Untergewicht – Ernährungstherapie

Untergewicht ist definiert als ein Body-Mass-Index (BMI) < 18,5 kg/m² [1]. Klinisch ist zwischen konstitutionellem Untergewicht, Mangelernährung und Kachexie zu differenzieren, da Pathophysiologie, Prognose und therapeutische Zielsetzung erheblich variieren [1, 5].

Die GLIM-Kriterien (Global Leadership Initiative on Malnutrition) ermöglichen eine standardisierte Diagnosestellung der Mangelernährung anhand phänotypischer (Gewichtsverlust, niedriger BMI, reduzierte Muskelmasse) und ätiologischer Kriterien (reduzierte Nahrungsaufnahme/Resorption, Inflammation) [1].

Ätiologische Differenzierung

  • Konstitutionelles Untergewicht: stabile Gewichtslage, keine oder nur minimale Entzündungsaktivität, häufig genetische Konstitution oder Lebensstilfaktoren.
  • Mangelernährung: inadäquate Energie- und Proteinzufuhr, Resorptionsstörungen, geriatrische und/oder psychosoziale Ursachen; Diagnose und Schweregrad nach GLIM [1].
  • Kachexie: komplexes metabolisches Syndrom mit systemischer Inflammation, katabolem Stoffwechsel, Muskelabbau und fehlender vollständiger Reversibilität allein durch Ernährung; häufig tumorassoziiert [3, 5].

Therapieprinzip

Die Ernährungstherapie richtet sich nach der Ursache des Untergewichts. Bei Mangelernährung und insbesondere bei Kachexie sollte die Ernährungstherapie frühzeitig beginnen, da ein verbesserter Ernährungszustand die Therapietoleranz und klinische Outcomes begünstigen kann [2-4].

Therapieziele

  • Stabilisierung oder Verbesserung des Ernährungszustands [1-4].
  • Erhalt oder Aufbau fettfreier Körpermasse (Muskelmasse) [3, 4, 7, 8].
  • Unterstützung krankheitsspezifischer Therapien und Verbesserung der Therapietoleranz [2-4].
  • Reduktion von Komplikationen sowie Verbesserung von Funktionalität und Lebensqualität [3, 4, 9].

Energie- und Proteinzufuhr

Eine energie- und proteinreiche Ernährung bildet die Grundlage der ernährungsmedizinischen Therapie bei Untergewicht [3, 4].

  • Energiezufuhr: häufig Zielbereiche von etwa 30-35 kcal/kg Körpergewicht/Tag, angepasst an Entzündungsstatus, Aktivität und Organfunktion [3, 4].
  • Proteinzufuhr: in der Regel 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht/Tag bei Mangelernährung und Kachexie, unter Berücksichtigung der Nierenfunktion [3, 4, 7 ,8].

Makronährstoffverteilung

  • Fett: energiedicht; bei guter gastrointestinaler Verträglichkeit kann ein erhöhter Fettanteil zur Energieanreicherung beitragen, bevorzugt pflanzliche Fette mit hohem Anteil ungesättigter Fettsäuren [3, 4].
  • Kohlenhydrate: bedarfsgerechte und gut verträgliche Quellen zur Energieabdeckung [3, 4].
  • Protein: gleichmäßige Verteilung über den Tag; Einsatz hochwertiger Proteinquellen und ggf. Supplemente [7, 8].

Mahlzeitenfrequenz und Mahlzeitenstruktur

  • Drei Haupt- und drei Zwischenmahlzeiten mit regelmäßiger Energiezufuhr im Abstand von etwa 2-3 Stunden [3, 4].
  • Kleine bis mittlere Portionen bis zum Eintritt der Sättigung.
  • Frühstück zeitnah nach dem Aufstehen.
  • Postexercise-Zwischenmahlzeiten zur Optimierung der Proteindistribution [7, 8].

Orale bilanzierte Diäten und Eskalation

Wenn mit normaler Kost die Zielwerte für Energie und Protein nicht erreicht werden, sind orale bilanzierte Diäten (Trinknahrung) leitliniengerecht einzusetzen [3, 4, 9].

  • Enterale Ernährung bei persistierend unzureichender oraler Zufuhr oder Schluckstörungen [9].
  • Parenterale Ernährung nur bei klarer Indikation und fehlender enteraler Alternative [6].

Spezifische Nährstoffe

  • Omega-3-Fettsäuren (Docosahexaensäure, Eicosapentaensäure): mögliche Effekte auf Inflammation und Körperzusammensetzung bei Kachexie, heterogene Evidenzlage [10, 11].
  • Arginin: Einsatz in speziellen immunmodulierenden Konzepten; keine Standardtherapie bei Untergewicht [6].
  • Vitamin E: Supplementierung nur bei nachgewiesenem Mangel oder spezifischer Indikation [3, 4].

Appetitanregende Maßnahmen

  • Sensorisch ansprechende, farbenfrohe Mahlzeiten.
  • Verwendung frischer Kräuter und Gewürze.
  • Energiedichte Snacks zwischen den Mahlzeiten.
  • Ruhige, angenehme Essatmosphäre.

Fazit

Die Ernährungstherapie bei Untergewicht erfordert eine ursachenabhängige, frühzeitige und leitlinienbasierte Vorgehensweise. Eine ausreichende Energie- und Proteinzufuhr, strukturierte Mahlzeiten sowie der indikationsgerechte Einsatz oraler bilanzierter Diäten bilden die Basis der Therapie [1-4, 6, 9].

Gesund und nachhaltig zunehmen: Erfahren Sie, was Sie noch zusätzlich machen können! (Anzeige)

Literatur

  1. Cederholm T, Jensen GL, Correia MITD et al.: GLIM criteria for the diagnosis of malnutrition – A consensus report from the global clinical nutrition community. Clin Nutr. 2019;38(1):1-9. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2018.08.002
  2. Arends J, Bachmann P, Baracos V et al.: ESPEN guidelines on nutrition in cancer patients. Clin Nutr. 2017;36(1):11-48. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2016.07.015
  3. Arends J, Strasser F, Gonella S et al.: Cancer cachexia in adult patients: ESMO Clinical Practice Guidelines. ESMO Open. 2021;6(3):100092. https://doi.org/10.1016/j.esmoop.2021.100092
  4. Muscaritoli M, Arends J, Bachmann P et al.: ESPEN practical guideline: Clinical Nutrition in cancer. Clin Nutr. 2021;40(5):2898-2913. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2021.02.005
  5. Fearon K, Strasser F, Anker SD et al.: Definition and classification of cancer cachexia: an international consensus. Lancet Oncol. 2011;12(5):489-495. https://doi.org/10.1016/S1470-2045(10)70218-7
  6. Weimann A, Braga M, Carli F et al.: ESPEN guideline: Clinical nutrition in surgery. Clin Nutr. 2017;36(3):623-650. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2017.02.013
  7. Deutz NEP, Bauer JM, Barazzoni R et al.: Protein intake and exercise for optimal muscle function with aging. Clin Nutr. 2014;33(6):929-936. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2014.04.007
  8. Bauer JM, Biolo G, Cederholm T et al.: Evidence-based recommendations for optimal dietary protein intake in older people. J Am Med Dir Assoc. 2013;14(8):542-559. https://doi.org/10.1016/j.jamda.2013.05.021
  9. Bischoff SC, Austin P, Boeykens K et al.: ESPEN guideline on home enteral nutrition. Clin Nutr. 2020;39(1):5-22. https://doi.org/10.1016/j.clnu.2019.04.022
  10. de Castro GS, Andrade MF, Pinto PNB et al.: Omega-3 fatty acid supplementation and cancer cachexia: a systematic review and meta-analysis. Front Nutr. 2022;8:797513. https://doi.org/10.3389/fnut.2021.797513
  11. Hosseini F, Hemmati A, Shirani Takabi F et al.: Effects of omega-3 supplementation on body weight in cancer cachexia: a dose-response meta-analysis. Clin Nutr ESPEN. 2024. https://doi.org/10.1016/j.clnesp.2023.12.150