Lactoseunverträglichkeit (Lactoseintoleranz) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

  • Beschwerdefreiheit beziehungsweise klinisch relevante Symptomreduktion bei möglichst geringer Einschränkung der Ernährung
  • Sicherstellung einer bedarfsgerechten Calcium- und Vitamin-D-Zufuhr

Therapieempfehlungen

Grundlage: Eine Lactasedefizienz (Mangel des Enzyms Lactase) bezeichnet die verminderte Aktivität des Enzyms Lactase (β-Galaktosidase) im Dünndarm. Lactosemalabsorption (unzureichende Aufnahme von Milchzucker) bezeichnet die unvollständige Verdauung beziehungsweise Resorption von Lactose. Eine Lactoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) liegt erst vor, wenn nach Aufnahme von Lactose gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) auftreten [1, 3, LL1].

  • Indikationsstellung:
    • Eine Lactosereduktion oder Enzymsubstitution soll nur erfolgen, wenn der zeitliche Zusammenhang zwischen der Aufnahme lactosehaltiger Lebensmittel und dem Auftreten typischer Beschwerden dokumentiert ist. Eine asymptomatische Lactosemalabsorption bedarf keiner Therapie [LL1].
  • Diätetische Basistherapie:
    • Individuelle Reduktion der Lactosezufuhr bis zur Beschwerdefreiheit; eine vollständige und dauerhafte Lactoseelimination ist bei den meisten Patienten nicht erforderlich.
    • Viele Patienten mit Lactosemalabsorption tolerieren etwa 12 g Lactose als Einzeldosis ohne oder nur mit geringfügigen Beschwerden. Die Verträglichkeit kann durch die Aufnahme zusammen mit einer Mahlzeit und die Verteilung auf mehrere Portionen verbessert werden [2, 3, LL1, BQ1].
    • Lactosefreie beziehungsweise lactosereduzierte Produkte sowie natürlicherweise lactosearme Milchprodukte können eingesetzt werden [3, BQ1].
  • Enzymsubstitution (Ersatz des fehlenden Enzyms) mit oralen Lactasepräparaten:
    • Lactasepräparate können bei geplanter Aufnahme lactosehaltiger Speisen als bedarfsorientierte Begleittherapie eingesetzt werden [2, 3, LL1, BQ1].
    • Tabletten, Kapseln oder Kautabletten werden unmittelbar vor beziehungsweise mit dem ersten Bissen der lactosehaltigen Mahlzeit eingenommen. Lactasetropfen können lactosehaltigen Flüssigkeiten vor dem Verzehr zugesetzt werden [3, BQ1].
    • Bei Erwachsenen werden initial 4.500 FCC-Einheiten Lactase zu jeder lactosehaltigen Mahlzeit eingenommen. Diese Dosierung reduzierte in einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Crossover-Studie nach Belastung mit 25 g Lactose sowohl die klinischen Beschwerden als auch die Wasserstoffexhalation [5].
    • Bei unzureichender Wirkung kann die Dosis bei der nächsten Lactoseexposition schrittweise, beispielsweise auf 9.000 FCC-Einheiten, erhöht werden. Bei hoher Lactosezufuhr oder ausgeprägter individueller Empfindlichkeit kann eine weitere Anpassung entsprechend der Herstellerangabe erforderlich sein [5, 6].
    • In klinischen Untersuchungen wurden bei einer Belastung mit 25 g Lactose neben 4.500 FCC-Einheiten auch Tilactasedosen von 6.750 beziehungsweise 11.250 Enzymeinheiten erfolgreich eingesetzt [5, 6]. Wegen unterschiedlicher Bestimmungsmethoden der Enzymaktivität sind die Dosierungsangaben verschiedener Präparate jedoch nicht immer unmittelbar vergleichbar.
    • Die erforderliche Lactasedosis richtet sich nach der aufgenommenen Lactosemenge, der Restaktivität der körpereigenen Lactase, dem Ausmaß der Beschwerden und der Enzymaktivität des verwendeten Präparats. Die niedrigste zuverlässig wirksame Dosis soll individuell ermittelt werden.
    • Bei länger dauernden Mahlzeiten kann entsprechend der Herstellerangabe eine erneute Einnahme erforderlich sein, da die zu Beginn eingenommene Lactase nicht unbegrenzt enzymatisch wirksam bleibt.
    • Für Lactasetropfen lässt sich keine allgemeingültige Tropfenzahl angeben. Dosierung, erforderliche Einwirkzeit und Lagertemperatur richten sich nach der Enzymaktivität und den Herstellerangaben des jeweiligen Präparats.
    • Exogene Lactase hydrolysiert Lactose intraluminal zu Glucose und Galactose. Sie kann die Lactoseverdauung verbessern und Beschwerden reduzieren; das individuelle Ansprechen ist jedoch variabel und nicht bei allen Patienten ausreichend [2, 3, 5, 6].
    • Lactasepräparate behandeln die jeweilige Mahlzeit, erhöhen jedoch nicht dauerhaft die körpereigene Lactaseaktivität und stellen keine kausale Therapie der primären Lactase-Non-Persistenz (dauerhaft verminderten Lactasebildung) dar [3, BQ1].
    • Kontraindikationen und Anwendungseinschränkungen des jeweiligen Präparats, insbesondere Überempfindlichkeiten gegenüber dem Enzym, dessen Herstellungsquelle oder sonstigen Bestandteilen, sind zu beachten.
  • Probiotische Therapie:
    • Eine Metaanalyse von zwölf Studien bei Erwachsenen zeigte eine Reduktion von Bauchschmerzen, Diarrhoe (Durchfall) und Flatulenz (Blähungen) durch Probiotika. Die Ergebnisse waren jedoch abhängig von Stamm, Dosis, Lactosebelastung und untersuchtem Endpunkt; zudem bestand bei den meisten Endpunkten ein Hinweis auf Publikationsbias [4].
    • Ein individueller Therapieversuch kann erwogen werden. Eine allgemeingültige Empfehlung für einen bestimmten Probiotikastamm, eine verbindliche Dosierung oder Therapiedauer lässt sich aus der derzeitigen Evidenz nicht ableiten [2, 4].
  • Sekundäre Lactasedefizienz:
    • Vorrangig ist die zugrunde liegende Dünndarmerkrankung beziehungsweise Schleimhautschädigung zu behandeln. Mit der Regeneration der Dünndarmschleimhaut kann sich die Lactoseverträglichkeit wieder verbessern [3, BQ1].
    • Bei Kindern und Jugendlichen soll eine Lactosereduktion bei sekundärer Lactasedefizienz nur vorübergehend und nur bei gesicherter Zuordnung der Beschwerden zur Lactoseaufnahme erfolgen [LL2].

Beachte: Eine unnötig strenge beziehungsweise vollständige Elimination von Milch und Milchprodukten kann die Versorgung mit Calcium, Vitamin D und weiteren Nährstoffen beeinträchtigen. Die Ernährung soll daher an der individuell verträglichen Lactosemenge ausgerichtet werden [2, 3, BQ1].

Bei fortbestehenden Beschwerden: Bei fehlendem Ansprechen auf eine ausreichend durchgeführte Lactosereduktion oder Lactasesubstitution sollen die Diagnose und mögliche zusätzliche Ursachen wie Reizdarmsyndrom (Reizdarm), Zöliakie (Glutenunverträglichkeit mit Schädigung der Dünndarmschleimhaut), chronisch-entzündliche Darmerkrankung (lang andauernde entzündliche Darmerkrankung) oder bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms (übermäßige Besiedlung des Dünndarms mit Bakterien) überprüft werden [3, LL1].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel)

  • Probiotische Kulturen: u. a. mit Lactobacillus acidophilus, Bifidobacterium longum

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

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Abkürzungsverzeichnis

  • Ann Intern Med: Annals of Internal Medicine
  • BQ: Behördliche Quelle
  • CGS: Czech Gastroenterological Society
  • doi: Digital Object Identifier
  • EAGEN: European Association for Gastroenterology, Endoscopy and Nutrition
  • ESPCG: European Society for Primary Care Gastroenterology
  • ESPGHAN: European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition
  • ESPEN: European Society for Clinical Nutrition and Metabolism
  • Eur J Clin Invest: European Journal of Clinical Investigation
  • FCC: Food Chemicals Codex
  • J Dairy Sci: Journal of Dairy Science
  • JGH Open: Journal of Gastroenterology and Hepatology Open
  • LGA: Latvian Gastroenterology Association
  • LL: Leitlinie
  • SIGE: Italian Society of Gastroenterology and Digestive Endoscopy
  • SPG: Portuguese Society of Gastroenterology
  • SRGH: Romanian Society of Gastroenterology and Hepatology
  • UEG: United European Gastroenterology
  • United European Gastroenterol J: United European Gastroenterology Journal

Literatur

  1. Deng Y, Misselwitz B, Dai N, Fox M. Lactose intolerance in adults: biological mechanism and dietary management. Nutrients. 2015;7(9):8020-8035. doi: 10.3390/nu7095380
  2. Shaukat A, Levitt MD, Taylor BC, MacDonald R, Shamliyan TA, Kane RL, Wilt TJ. Systematic review: effective management strategies for lactose intolerance. Ann Intern Med. 2010;152(12):797-803. doi: 10.7326/0003-4819-152-12-201006150-00241
  3. Misselwitz B, Butter M, Verbeke K, Fox MR. Update on lactose malabsorption and intolerance: pathogenesis, diagnosis and clinical management. Gut. 2019;68(11):2080-2091. doi: 10.1136/gutjnl-2019-318404
  4. Ahn SI, Kim MS, Park DG, Han BK, Kim YJ. Effects of probiotics administration on lactose intolerance in adulthood: a meta-analysis. J Dairy Sci. 2023;106(7):4489-4501. doi: 10.3168/jds.2022-22762
  5. Baijal R, Tandon RK. Effect of lactase on symptoms and hydrogen breath levels in lactose intolerance: a crossover placebo-controlled study. JGH Open. 2021;5(1):143-148. doi: 10.1002/jgh3.12463
  6. Portincasa P, Di Ciaula A, Vacca M, Montelli R, Wang DQH, Palasciano G. Beneficial effects of oral tilactase on patients with hypolactasia. Eur J Clin Invest. 2008;38(11):835-844. doi: 10.1111/j.1365-2362.2008.02035.x

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Hammer HF, Fox MR, Keller J, et al. European guideline on indications, performance, and clinical impact of hydrogen and methane breath tests in adult and pediatric patients: European Association for Gastroenterology, Endoscopy and Nutrition, European Society of Neurogastroenterology and Motility, and European Society for Paediatric Gastroenterology Hepatology and Nutrition consensus. United European Gastroenterol J. 2022;10(1):15-40. doi: 10.1002/ueg2.12133 [LL1]
  2. Lenti MV, Hammer HF, Tacheci I, et al. European Consensus on Malabsorption—UEG & SIGE, LGA, SPG, SRGH, CGS, ESPCG, EAGEN, ESPEN, and ESPGHAN. Part 2: Screening, Special Populations, Nutritional Goals, Supportive Care, Primary Care Perspective. United European Gastroenterol J. 2025;13(5):773-797. doi: 10.1002/ueg2.70011 [LL2]

Behördliche und regulatorische Quellen

  1. National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases. Treatment for Lactose Intolerance. National Institutes of Health. Volltext [BQ1]