Migräne!
      • Für Triptane liegt die Schwelle für einen arzneimittelinduzierten Kopfschmerz (Medikamentenübergebrauchskopfschmerz) bei ≥ 10 Einnahmetagen pro Monat, über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten.
    Eletriptan (Arzneistoff aus der Gruppe der Triptane) zeigte in einer Netzwerk-Analyse von 88 Studien die beste Wirksamkeit [9].
    Interaktionen: Die Kotherapie von Triptanen mit SSR oder SNRI sollte eigentlich wg. des Risikos eines Serotoninsyndroms (serotonerges Syndrom) vermieden werden; das ist allerdings nicht erforderlich: Ein Serotoninsyndrom wird nach Registerdaten bei gleichzeitiger Einnahme bei weniger als zehn von 100.000 Patienten im Jahr festgestellt [10].
  • Ärztliche Notfall- und Akutbehandlung der Migräne: Lysin-Acetylsalicylat 1.000 mg i. v.; Metamizol; Sumatriptan 6 mg s. c.; Metoclopramid 10 mg i. v.; Glucocorticoide)
  • Status migraenosus: Glucocorticoide (Dexamethason bzw. Prednisolon)
  • Prophylaxe der Migräne: Betablocker (Metoprolol, Propranolol); Calciumantagonist (Flunarizin); Antikonvulsiva (Topiramat, Valproinsäure); trizyklisches Antidepressivum Amitriptylin; monoklonale Antikörper (Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab)
  • Chronische Migräne: Topiramat und Onabotulinumtoxin A 
  • Zur Therapie der menstruellen Migräne (Migräne ohne Aura, deren Attacken in mindestens zwei von drei Zyklen in den Tagen um die Menstruation (Regelblutung) auftreten; Häufigkeit: ca. 10-15 % der Frauen) siehe unter prämenstruellen Syndrom (PMS)
    Beachte: Die Akutbehandlung der menstruell zeitlich gebundenen Migräne unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der nichtmenstrueller Attacken [2] 

Beachte

  • Folgende Schwellen gelten für die Entstehung eines medikamenteninduzierten Kopfschmerzes (arzneimittelinduzierter Kopfschmerz):
    • Einnahme von Monoanalgetika an mehr als 15 Tagen/Monat
    • Einnahme von Kombinationsanalgetika an mehr als 10 Tagen/Monat
    • Einnahme von Kombinationen verschiedener Analgetika an mehr als 10 Tagen/Monat

Wirkstoffe (Hauptindikation) 

Antiemetika

Wirkstoffgruppe Wirkstoffe Besonderheiten
Dopaminantagonist Domperidon

Für Kinder und Jugendliche auch geeignet

Dosisanpassung bei
Niereninsuffizienz

H1-Rezeptorblocker (Antihistaminikum) Dimenhydrinat Mittel der zweiten Wahl (wg. antiemetisch, nicht jedoch prokinetisch wirksam); Einsatz nur, wenn der sedierende Nebeneffekt erwünscht ist

Mittel der ersten Wahl
 zur Behandlung von migräneassoziierter Übelkeit in der Schwangerschaft und Stillzeit
  • Wirkweise Domperidon: antiemetisch (gegen Übelkeit), prokinetisch (motilitätssteigernd) durch Dopamin-Rezeptorblockade (Blockade der Dopamin-Andockstellen) im ZNS (zentrales Nervensystem)
  • Indikationen: Übelkeit/Erbrechen
  • Nebenwirkungen: Diarrhoe (Durchfall), Hyperprolaktinämie (erhöhtes Prolaktin), Müdigkeit, Vertigo (Schwindel), QTc-Verlängerung (verlängerte Herzstromkurve), Torsade-de-Pointes-Tachykardien (bestimmte Herzrhythmusstörung), schwerwiegende ventrikuläre Arrhythmien (Kammer-Herzrhythmusstörungen) und plötzlicher Herztod (PHT) (plötzlicher Herztod)
  • Domperidon in der Prodromalphase der Migräne (Vorbotenphase der Migräne) eingenommen, verringert die Auftretenswahrscheinlichkeit einer nachfolgenden Kopfschmerzphase der Migräne
  • Wirkweise Dimenhydrinat: kompetitive H1-Rezeptor-Blockade (Blockade von Histamin-Rezeptoren); antiemetisch (gegen Übelkeit), nicht jedoch prokinetisch wirksam
  • Nebenwirkungen: Sedierung (Müdigkeit), anticholinerg (hemmend auf den Parasympathikus), RR ↓ (niedriger Blutdruck), P ↑ (erhöhter Puls), Appetit ↑ (Appetitsteigerung)

Analgetika

10 Minuten nach Gabe des Antiemetikums.

Wirkstoffe Besonderheiten
Acetylsalicylsäure Zugelassen auch im 1. und 2. Trimenon (Schwangerschaftsdrittel)

Cave
: Nicht bei Kindern (< 12. Lj) anwenden
→ Reye-Syndrom!

KI: Leberfunktionsstörungen, Niereninsuffizienz
Paracetamol

Mittel der ersten Wahl bei Kindern

Beachte: Paracetamol wird mit späteren Gesundheitsstörungen
des Kindes in Verbindung gebracht (erhöhtes Asthma bronchiale-Risiko,
Störung der psychomotorischen Entwicklung des Kindes
oder Kryptorchismus bei Jungen).

In allen Phasen der Schwangerschaft und Stillzeit das
Mittel der ersten Wahl
 zur Behandlung der akuten Migräneattacke.

 

Ggf. Kombinationsbehandlung (z. B. ASS 250 mg + Paracetamol 200 mg + Koffein 50 mg)

KI: Magen-Darm-Ulzera

Dosisanpassung bei Nieren-/ Leberinsuffizienz

 

Diclofenac Kontraindikationen: Herzinsuffizienz (New York Heart Association, NYHA, Stadien II-IV), ischämische Herzerkrankung, periphere Arterienerkrankung, zerebrovaskuläre Erkrankung
Ibuprofen Zugelassen für Kinder

Mittel der Wahl im 1. und 2. Trimenon zur Akuttherapie der Migräne.
In der Stillphase Mittel der ersten Wahl

Ibuprofen zeigte in einer Netzwerk-Analyse von 88 Studien die beste Verträglichkeit [9]

KI: Magen-Darm-Ulzera, Blutbildungsstörungen

Dosisanpassung bei Nieren-/ Leberinsuffizienz

Naproxen

KI: Magen-Darm-Ulzera, Blutbildungsstörungen

Dosisanpassung bei Nieren-/ Leberinsuffizienz

Metamizol

 

 

Zugelassen auch im 1. und 2. Trimenon

KI: Funktionsstörungen des Knochenmarks/hämatopoetischen Systems, Porphyrie

Dosisanpassung bei Nieren-/Leberinsuffizienz

  • Wirkweise Acetylsalicylsäure (ASS): Hemmung der Cyclooxygenase (Enzym zur Prostaglandinbildung)
  • Dosierungshinweise:
    • leichte Migräneattacke: Acetylsalicylsäure 1.000 mg oral
    • schwere Migräneattacke: Lysinacetylsalicylat 1.000 mg i.v. (intravenös)
  • Nebenwirkungen: gastrointestinal (Übelkeit, Ulzera (Magengeschwüre)), Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel) (Langzeittherapie), Vertigo (Schwindel), Tinnitus (Ohrgeräusche), Wasserretention (Wassereinlagerungen), Analgetikaasthma (Aspirin-Asthma), Uteruskontraktionshemmung (verminderte Gebärmutterkontraktion)
  • Wiederkehrkopfschmerz ist bei Triptanen (Migränemittel) mit 15-40 % häufiger als bei ASS
  • Wirkweise Paracetamol: reversible Cyclooxygenasehemmung (reversible Hemmung des Prostaglandin-Enzyms) → analgetisch (schmerzlindernd), antipyretisch (fiebersenkend); Metamizol schwach antiphlogistisch (schwach entzündungshemmend)
  • Nebenwirkungen: hepatotoxisch (leberschädigend), nephrotoxisch (nierenschädigend)
  • Antidot bei Überdosierung von Paracetamol: N-Acetylcystein (Gegenmittel N-Acetylcystein)
  • Wirkweise Ibuprofen: Hemmung der Cyclooxygenase (Prostaglandin-Enzymhemmung)
  • Dosierungshinweise: leichte Migräneattacke: Ibuprofen 400 mg
  • Nebenwirkungen: gastrointestinal (Übelkeit, Erbrechen, Ulzera (Magengeschwüre)), Magen-Darm-Ulzera, Kopfschmerzen, Schwindel, Tinnitus (Ohrgeräusche), selten Leber-/Nierenfunktionsstörungen, Wasserretention (Wassereinlagerung)
  • Wirkweise Naproxen: Hemmung der Cyclooxygenase (Prostaglandin-Enzymhemmung)
  • Dosierungshinweise: leichte Migräne: Naproxen > 500 mg
  • Nebenwirkungen: gastrointestinal (Übelkeit, Erbrechen, Blutungen), Überempfindlichkeitsreaktionen (allergische Reaktionen), Magen-Darm-Ulzera (Magengeschwüre), Kopfschmerzen, Schwindel, Hör-/Sehstörungen
  • Wirkweise Metamizol: genauer Wirkmechanismus von Metamizol ist ungeklärt; diskutiert werden u. a. eine Beteiligung des 5-HT- oder Opioid-Stoffwechsels (Serotonin- oder Opioidstoffwechsel) oder des cGMP-Signalweges (intrazellulärer Botenstoffweg)
  • Nebenwirkungen: allergische Reaktionen, Blutbildungsstörungen bis zu einer toxischen Agranulozytose (stark verminderte Granulozyten) (typische Symptome: Fieber, Halsschmerzen, entzündliche Schleimhautveränderungen), Nierenfunktionsstörungen
  • Analgetikakombinationen sind zu vermeiden!
  • Analgetika mit Koffeinzusatz sind wirksamer; Koffein (ab 100 mg) gilt dabei als analgetisches Adjuvans (Wirkverstärker) bei guter Verträglichkeit
  • Opioide sollten bei Migräne nicht gegeben werden!

Triptane (Serotonin-Rezeptor-Agonisten (Serotonin-Rezeptor-Aktivatoren)) [6]

Hinweise:

  • Triptane sind für den Endpunkt Schmerzfreiheit nach 2 h den Analgetika überlegen.
  • Triptane mit den besten Responderraten um die 40 Prozent.

Triptane (Serotonin-Rezeptor-Agonisten (Serotonin-Rezeptor-Aktivatoren)) [6]

Hinweise:

  • Triptane sind für den Endpunkt Schmerzfreiheit nach 2 h den Analgetika überlegen.
  • Triptane mit den besten Responderraten um die 40 Prozent.
Wirkstoffe Besonderheiten
Almotriptan Hinweis: Vergleichbare Effektivität zu Sumatriptan,
aber eine bessere Verträglichkeit und eine anhaltendere Wirkung.

Dosisanpassung bei schwerer Niereninsuffizienz
Ki bei schwerer Leberinsuffizienz
Eletriptan

Hinweis: Wirksamkeit und Verträglichkeit mit Sumatriptan oral vergleichbar bei etwas geringerer Wiederkehrkopfschmerzrate.

Eletriptan zeigte in einer Netzwerk-Analyse von 88 Studien die beste Wirksamkeit [9]

Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz
KI bei schwerer Nieren-/ Leberinsuffizienz

Frovatriptan Hinweis: Vergleichbar wirksam wie Sumatriptan oral, weist aber eine geringere Wiederkehrkopfschmerzrate und eine bessere Verträglichkeit auf.

KI bei schwerer Nieren-/ Leberinsuffizienz
Naratriptan Hinweis: Wirkt schwächer und langsamer als Sumatriptan, weist aber eine geringere Wiederkehrkopfschmerzrate auf.

KI bei schwerer Nieren-/ Leberinsuffizienz
Längste Plasmahalbzeit!
Rizatriptan Hinweis: Im Vergleich zum oralen Sumatriptan schneller,
stärker und anhaltender wirksam, bei vergleichbarer Verträglichkeit.

Dosisanpassung bei Nieren-/ Leberinsuffizienz
KI bei schwerer Nieren-/ Leberinsuffizienz
Sumatriptan

Mittel der ersten Wahl

Ab dem zwölften Lebensjahr zugelassen.

Im 2. und 3. Trimenon unter strenger Indikationsstellung
(d. h. bei anders nicht behandelbaren Attacken mit starken Schmerzen und Begleitsymptomen)
Hinweis: zwischen 1. und 2. Trimenon: Acetylsalicylsäure (ASS) oder Ibuprofen; KI gegenüber ASS: Paracetamol 
In der Stillzeit wird eine 8-stündige Stillpause nach der Einnahme empfohlen.

Dosisanpassung bei Nieren-/ Leberinsuffizienz
KI bei schwerer Leberinsuffizienz

Zolmitriptan Ab dem zwölften Lebensjahr zugelassen.
Hinweis: Kein wesentlicher Unterschied zu Sumatriptan oral in Wirksamkeit und Verträglichkeit. .

Dosisanpassung bei schwerer Nieren-/
Leberinsuffizienz
    • Wirkweise: selektive 5-HT1B/1D-Rezeptoragonisten (Serotonin-Rezeptor-Aktivatoren); Hemmung der aseptischen Entzündung der Duraarterien (Hirnhautarterien); Vasokonstriktion (Gefäßverengung)
    • Keine Kombination der Wirkstoffe untereinander
    • Indikationen: schwere Migräneattacken, bei denen unspezifische Analgetika bzw. die Kombination aus Antiemetikum (Mittel gegen Übelkeit) und Analgetikum (Schmerzmittel) nicht ausreichend effektiv sind
    • Anwendungsbeschränkungen: Hemiplegische Migräne (Migräne mit Lähmungserscheinungen), Migräne mit Hirnstammaura (Migräne vom Basilaristyp)
    • Dosierungshinweise:
      • Wenn sich die Kopfschmerzen nach der ersten Dosis nicht bessern, keine zweite Dosis im gleichen Anfall einnehmen
      • Treten nach bereits abgeklungenen Kopfschmerzen neue auf, kann eine einmalige Wiederholung der Einnahme erfolgen, jedoch frühestens 2-4 h (bei oraler Applikation (Einnahme über den Mund)) nach der Erstgabe.
      • In der Stillphase: Stillpause von 12 Stunden nach Einnahme von Sumatriptan (Triptan-Wirkstoff); für die übrigen Triptane werden 24 Stunden empfohlen
      • Einnahme auf max. 10 x pro Monat begrenzen; beachte: Es gilt die gleiche Grenze von 10 Tagen pro Monat bei abwechselnder Einnahme von Triptanen und Analgetika
      • Kombination von Triptanen mit Naproxen (entzündungshemmendes Schmerzmittel) ist wirksamer als die Monotherapie.
    • Wg. Kombinationen: Die gleichzeitige Einnahme von Sumatriptan (Triptan-Wirkstoff) und Naproxen kann zu einer schnelleren, stärkeren und anhaltenderen Wirkung als bei Sumatriptan allein führen [6]
    • Kontraindikationen:
      • Unkontrollierter Hypertonus (unkontrollierter Bluthochdruck)
      • Koronare Herzkrankheit (KHK) (Erkrankung der Herzkranzgefäße) inkl. Angina pectoris (Brustenge)
      • Transitorische ischämische Attacken (TIA) (kurzzeitige Durchblutungsstörung des Gehirns) und zerebrale Ischämie (minderdurchblutetes Gehirngewebe)
      • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) (Durchblutungsstörung der Beine)
      • Zust. n. Myokardinfarkt (Zustand nach Herzinfarkt)
      • Gleichzeitige Anwendung mit anderen Triptanen, Ergotaminen (Mutterkornalkaloide) oder Monoaminooxidase-Hemmern (MAO-Hemmern) (bestimmte Psychopharmaka)
    • Cave: Gleichzeitig selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer-Einnahme (SSRI-Einnahme); die Wirkungsverstärkung kann eine Serotonin-Intoxikation (Serotonin-Vergiftung) auslösen
    • Interaktionen: Die Kotherapie von Triptanen mit SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) oder SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer) sollte eigentlich wg. des Risikos eines Serotonin-Syndroms (serotonerges Syndrom (Überladung mit Serotonin)) vermieden werden; das ist allerdings nicht erforderlich: Ein Serotonin-Syndrom wird nach Registerdaten bei gleichzeitiger Einnahme bei weniger als zehn von 100.000 Patienten im Jahr festgestellt [10].
    • Nebenwirkungen: koronare Ischämie (Minderdurchblutung der Herzkranzgefäße), Herzrhythmusstörungen, Blutdruckabfall, Schwindel, Parästhesien (Kribbelgefühle), Kältegefühl, Kopfschmerzen (Wiederkehrkopfschmerz ist bei Triptanen mit 15-40 % häufiger als bei ASS); Hinweise: Lebensbedrohliche Nebenwirkungen bei Triptan-Einnahme sind extrem selten (1 : 1.000.000)
    • Triptane erhöhen nicht das Risiko angeborener Fehlbildungen (Geburtsfehlbildungen) [2]
    • Laut einer Metaanalyse scheint es bei der Anwendung in der Schwangerschaft nicht häufiger zu Missbildungen (Fehlbildungen) oder Frühgeburten zu kommen [5].
    • Zolmitriptan-Nasenspray 5 mg war das wirksamste Mittel zum Erreichen von Schmerzfreiheit nach zwei Stunden (gemäß Netzwerkanalyse) [24].

Neue Wirkstoffe bei Migräne

Lasmiditan, Rimegepant und Ubrogepant: gemessen an den Endpunkten Schmerzfreiheit oder Schmerzlinderung zwei Stunden nach der Einnahme – zwar besser als Placebo, aber insgesamt nicht besser als die meisten Triptane [21].

  • Lasmiditan (Serotonin-1F-Rezeptor-Agonist): gehört zur neuen Substanzgruppe der Ditane. Ditane wirken selektiv am 5-HT1F-Rezeptor; dessen Aktivierung führt zu keiner Vasokonstriktion.
  • Lasmiditan ist in Dosierungen von 50 mg, 100 mg und 200 mg zur Behandlung akuter Migräneattacken wirksamer als Placebo [S1-Leitlinie].
  • Rimegepant (CGRP-Rezeptor-Antagonist): gehört zur Substanzgruppe der Gepante. Gepante wirken – analog zu den zur Prophylaxe eingesetzten monoklonalen Antikörpern – spezifisch am CGRP-Rezeptor und blockieren die Effekte des migräneauslösenden Neuropeptids CGRP.
  • Rimegepant ist bei der Behandlung akuter Migräneattacken wirksamer als Placebo [S1-Leitlinie].
  • Ubrogepant (CGRP-Rezeptor-Antagonist): gehört ebenfalls zur Substanzgruppe der Gepante und zeigt in randomisierten Studien eine signifikante Überlegenheit gegenüber Placebo hinsichtlich Schmerzfreiheit und Symptomlinderung nach zwei Stunden.
  • Die Wirksamkeit liegt unter der der meisten Triptane [21].

Neue Wirkstoffe zur Migräneprophylaxe

  • Rimegepant (CGRP-Rezeptor-Antagonist): ist in der Europäischen Union zusätzlich zur Prophylaxe der episodischen Migräne zugelassen. Die EU-Zulassung erfolgte 2022, in Deutschland ist der Wirkstoff seit 2025 verfügbar.
  • Atogepant (CGRP-Rezeptor-Antagonist): gehört ebenfalls zur Substanzgruppe der Gepante und ist zur Prophylaxe der episodischen und chronischen Migräne zugelassen.
  • Leitlinien empfehlen den Wirkstoff insbesondere bei Patienten, die nicht ausreichend auf andere orale Migräneprophylaktika, auf OnabotulinumtoxinA bei chronischer Migräne sowie auf monoklonale Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor ansprechen oder diese Therapeutika nicht vertragen.
  • Mit Atogepant steht neben Rimegepant ein zweiter oraler Gepant für die Migräneprophylaxe zur Verfügung.

Wirkungseintritt

Schneller Wirkungseintritt Mittelschneller Wirkungseintritt und länger anhaltende Wirkung Langsamer Wirkungseintritt mit lang anhaltender Wirkung
Sumatriptan 6 mg s.c. Sumatriptan 50 mg/100 mg p. o. Naratriptan 2,5 mg p. o.
Eletriptan 20 mg/40 mg/80 mg p. o. Zolmitriptan 2,5 mg/5 mg p. o. Frovatriptan 2,5 mg p. o.
Rizatriptan 5 mg/10 mg p. o. Almotriptan 12,5 mg p. o.  
Zolmitriptan 5 mg nasal    

*Zolmitriptan-Nasenspray 5 mg war das wirksamste Mittel zum Erreichen von Schmerzfreiheit nach zwei Stunden (gemäß Netzwerkanalyse) [24].

Gemäß einer Metaanalyse sind Eletriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan wirksamer als die neueren Medikamente Lasmiditan sowie Rimegepant und Ubrogepant (beide in Deutschland nicht verfügbar) [25].

Therapieempfehlungen bei Status migraenosus

  • Durchbrechen des Status migränosus durch i.v.-Gabe von Glucocorticoiden (Dexamethason bzw. Prednisolon)

Wirkstoffe (Hauptindikation) bei Status migraenosus

Glucocorticoide

Wirkstoff
Dexamethason
Prednisolon
  • Wirkweise der Glucocorticoide: Hemmung der Steroidsynthese in der NNR (Nebennierenrinde), antiphlogistisch (entzündungshemmend), immunsuppressiv (unterdrückt das Immunsystem), antiallergisch (wirkt gegen Allergien), antiproliferativ (hemmt Zellwachstum), Stimmung ↑ (Stimmungsanstieg)
  • Nebenwirkungen: Glucocorticoide (Kortisonpräparate): Hypertonie (Bluthochdruck), Thromboseneigung (erhöhte Gerinnungsbereitschaft), Infektanfälligkeit (Anfälligkeit für Infektionen), Wundheilungsstörungen (schlechte Wundheilung), diabetogen (fördernd für Zuckerkrankheit), katabol (abbaubetont), Osteoporose (Knochenschwund), Ulkusneigung (Magengeschwürneigung), Glaukom (grüner Star), Katarakt (grauer Star)
  • Corticoide (Kortisonpräparate) reduzieren das Risiko eines Wiederkehrkopfschmerzes (erneuter Kopfschmerz nach Abklingen).

Therapie der akuten Migräne – Leitlinien-Update

(S1-Leitlinie AWMF 030-057, 08/2025)

  • Ziel: Rasche Linderung der Kopfschmerzen und Begleitsymptome, Wiederherstellung der Alltagsfunktion.
  • Zeitpunkt: Akuttherapie möglichst früh in der Kopfschmerzphase beginnen; bei Migräne mit Aura Analgetika bereits zu Aurbeginn möglich.
  • Leichte bis mittelgradige Migräne:
    • Nicht-Opioid-Analgetika (Acetylsalicylsäure, Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen)
    • Paracetamol bei Kontraindikationen gegen NSAR
    • Kombination mit einem Antiemetikum bei Übelkeit/Erbrechen
  • Mittelgradige bis schwere Migräne:
    • Triptane als Mittel der Wahl
    • Kombination aus Triptan und lang wirksamem NSAR (z. B. Naproxen) wirksamer als Monotherapie
  • Status migraenosus / schwere Attacken:
    • Parenterale Gabe von Metamizol, Lysin-Acetylsalicylat, Sumatriptan s. c.
    • Glucocorticoide zur Reduktion des Wiederkehrkopfschmerzes
  • Anwendungsgrenzen:
    • Triptane: ≤ 10 Einnahmetage/Monat
    • Analgetika: ≤ 15 Tage/Monat (Monoanalgetika)
  • Nicht empfohlen: Opioide, Ergotamine (nur Ausnahme-/Zweitlinienstatus)

Migräneprophylaxe (Vorbeugung von Migräneanfällen)

Therapieziele

  • Reduktion der Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken (Migräneanfälle)
  • Reduktion der monatlichen Migräne- bzw. Kopfschmerztage
  • Verbesserung der Alltagsfunktion und Lebensqualität
  • Verbesserung des Ansprechens auf die Akuttherapie (Behandlung eines akuten Migräneanfalls)
  • Reduktion des Bedarfs an Akutmedikation (Medikamente zur Behandlung eines akuten Anfalls)
  • Vermeidung einer Chronifizierung (Übergang in einen dauerhaften Verlauf) und eines Kopfschmerzes bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (durch zu häufige Einnahme von Schmerz- oder Migränemitteln ausgelöster Kopfschmerz)

Indikationen (Gründe für eine Behandlung) für eine medikamentöse Migräneprophylaxe sind insbesondere:

  • hohe Attackenfrequenz
  • ausgeprägter Leidensdruck bzw. relevante Einschränkung der Lebensqualität
  • ≥ 3 Migräneattacken pro Monat, welche die Lebensqualität beeinträchtigen
  • lang anhaltende bzw. regelmäßig über 72 Stunden dauernde Migräneattacken
  • unzureichende Wirksamkeit der leitliniengerechten Akuttherapie
  • Unverträglichkeit oder Kontraindikationen (Gegenanzeigen) gegenüber der Akuttherapie
  • zunehmende Attackenfrequenz bzw. Risiko eines Medikamentenübergebrauchs (zu häufige Einnahme von Medikamenten)
  • komplizierte Migräneattacken mit beeinträchtigenden und/oder lang anhaltenden Auren (vorübergehende neurologische Vorzeichen)
  • Zustand nach migränösem Hirninfarkt (durch Migräne ausgelöster Schlaganfall) bei Ausschluss anderer Infarktursachen [LL2, LL3]

Therapieempfehlungen

  • Die Auswahl des Migräneprophylaktikums sollte individuell nach wissenschaftlicher Evidenz, Kopfschmerzfrequenz bzw. Leidensdruck, episodischem oder chronischem Verlauf, Nebenwirkungsprofil, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), Lebensumständen und Patientenpräferenzen erfolgen [LL2, LL3].
  • Medikamente mit hoher bzw. guter wissenschaftlicher Evidenz sind:
    • Propranolol, Metoprolol und Bisoprolol
    • Flunarizin
    • Topiramat
    • Valproinsäure
    • Amitriptylin
    • OnabotulinumtoxinA bei chronischer Migräne (Migräne mit Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen pro Monat)
    • monoklonale Antikörper (künstlich hergestellte Abwehrstoffe) gegen CGRP bzw. den CGRP-Rezeptor: Eptinezumab, Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab
    • CGRP-Rezeptorantagonisten (Wirkstoffe, die den CGRP-Rezeptor blockieren): Atogepant sowie Rimegepant bei episodischer Migräne (Migräne mit weniger als 15 Kopfschmerztagen pro Monat) [LL2].
  • Medikamente bzw. Substanzen mit geringerer Evidenzlage umfassen unter anderem Candesartan, Venlafaxin, Magnesium, Riboflavin und Coenzym Q10 [LL2]. Die Evidenz für Candesartan wurde durch eine große randomisierte kontrollierte Studie 2025 und eine systematische Übersicht mit Metaanalyse 2026 wesentlich gestärkt [27, 28].
  • Eine starre Einteilung in Mittel der ersten, zweiten und dritten Wahl ist nicht sinnvoll. Die Therapieauswahl erfolgt anhand des individuellen Nutzen-Risiko-Profils und der Begleiterkrankungen [LL2, LL3].
  • Therapieerfolg:
    • episodische Migräne: Reduktion der durchschnittlichen monatlichen Migränetage um ≥ 50 %
    • chronische Migräne: Reduktion der durchschnittlichen monatlichen Migränetage um ≥ 30 % kann bereits als klinisch relevanter Therapieerfolg gewertet werden
    • alternativ klinisch relevante Verbesserung validierter patientenbezogener Endpunkte, z. B. Reduktion des MIDAS-Scores um ≥ 30 % bei einem Ausgangswert > 20 bzw. Reduktion des HIT-6 um ≥ 5 Punkte [LL2].
  • Therapie-Monitoring: Dokumentation der Migräne- und Kopfschmerztage sowie der Einnahme von Akutmedikation in einem analogen oder digitalen Kopfschmerzkalender [LL2, LL3].
  • Orale Migräneprophylaktika sollten in der Regel langsam aufdosiert werden („start low, go slow“). Die Wirksamkeit sollte nach Erreichen einer wirksamen bzw. maximal tolerierten Dosis über einen ausreichend langen Zeitraum beurteilt werden [LL2].
  • Therapiedauer bis zu einem Auslassversuch:
    • bei niederfrequenter episodischer Migräne (< 8 monatliche Migränetage), kürzerer Erkrankungsdauer und ohne relevante Komorbiditäten in der Regel 9-12 Monate bei klinisch relevantem Therapieerfolg
    • bei hochfrequenter episodischer Migräne (≥ 8 monatliche Migränetage), chronischer Migräne, längerer Migräneanamnese (Krankheitsvorgeschichte der Migräne) oder relevanten Komorbiditäten in der Regel mindestens 12-24 Monate
    • bei Flunarizin muss entsprechend der Fachinformation nach 6 Monaten eine Therapieunterbrechung erfolgen [LL2].

Betarezeptorenblocker (Betablocker)

Wirkstoff Besonderheiten
Propranolol Hohe/gute Evidenz; insbesondere geeignet bei gleichzeitigem arteriellem Hypertonus (Bluthochdruck) oder Tachykardie (beschleunigtem Herzschlag) [LL2]
Metoprolol Hohe/gute Evidenz [LL2]
Bisoprolol Off-Label-Use; hohe/gute Evidenz [LL2]
  • Wirkweise: kompetitive Blockade β-adrenerger Rezeptoren (Andockstellen für bestimmte Stresshormone); der genaue migräneprophylaktische Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt.
  • Indikationen: Migräneprophylaxe; für Propranolol besteht auch Evidenz bei chronischer Migräne [LL2].
  • Kontraindikationen: insbesondere relevante Bradykardie (zu langsamer Herzschlag), höhergradiger AV-Block (Störung der elektrischen Erregungsleitung im Herzen), Sick-Sinus-Syndrom (Funktionsstörung des natürlichen Herzschrittmachers), dekompensierte Herzinsuffizienz (schwere Herzschwäche) und Asthma bronchiale (anfallsartige Verengung der Atemwege) [LL2].
  • Dosierungshinweise: langsame Aufdosierung unter Kontrolle von Blutdruck und Herzfrequenz.
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, arterielle Hypotonie (niedriger Blutdruck), Schlafstörungen und Schwindel; seltener Bradykardie, Bronchospasmus (krampfartige Verengung der Bronchien), Hypoglykämie (Unterzuckerung), gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) und erektile Dysfunktion (Erektionsstörung) [LL2].

Flunarizin

Wirkstoff Besonderheiten
Flunarizin Einnahme vorzugsweise abends; Therapiepause nach 6 Monaten [LL2]
  • Wirkweise: Calcium-overload-Blocker mit calciumantagonistischen Eigenschaften.
  • Indikation: Migräneprophylaxe [LL2].
  • Kontraindikationen: insbesondere Depression (depressive Erkrankung), Morbus Parkinson (Parkinson-Krankheit) bzw. relevante extrapyramidale Erkrankungen (Bewegungsstörungen durch Veränderungen bestimmter Hirnregionen) und fokale Dystonie (örtlich begrenzte unwillkürliche Muskelverkrampfung); Schwangerschaft und Stillzeit entsprechend der Fachinformation beachten [LL2].
  • Dosierungshinweise: Einnahme vorzugsweise abends; bei erfolgreicher und gut verträglicher Behandlung muss nach 6 Monaten eine Therapieunterbrechung erfolgen [LL2].
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit und Gewichtszunahme; gelegentlich gastrointestinale Beschwerden und Depression; selten extrapyramidale Störungen, Tremor (Zittern) bzw. Parkinsonoid (parkinsonähnliche Beschwerden) [LL2].

Antikonvulsiva (Medikamente gegen Krampfanfälle)

Wirkstoff Besonderheiten
Topiramat Wirksam bei episodischer und chronischer Migräne sowie bei chronischer Migräne mit Medikamentenübergebrauch; Schwangerschaftsverhütungsprogramm beachten [LL2, LL5]
Valproinsäure Off-Label-Use; nicht bei gebärfähigen Patientinnen; aktuelle GKV-Verordnungsfähigkeit beachten [LL2, LL4]
  • Wirkweise Topiramat: Modulation spannungsabhängiger Natrium- und Calciumkanäle, Verstärkung der GABAergen Transmission (hemmende Signalübertragung über GABA) und Hemmung glutamaterger Signalübertragung (erregende Signalübertragung über Glutamat).
  • Indikation Topiramat: Prophylaxe von Migränekopfschmerzen bei Erwachsenen nach sorgfältiger Abwägung möglicher alternativer Behandlungsmethoden; auch bei chronischer Migräne und Medikamentenübergebrauch wirksam [LL2].
  • Kontraindikationen Topiramat: zur Migräneprophylaxe Schwangerschaft sowie Frauen im gebärfähigen Alter ohne hochwirksame Empfängnisverhütung [LL2, LL5].
  • Schwangerschaftsverhütungsprogramm bei Topiramat:
    • Schwangerschaftstest vor Therapiebeginn
    • umfassende Aufklärung über die fetalen Risiken (Risiken für das ungeborene Kind)
    • hochwirksame Empfängnisverhütung während der Behandlung und für mindestens 4 Wochen nach Therapieende
    • mindestens jährliche Reevaluation (erneute Beurteilung) der Therapie und erneute Dokumentation der Risikoaufklärung [LL5].
  • Dosierungshinweise Topiramat: langsames Einschleichen zur Verbesserung der Verträglichkeit.
  • Nebenwirkungen Topiramat: Müdigkeit, Parästhesien (Missempfindungen wie Kribbeln), Gewichtsabnahme, kognitive Störungen (Störungen von Denken und Gedächtnis), Geschmacksveränderungen, depressive Symptome und Nephrolithiasis (Nierensteine); selten Engwinkelglaukom (akute Form des grünen Stars) [LL2].
  • Wirkweise Valproinsäure: Modulation spannungsabhängiger Ionenkanäle und Verstärkung der GABAergen Neurotransmission (Signalübertragung zwischen Nervenzellen).
  • Indikation: Valproinsäure ist prophylaktisch wirksam, jedoch für die Migräneprophylaxe nicht regulär zugelassen; Anwendung daher als Off-Label-Use [LL2, LL4].
  • Beachte: Gemäß Anlage VI der Arzneimittel-Richtlinie ist als Off-Label-Indikation die Migräneprophylaxe bei Erwachsenen ab 18 Jahren, ausgenommen gebärfähige Patientinnen, vorgesehen, wenn eine Behandlung mit anderen dafür zugelassenen Arzneimitteln nicht erfolgreich war oder kontraindiziert ist. Verordnung und Überwachung sind den dort genannten neurologisch-psychiatrischen Facharztgruppen vorbehalten [LL4].
  • GKV-Verordnungsfähigkeit: Derzeit hat kein pharmazeutischer Unternehmer für ein valproinsäurehaltiges Arzneimittel eine Anerkennung des bestimmungsgemäßen Gebrauchs für diese Off-Label-Indikation abgegeben. Ziffer V der Anlage VI ist daher derzeit nicht regelhaft anwendbar; für die Verordnungsfähigkeit eines Off-Label-Use im Einzelfall bleibt die entsprechende Rechtsprechung des Bundessozialgerichts unberührt [LL4].
  • Kontraindikationen: gebärfähige Patientinnen, Schwangerschaft und Stillzeit sowie weitere Kontraindikationen entsprechend der Fachinformation und Anlage VI [LL4].
  • Männliche Patienten: Aufklärung über das potentielle Risiko neurologischer Entwicklungsstörungen (Störungen der Entwicklung von Gehirn und Nervensystem) bei Nachkommen; eine zuverlässige Empfängnisverhütung für den Patienten und seine Partnerin ist während der Behandlung und für 3 Monate nach Beendigung der Behandlung in Betracht zu ziehen [LL2].
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, Schwindel, Tremor, Hautreaktionen, Haarausfall, Gewichtszunahme, Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen) und Leberfunktionsstörungen [LL2].

Aktuelle Evidenzeinordnung: Die S1-Leitlinie bewertet Topiramat und Valproinsäure anhand der Gesamtheit der vorliegenden Daten weiterhin als wirksam [LL2]. Eine 2026 publizierte systematische Übersicht speziell zur chronischen Migräne zeigte jedoch, dass die hierfür verfügbaren RCT zu Topiramat, Valproat und Propranolol zahlenmäßig begrenzt und vielfach mit hohem Verzerrungsrisiko behaftet waren [26]. Dies relativiert die Evidenzsicherheit speziell für die chronische Migräne, hebt die Leitlinienempfehlung jedoch nicht auf.

Trizyklische Antidepressiva (bestimmte Medikamente gegen Depressionen)

Wirkstoff Besonderheiten
Amitriptylin Hohe/gute Evidenz; bei komorbider Depression 75-150 mg/d [LL2]
  • Wirkweise: Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin.
  • Indikation: Migräneprophylaxe; insbesondere geeignet bei komorbider Depression oder Angststörung (krankhaft ausgeprägter Angst) [LL2].
  • Kontraindikationen: insbesondere Herzinsuffizienz, relevante kardiale Erregungsleitungsstörungen (Störungen der elektrischen Reizleitung des Herzens) und Glaukom (grüner Star); weitere Kontraindikationen entsprechend der Fachinformation.
  • Dosierungshinweise: Bei Migräne ohne behandlungsbedürftige Depression werden 50-75 mg/d eingesetzt. Bei komorbider Depression empfiehlt die S1-Leitlinie Amitriptylin in antidepressiv wirksamer Dosierung von 75-150 mg/d; alternativ Venlafaxin 150-225 mg/d als Off-Label-Use [LL2].
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, Mundtrockenheit, Schwindel, Gewichtszunahme, Obstipation (Verstopfung), orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) sowie weitere anticholinerge Nebenwirkungen (Nebenwirkungen durch Hemmung des Botenstoffs Acetylcholin).

Candesartan

Wirkstoff Besonderheiten
Candesartan Off-Label-Use; insbesondere geeignet bei gleichzeitigem arteriellem Hypertonus; leitlinienseitig geringere Evidenzlage, durch neue RCT- und Metaanalysedaten deutlich gestärkt [27, 28, LL2]
  • Wirkweise: selektiver Antagonist am Angiotensin-II-AT1-Rezeptor; der spezifische migräneprophylaktische Wirkmechanismus ist nicht abschließend geklärt.
  • Indikation: alternative Migräneprophylaxe als Off-Label-Use; insbesondere bei gleichzeitigem arteriellem Hypertonus therapeutisch attraktiv [LL2].
  • Kontraindikationen: insbesondere Schwangerschaft, schwere Leberfunktionsstörung bzw. Cholestase (Stau der Gallenflüssigkeit); weitere Kontraindikationen entsprechend der Fachinformation.
  • Dosierungshinweise: einschleichende Dosierung kann insbesondere bei niedrigem Ausgangsblutdruck sinnvoll sein.
  • Nebenwirkungen: Schwindel, arterielle Hypotonie, Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel im Blut) und Einschränkung der Nierenfunktion.
  • Aktuelle Evidenz: Eine 2025 publizierte randomisierte, dreifach verblindete, placebokontrollierte Phase-II-Studie mit 457 Patienten mit episodischer Migräne zeigte unter Candesartan 16 mg/d gegenüber Placebo eine zusätzliche Reduktion um 1,22 Migränetage pro 4 Wochen (95-%-KI −1,75 bis −0,70; p < 0,0001) [27].
  • Eine 2026 publizierte systematische Übersicht und Metaanalyse von vier RCT mit insgesamt 659 Patienten ergab für Angiotensin-II-Rezeptorblocker eine Reduktion der Migränetage um 1,00 Tag/Monat gegenüber Placebo (95-%-KI −1,51 bis −0,49) sowie eine höhere Wahrscheinlichkeit einer ≥ 50-%-Response (OR 2,68; 95-%-KI 1,91-3,78) [28].
  • Beachte: Die neue Evidenz stärkt die klinische Bedeutung von Candesartan, ändert jedoch nicht retrospektiv die formale Evidenzeinstufung der S1-Leitlinie 2025 [27, 28, LL2].

Monoklonale Antikörper gegen CGRP bzw. den CGRP-Rezeptor

Wirkstoff Besonderheiten
Eptinezumab Bindet CGRP; intravenöse Applikation (Gabe in eine Vene) [LL2]
Erenumab Bindet den CGRP-Rezeptor; insbesondere Obstipation beachten [LL2]
Fremanezumab Bindet CGRP [LL2]
Galcanezumab Bindet CGRP [LL2]
  • Wirkweise: Eptinezumab, Fremanezumab und Galcanezumab binden CGRP als Liganden; Erenumab blockiert den CGRP-Rezeptor.
  • Indikation: Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat; Wirksamkeit bei episodischer und chronischer Migräne sowie auch bei gleichzeitigem Medikamentenübergebrauch [LL2].
  • Wirksamkeit: Die 50-%-Responderraten liegen in den Zulassungsstudien nach 3-6 Monaten etwa zwischen 30 und 62 %. Ein Wirkungseintritt kann bereits innerhalb der ersten Wochen beobachtet werden [LL2].
  • Wirksamkeitskontrolle: im Regelfall nach etwa 3 Monaten; bei Eptinezumab nach 6 Monaten. Bei chronischer Migräne kann ein verzögertes Ansprechen auftreten [LL2].
  • Kontraindikation: Überempfindlichkeit (allergische Reaktion) gegen den jeweiligen Wirkstoff bzw. Bestandteile des Arzneimittels.
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Monoklonale Antikörper gegen CGRP bzw. den CGRP-Rezeptor sollen in Schwangerschaft und Stillzeit nicht eingesetzt werden [LL2].
  • Kardiovaskuläres Risiko (Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen): Patienten mit relevanten kardiovaskulären Erkrankungen waren in den Zulassungsstudien nur eingeschränkt repräsentiert; bei hohem vaskulärem Risiko ist eine besonders sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich [LL2].
  • Nebenwirkungen: lokale Reaktionen an der Injektionsstelle, Pruritus (Juckreiz) und Überempfindlichkeitsreaktionen; unter Erenumab insbesondere Obstipation und Muskelspasmen (Muskelkrämpfe); unter Eptinezumab insbesondere Nasopharyngitis (Entzündung des Nasen-Rachen-Raums) und Überempfindlichkeitsreaktionen [LL2].
  • Direkter Vergleich Erenumab versus Topiramat: Signifikant mehr Patienten erreichten unter Erenumab eine mindestens 50-prozentige Reduktion ihrer monatlichen Migränetage (55,4 % versus 31,2 %); Therapieabbrüche aufgrund unerwünschter Ereignisse waren unter Erenumab deutlich seltener (10,6 % versus 38,9 %) [22].

Aktuelle Evidenz bei chronischer Migräne: Eine 2026 publizierte systematische Übersicht von 43 RCT mit insgesamt 14.725 Patienten zeigte gegenüber Placebo eine Reduktion der monatlichen Migränekopfschmerztage durch Eptinezumab um 2,34 Tage, Erenumab um 2,08 Tage, Fremanezumab um 1,77 Tage und Galcanezumab um 2,00 Tage [26]. Die Evidenzsicherheit für die CGRP-gerichteten Therapien wurde überwiegend als moderat bis hoch bewertet; ein wesentlicher Teil der zugrunde liegenden Studien war industriegesponsert [26].

Beachte: Medizinische Evidenz bzw. Zulassung und GKV-rechtliche bzw. wirtschaftliche Vorgaben sind voneinander zu unterscheiden. Bei der Verordnung sind die jeweils aktuellen Beschlüsse des G-BA, regionale Wirtschaftlichkeitsvorgaben und die Fachinformationen zu beachten.

CGRP-Rezeptorantagonisten (Gepante)

Wirkstoff Besonderheiten
Atogepant Zugelassen zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat; wirksam bei episodischer und chronischer Migräne [LL2, LL6]
Rimegepant Zugelassen zur Prophylaxe der episodischen Migräne bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migräneattacken pro Monat; zugleich zur Akuttherapie zugelassen [LL2, LL7]
  • Wirkweise: kompetitive Antagonisten am CGRP-Rezeptor.
  • Indikationen Atogepant: episodische und chronische Migräne; auch bei chronischer Migräne mit Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln wirksam [LL2, LL6].
  • Indikationen Rimegepant: Prophylaxe der episodischen Migräne; nicht zur Prophylaxe der chronischen Migräne zugelassen [LL2, LL7].
  • Interaktionen: insbesondere CYP3A4- und Transporter-vermittelte Interaktionen (gegenseitige Beeinflussungen mit anderen Arzneimitteln) sind entsprechend der jeweiligen Fachinformation zu beachten [LL6, LL7].
  • Kardiovaskuläres Risiko: Gepante besitzen keine primär vasokonstriktive Wirkung (gefäßverengende Wirkung). Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko bzw. manifesten kardiovaskulären Erkrankungen waren jedoch in den klinischen Studien nur unzureichend repräsentiert; hier ist eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich [LL2].
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Die S1-Leitlinie empfiehlt, Gepante in Schwangerschaft und Stillzeit nicht einzusetzen [LL2]. Die jeweiligen Angaben der Fachinformation sind zusätzlich zu beachten [LL6, LL7].
  • Nebenwirkungen Atogepant: insbesondere Übelkeit, Obstipation, Fatigue, Appetitminderung und Gewichtsabnahme; selten Überempfindlichkeitsreaktionen [LL6].
  • Nebenwirkungen Rimegepant: insbesondere Übelkeit und Überempfindlichkeitsreaktionen; insgesamt günstiges Verträglichkeitsprofil [LL7].

Aktuelle Evidenz: Bei chronischer Migräne reduzierte Atogepant in der systematischen Übersicht von Khalili et al. die monatlichen Migränekopfschmerztage gegenüber Placebo um 2,10 Tage (95-%-KI −3,06 bis −1,14; hohe Evidenzsicherheit) [26]. Für Rimegepant ergab sich bei chronischer Migräne keine statistisch gesicherte Reduktion (MD −1,20 Tage; 95-%-KI −2,59 bis 0,19; moderate Evidenzsicherheit) [26]. Dies steht nicht im Widerspruch zur Wirksamkeit und Zulassung von Rimegepant zur Prophylaxe der episodischen Migräne [LL2, LL7].

OnabotulinumtoxinA bei chronischer Migräne

Wirkstoff Besonderheiten
OnabotulinumtoxinA Zugelassen zur Prophylaxe der chronischen Migräne; Anwendung entsprechend dem PREEMPT-Schema [LL2]
  • Wirkweise: Hemmung der präsynaptischen Freisetzung von Acetylcholin sowie Modulation peripherer nozizeptiver Signalübertragung (Beeinflussung der Schmerzweiterleitung).
  • Indikation: chronische Migräne mit oder ohne Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln [LL2].
  • Kontraindikationen: insbesondere Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff bzw. Bestandteile und Infektion an den vorgesehenen Injektionsstellen; bei neuromuskulären Übertragungsstörungen (Störungen der Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln) wie Myasthenia gravis (krankhafte Muskelschwäche) ist besondere Vorsicht erforderlich.
  • Dosierungshinweise: Behandlung in 12-Wochen-Intervallen; vor abschließender Beurteilung der Wirksamkeit sollten in der Regel 2-3 Behandlungszyklen durchgeführt werden. Bei gutem Ansprechen kann das Intervall verlängert oder ein Auslassversuch vorgenommen werden [LL2].
  • Nebenwirkungen: Nackenschmerzen, muskelkaterartige Beschwerden, lokale Muskelschwäche und kosmetisch unerwünschte Effekte [LL2].

Aktuelle Evidenz: Khalili et al. fanden für Botulinumtoxin bei chronischer Migräne gegenüber Placebo eine Reduktion der monatlichen Migränekopfschmerztage um 1,34 Tage (95-%-KI −2,27 bis −0,41) bei niedriger Evidenzsicherheit; Therapieabbrüche aufgrund unerwünschter Ereignisse waren gegenüber Placebo häufiger [26]. Die aktuelle S1-Leitlinie empfiehlt OnabotulinumtoxinA weiterhin als wirksame und zugelassene Therapie der chronischen Migräne [LL2].

Weitere medikamentöse Optionen bei Komorbiditäten

  • Depression: Amitriptylin 75-150 mg/d; alternativ Venlafaxin 150-225 mg/d als Off-Label-Use [LL2].
  • Angststörung: Amitriptylin oder Venlafaxin [LL2].
  • Epilepsie (Anfallsleiden): Topiramat kann aufgrund der Doppelindikation besonders geeignet sein [LL2].
  • Arterieller Hypertonus: Betarezeptorenblocker bzw. Candesartan können aufgrund der Begleiterkrankung besonders sinnvoll sein [27, 28, LL2].

Migräneprophylaxe bei Kindern und Jugendlichen

  • Nicht medikamentöse Maßnahmen stehen im Vordergrund. Eine medikamentöse Migräneprophylaxe bleibt aufgrund der insgesamt begrenzten Evidenz besonderen Situationen vorbehalten [LL2, LL3].
  • Propranolol-Präparate besitzen teilweise eine Zulassung für Kinder bzw. Jugendliche; die jeweilige Fachinformation hinsichtlich Alter und Migräneindikation ist zu beachten [LL2].
  • In der CHAMP-Studie waren Amitriptylin und Topiramat bei Kindern und Jugendlichen hinsichtlich der Reduktion der Kopfschmerzhäufigkeit nicht wirksamer als Placebo und waren mit mehr unerwünschten Ereignissen verbunden [7, 8].
  • Eine systematische Übersicht und Netzwerk-Metaanalyse fand keine robuste langfristige Überlegenheit eines untersuchten medikamentösen Migräneprophylaktikums gegenüber Placebo; für einzelne Wirkstoffe bestanden lediglich kurzfristige Effekte bei insgesamt begrenzter Evidenzsicherheit [19].

Medikamentöse Prophylaxe der Migräne in der Schwangerschaft

  • Bevorzugt sollten nicht medikamentöse Verfahren eingesetzt werden. Kontrollierte Studien zur medikamentösen Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft liegen nicht vor [LL2].
  • Als mögliche medikamentöse Prophylaktika gelten Metoprolol, Propranolol und Amitriptylin; jeweils sollte die niedrigste wirksame Dosis eingesetzt werden [LL2].
  • Bei Einnahme von Betarezeptorenblockern bis zur Entbindung können beim Neugeborenen Bradykardien auftreten [LL2].
  • Orales Magnesium erscheint im Bereich einer Zufuhr von etwa 300 mg/d vertretbar [LL2].
  • Topiramat ist zur Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft kontraindiziert. Das Schwangerschaftsverhütungsprogramm ist zu beachten [LL2, LL5].
  • Valproinsäure darf zur Migräneprophylaxe nicht bei gebärfähigen Patientinnen eingesetzt werden und ist bei Schwangeren und Stillenden ausgeschlossen [LL2, LL4].
  • Monoklonale Antikörper gegen CGRP bzw. den CGRP-Rezeptor und Gepante sollen in Schwangerschaft und Stillzeit nicht eingesetzt werden [LL2].
  • Für OnabotulinumtoxinA liegen nur begrenzte Beobachtungsdaten vor; daraus kann keine generelle Empfehlung für die Anwendung in der Schwangerschaft abgeleitet werden [LL2].

Medikamentöse Prophylaxe der menstruellen Migräne (Migräne im zeitlichen Zusammenhang mit der Monatsblutung)

  • Kurzzeitprophylaxe: Bei regelmäßigem Zyklus kommen Naproxen oder Triptane mit langer Halbwertszeit in Betracht, beginnend etwa 2 Tage vor dem erwarteten Einsetzen der menstruellen Migräne und über etwa 5-7 Tage [LL2].
  • Untersuchte Optionen: Frovatriptan 2,5 mg 1- bis 3-mal täglich, Zolmitriptan 2,5 mg 2- bis 3-mal täglich, Naratriptan 1 bzw. 2,5 mg 2-mal täglich und Naproxen 550 mg 2-mal täglich [LL2].
  • Die Tage mit Einnahme der Kurzzeitprophylaxe sind im Kopfschmerzkalender zu dokumentieren; das Risiko eines Medikamentenübergebrauchs ist zu beachten [LL2].
  • Als vorbeugende hormonelle Maßnahme kann in geeigneten Fällen die kontinuierliche Gabe eines kombinierten oralen Kontrazeptivums (hormonelles Verhütungsmittel zum Einnehmen mit zwei Hormonarten) erwogen werden [LL2].
  • Auch Desogestrel kann zur Prophylaxe der menstruellen Migräne in Betracht kommen [LL2].
  • Bei Migräne mit Aura ist bei der Wahl hormoneller Kontrazeptiva (hormonelle Verhütungsmittel) das erhöhte vaskuläre Risiko zu berücksichtigen [LL2].

Mikronährstoffe (Vitamine, Mineralstoffe und andere lebensnotwendige Nährstoffe)

Wirkstoff Besonderheiten
Magnesium Geringe bzw. inkonsistente Evidenz; gastrointestinale Verträglichkeit kann dosislimitierend sein [LL2]
Riboflavin (Vitamin B2) Geringe Evidenz [LL2]
Coenzym Q10 Geringe Evidenz; kleine Datenbasis [LL2]
  • Beachte: Magnesium, Riboflavin und Coenzym Q10 weisen eine deutlich schwächere Evidenzbasis als die etablierten pharmakologischen Migräneprophylaktika auf. Sie können insbesondere bei Patienten erwogen werden, die eine reguläre medikamentöse Prophylaxe nicht wünschen bzw. nicht vertragen [LL2].

Phytotherapeutika (pflanzliche Arzneimittel)

  • Pestwurz: Spezielle Pestwurzextrakte zeigten in älteren placebokontrollierten Studien eine prophylaktische Wirksamkeit bei Erwachsenen [16, 17]. Für Kinder und Jugendliche liegt eine offene Studie vor [18]. Aufgrund seltener schwerwiegender Leberfunktionsstörungen und fehlender Verfügbarkeit entsprechender Arzneimittel in Deutschland und Österreich wird Pestwurz nicht als reguläre Migräneprophylaxe empfohlen [LL2].

Beachte

  • Eine medikamentöse Migräneprophylaxe sollte grundsätzlich mit nicht medikamentösen Maßnahmen wie regelmäßigem aerobem Ausdauertraining, Entspannungsverfahren, Biofeedback, Stressmanagement und gegebenenfalls kognitiver Verhaltenstherapie (psychotherapeutisches Verfahren zur Veränderung belastender Denk- und Verhaltensmuster) kombiniert werden [LL2, LL3].
  • Versorgungsaspekt: Die DGS-Initiative chronischer Kopfschmerz zielt auf eine Verbesserung der wissenschaftlich fundierten Primärversorgung sowie auf die Vermeidung von Chronifizierung und Medikamentenfehlgebrauch [LL1].
  • Bei fehlendem Ansprechen auf einen monoklonalen CGRP-(Rezeptor-)Antikörper kann ein Wechsel auf einen anderen monoklonalen Antikörper bzw. einen CGRP-Rezeptorantagonisten erwogen werden; die Evidenz für konkrete Wechselstrategien ist jedoch begrenzt [LL2].
  • Für Kombinationen mehrerer spezifischer CGRP-gerichteter prophylaktischer Therapien besteht bislang keine ausreichende Evidenz für eine generelle Empfehlung [LL2].
  • Die individuelle Wirksamkeit, Verträglichkeit, Begleiterkrankungen, Kontraindikationen, Lebensumstände und Patientenpräferenz sind für die Auswahl der Migräneprophylaxe entscheidend [LL2, LL3].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für den Energiestoffwechsel sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Biotin)
  • Mineralstoffe (Calcium, Kalium, Magnesium)
  • Spurenelemente (Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
  • Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), L-Carnitin, Fruchtsäuren – Citrat (gebunden in Magnesiumcitrat und Kaliumcitrat), Probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Literatur

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  25. Karlsson WK et al.: Comparative effects of drug interventions for the acute management of migraine episodes in adults: systematic review and network meta-analysis. BMJ. 2024;386:e080107. doi: 10.1136/bmj-2024-080107.
  26. Khalili M, Haghdoost F, Liaghatdar A et al.: Effectiveness and Tolerability of Pharmacologic Prophylaxis for Chronic Migraine: A Systematic Review of Randomized Controlled Trials. Ann Intern Med. 2026;179(6):823-834. doi: 10.7326/ANNALS-25-02221.
  27. Øie LR, Wergeland T, Salvesen Ø et al.: Candesartan versus placebo for migraine prevention in patients with episodic migraine: a randomised, triple-blind, placebo-controlled, phase 2 trial. Lancet Neurol. 2025;24(10):817-827. doi: 10.1016/S1474-4422(25)00269-8.
  28. Riise HS, Thorvik H, Øie LR et al.: The effects of angiotensin receptor blockers as prophylactic migraine treatment: A systematic review and meta-analysis. Cephalalgia. 2026;46(5):3331024261451481. doi: 10.1177/03331024261451481.

Leitlinien

  1. DGS-Initiative chronischer Kopfschmerz: Für eine Verbesserung in der Primärversorgung. Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V. (DGS), 24.08.2022. DGS-2022 [LL1]
  2. S1-Leitlinie: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) et al. AWMF-Registernummer: 030-057, 2025. AWMF-Detail-Link. Langfassung [LL2]
  3. Göbel H, Heinze A: DGS-PraxisLeitlinie: Primäre Kopfschmerzerkrankungen. Version 3.0 für Fachkreise. Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e. V., Erscheinungsjahr 2023. Volltext [LL3]
  4. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Arzneimittel-Richtlinie, Anlage VI zum Abschnitt K – Verordnungsfähigkeit von zugelassenen Arzneimitteln in nicht zugelassenen Anwendungsgebieten (Off-Label-Use), Teil A, Ziffer V: Valproinsäure bei der Migräneprophylaxe im Erwachsenenalter. Letzte Änderung in Kraft getreten am 29.08.2025. Aktuelle Anlage VI [LL4]
  5. European Medicines Agency (EMA): Topiramate – Article-31 referral: New measures to avoid topiramate exposure in pregnancy; Pregnancy Prevention Programme. EMA [LL5]
  6. European Medicines Agency (EMA): AQUIPTA (Atogepant) – aktuelle Produktinformation/Fachinformation. EMA [LL6]
  7. European Medicines Agency (EMA): VYDURA (Rimegepant) – aktuelle Produktinformation/Fachinformation. EMA [LL7]