Scheiden-pH-Wert-Messung
Die vaginale pH-Wert-Messung ist ein einfaches Point-of-Care-Verfahren zur orientierenden Beurteilung des Säure-Basen-Status des Vaginalsekrets (Scheidensekrets). Sie wird in der klinischen Labordiagnostik zur Abklärung von Fluor vaginalis (Scheidenausfluss), Geruch, Brennen, Pruritus (Juckreiz), Verdacht auf bakterielle Vaginose (bakterielle Scheidenmilieustörung), Trichomoniasis (Trichomonadeninfektion), nichtinfektiöse Vaginitisformen (Scheidenentzündungsformen) und hypoöstrogene Schleimhautveränderungen (Schleimhautveränderungen durch Östrogenmangel) eingesetzt. Der pH-Wert ist jedoch kein krankheitsspezifischer Einzelparameter und erlaubt ohne klinische Untersuchung, Mikroskopie und gegebenenfalls mikrobiologische oder molekularbiologische Zusatzdiagnostik keine definitive Diagnose [1-5].
Ein physiologisch niedriger vaginaler pH-Wert wird bei Frauen im reproduktiven Alter wesentlich durch eine lactobazillendominierte Vaginalflora (Scheidenflora), die Bildung organischer Säuren und die Östrogenabhängigkeit des vaginalen Epithels (Scheidenschleimhaut) geprägt. Ein erhöhter pH-Wert spricht für eine Störung des vaginalen Milieus, ist aber unspezifisch und kann durch bakterielle Vaginose, Trichomoniasis, aerobe/desquamative Vaginitis, Östrogenmangel, Blut, Sperma, Fruchtwasser, vaginale Medikamente oder technische Fehler bedingt sein [1-6].
Synonyme
- Vaginaler pH-Test
- Vaginale pH-Metrie
- Messung des vaginalen pH-Werts
- Bestimmung des vaginalen pH-Werts
- Vaginaler Säuregrad-Test
- Vaginaler pH-Schnelltest
- pH-Test des Vaginalsekrets
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Vaginalsekret von der lateralen Vaginalwand
- pH-Indikatorpapier mit geeignetem Messbereich, vorzugsweise enger Bereich, etwa pH 3,8-5,5
- Alternativ validierter pH-Testhandschuh oder pH-Teststreifen
- Steriler Tupfer nur dann, wenn das Testsystem eine indirekte Applikation des Vaginalsekrets vorsieht
- Spekulum (Scheidenspiegel) bei ärztlicher Untersuchung, sofern gleichzeitig Nativpräparat, Amintest oder Abstrichdiagnostik geplant sind
- Vorbereitung des Patienten
- Keine vaginale Anwendung von Antimykotika (Pilzmittel), Antiseptika (keimhemmende Mittel), Gleitmitteln, Feuchtigkeitsgelen oder lokalen Östrogenpräparaten unmittelbar vor der Messung
- Keine vaginale Spülung vor der Messung
- Keine Messung unmittelbar nach Geschlechtsverkehr, da Sperma den pH-Wert alkalisiert
- Keine Messung während relevanter vaginaler Blutung, sofern die Untersuchung nicht klinisch zwingend erforderlich ist
- Bei symptomatischen Patienten sollte die pH-Wert-Messung vor Applikation von Kaliumhydroxid, Kochsalzlösung oder anderen Reagenzien erfolgen
- Störfaktoren
- Menstruationsblut, Schmierblutung oder postmenopausale Blutung
- Sperma nach Geschlechtsverkehr
- Vaginale Spülungen, Intimsprays, Desinfektionsmittel, Gleitmittel und Vaginalpräparate
- Zervixschleim (Gebärmutterhalsschleim), Urinbeimengung oder Probenentnahme zu nah am Introitus (Scheideneingang) beziehungsweise an der Zervix (Gebärmutterhals)
- Fruchtwasser bei vorzeitigem Blasensprung
- Zu langes Ablesen, ungenaue Farbskala oder ungeeigneter pH-Messbereich
- Kontamination des Testfeldes mit Wasser, Untersuchungsgel oder Spekulumgleitmittel
- Methode
- Direkte Applikation des pH-Indikatorpapiers an die laterale Vaginalwand ohne Kontakt mit Zervixschleim oder Blut
- Ablesen des Farbumschlags nach Herstellerangabe, in der Regel nach wenigen Sekunden
- Vergleich mit der Referenzskala des Testsystems
- Dokumentation als numerischer pH-Wert oder als Bereich, abhängig von der Skalierung des Testsystems
- Bei Verdacht auf bakterielle Vaginose Einordnung im Zusammenhang mit Amsel-Kriterien, Nativmikroskopie und gegebenenfalls Nugent-Score beziehungsweise molekularbiologischer Diagnostik [1, 3-5]
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Situation | Referenzbereich/Interpretationsgrenze |
|---|---|
| Frauen im reproduktiven Alter | Etwa pH 3,8-4,5 |
| Schwangerschaft | Meist pH 3,8-4,5; ein erhöhter pH-Wert ist unspezifisch und diagnostisch nicht allein beweisend |
| Postmenopause ohne lokale oder systemische Östrogenwirkung | Häufig pH > 4,5; abhängig vom Ausmaß der hypoöstrogenen Schleimhautveränderung |
| Bakterielle Vaginose nach Amsel-Kriterien | pH > 4,5 als eines von vier Kriterien; diagnostisch erforderlich sind typischerweise mindestens drei von vier Amsel-Kriterien |
| Vulvovaginalkandidose (Scheidenpilz) | pH meist im Normbereich; ein normaler pH-Wert schließt eine Kandidose (Pilzinfektion) nicht aus |
| Trichomoniasis | Häufig pH > 4,5, jedoch nicht spezifisch |
Normbereiche sind methoden-, alters-, hormonstatus- und situationsabhängig. Der pH-Wert ist ein orientierender Befund und muss im klinischen Kontext interpretiert werden.
Indikationen
- Basisdiagnostik bei Fluor vaginalis, fischartigem Geruch, Brennen, Pruritus, Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) oder vulvovaginalem Beschwerdenkomplex
- Abklärung des Verdachts auf bakterielle Vaginose als Bestandteil der Amsel-Kriterien
- Differentialdiagnostische Einordnung von bakterieller Vaginose, Trichomoniasis, Vulvovaginalkandidose, aerober Vaginitis, desquamativer inflammatorischer Vaginitis und hypoöstrogenen Schleimhautveränderungen
- Ergänzende Beurteilung bei Genitourinary Syndrome of Menopause (Beschwerden an Harn- und Geschlechtsorganen nach den Wechseljahren) beziehungsweise vulvovaginaler Atrophie (Rückbildung von Vulva- und Scheidenschleimhaut)
- Entscheidungshilfe für weiterführende Diagnostik, insbesondere Nativmikroskopie, Grampräparat mit Nugent-Score, Kultur, Antigentest oder Nukleinsäure-Amplifikationstest
- Schwangerschaft bei klinischem Verdacht auf vaginale Dysbiose (gestörte Scheidenflora) oder Infektion; nicht als alleinige Screeningmaßnahme zur sicheren Frühgeburtsprävention
- Kontrolle des vaginalen Milieus in ausgewählten klinischen Fragestellungen, nicht als alleinige Therapiekontrolle
Interpretation
- Erhöhte Werte
- pH > 4,5: Hinweis auf bakterielle Vaginose, insbesondere bei homogenem dünnflüssigem Fluor, positivem Amintest und Nachweis von Clue Cells [1, 3-5]
- pH > 4,5: möglicher Hinweis auf Trichomoniasis, insbesondere bei entzündlichem Fluor, Brennen, Dyspareunie und entsprechender Exposition
- pH > 4,5-5,0: möglicher Hinweis auf aerobe Vaginitis oder desquamative inflammatorische Vaginitis bei entzündlicher Klinik und mikroskopischem Entzündungsbefund
- pH > 5,0: häufig bei hypoöstrogenem Vaginalepithel, postmenopausaler Atrophie oder Genitourinary Syndrome of Menopause [2, 6]
- Falsch erhöhte Werte: Blut, Sperma, Fruchtwasser, zervikale Beimengung, Urin, vaginale Präparate oder technische Kontamination
- Erniedrigte Werte
- pH < 3,8: selten und meist ohne eigenständige diagnostische Relevanz
- pH < 3,8: möglich bei stark lactobazillendominierter Flora oder nach lokaler Ansäuerung
- Bei Verdacht auf zytolytische Vaginalflora ist die pH-Wert-Messung nur ein Hilfsbefund; entscheidend sind Klinik und Mikroskopie
- Spezifische Konstellationen
- Normaler pH-Wert bei Juckreiz und weißlichem Fluor spricht eher für Vulvovaginalkandidose als für bakterielle Vaginose, beweist diese jedoch nicht
- Erhöhter pH-Wert ohne Symptome ist nicht automatisch behandlungsbedürftig
- Erhöhter pH-Wert in der Schwangerschaft erfordert bei klinischem Verdacht weiterführende Diagnostik; eine generelle pH-Selbstteststrategie hat keine gesicherte Wirkung auf die Frühgeburtsrate gezeigt [7]
- Bei Verdacht auf vorzeitigen Blasensprung ist die vaginale pH-Wert-Messung wegen Kontaminationsanfälligkeit nicht ausreichend; hierfür sind geburtshilflich validierte Testverfahren und klinische Diagnostik erforderlich
- Bei rezidivierenden Beschwerden sollte der pH-Wert nicht isoliert, sondern zusammen mit Nativmikroskopie, Grampräparat, Kultur oder Nukleinsäure-Amplifikationstest bewertet werden
Weiterführende Diagnostik
- Nativpräparat aus Vaginalsekret mit Beurteilung von Leukozyten, Epithelzellen, Clue Cells, Hefen/Pseudohyphen, Trichomonaden und Lactobazillen
- Amintest mit 10 % Kaliumhydroxid bei Verdacht auf bakterielle Vaginose
- Grampräparat mit Nugent-Score bei unklarer bakterieller Vaginose oder Studien-/Spezialdiagnostik
- Mikrobiologische Kultur bei komplizierter, rezidivierender oder therapierefraktärer Vulvovaginalkandidose sowie bei Verdacht auf Non-albicans-Candida
- Nukleinsäure-Amplifikationstest bei Verdacht auf Trichomonas vaginalis, Chlamydia trachomatis, Neisseria gonorrhoeae oder Mycoplasma genitalium entsprechend Risikokonstellation
- Molekulare Vaginitis-Panels in ausgewählten Fällen, insbesondere bei rezidivierenden, gemischten oder unklaren Befunden
- Kolposkopie (Scheidenspiegelung), zytologische oder histologische Abklärung bei persistierenden Beschwerden, Blutung, Läsionen (Gewebeveränderungen), Ulzerationen (Geschwüre) oder Verdacht auf prämaligne beziehungsweise maligne Erkrankung
- Geburtshilfliche Diagnostik bei Verdacht auf vorzeitigen Blasensprung, Frühgeburtsbestrebungen oder intraamniale Infektion
Klinische Hinweise
- Die vaginale pH-Wert-Messung ist ein orientierender Basisparameter, aber kein alleiniger Diagnosetest.
- Für bakterielle Vaginose ist pH > 4,5 nur ein Teilkriterium; die Einordnung erfolgt klassisch über Amsel-Kriterien oder Nugent-Score [1, 3-5].
- Bei Vulvovaginalkandidose ist der pH-Wert häufig normal; ein normaler pH-Wert schließt eine Kandidose nicht aus.
- Ein erhöhter pH-Wert in der Postmenopause kann Ausdruck eines Östrogenmangels sein und muss von infektiösen Ursachen abgegrenzt werden [2, 6].
- Selbsttests können eine ärztliche Diagnostik bei Beschwerden, Schwangerschaft, Blutung, Rezidiven oder Therapieversagen nicht ersetzen.
- Eine routinemäßige pH-Selbstmessung in der Schwangerschaft zur Frühgeburtsprävention ist aufgrund heterogener Evidenz nicht als alleinige Maßnahme ausreichend belegt [7].
Literatur
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- Sobel JD. Automated microscopy and pH test for diagnosis of vaginitis - the end of empiricism? NPJ Digit Med. 2023;6:167. https://doi.org/10.1038/s41746-023-00850-7
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