Misteltherapie

Die Misteltherapie ist ein Naturheilverfahren bzw. ein Verfahren der Phytotherapie das auf den Begründer der Anthroposophie (griech. anthropos. Mensch; sophia: Weisheit; spezielle spirituelle Weltanschauung) Rudolf Steiner zurück geht. Dieser führte die Mistelpräparate als Krebstherapeutika ein. Heute wird die Misteltherapie vor allem in der komplementären Onkologie (begleitende, alternative Krebsbehandlung) als Immunstimulanz eingesetzt. Die Mistel (lat. viscum album) wurde seit Hippokrates bereits vielfach in der Medizin z. B. gegen Epilepsie, bei Geschwüren, als Fruchtbarkeitsbehandlung (Fertilitätsbehandlung) und sehr häufig bei krampfartigen Leiden (Epilepsie) verwendet. Heute muss die anthroposophische Behandlung mit Mistelpräparaten von der phytotherapeutischen Anwendung in der konventionellen Medizin unterschieden werden. Anthroposophische Mistelextrakte werden z. B. in Abhängigkeit von der Wirtspflanze bzw. dem -baum eingesetzt.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Bronchialkarzinom (Lungenkrebs)
  • Harnblasenkarzinom  (Blasenkrebs)
  • Mammakarzinom (Brustkrebs) [9]
  • Magenkarzinom (Magenkrebs)
  • Malignes Melanom (schwarzer Hautkrebs)
  • maligner Aszites – Bauchwasser auf Grund einer Tumorerkrankung
  • Leberzellkarzinom (Leberkrebs)
  • Larynxkarzinom (Kehlkopfkrebs)
  • Kolonkarzinom/kolorektales Karzinom – Dick- und Mastdarmkrebs [8]
  • Ovarialkarzinom (Eierstockkrebs)
  • Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) [10]
  • Prostatakarzinom (Prostatakrebs)
  • Pleurakarzinose (lokal) – Befall des Brustfells (Pleura) mit Metastasen eines bösartigen Tumors
  • Cervixkarzinom (Gebärmutterhalskrebs)

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

  • Fieber
  • Entzündungen
  • Autoimmunerkrankungen
  • Überempfindlichkeiten gegenüber einem der Bestandteile

Das Verfahren

Die Extrakte der Mistel werden vorwiegend aus den Blättern und nicht aus den Beeren gewonnen. Die Präparate werden aus Presssäften, wässrigen Kaltauszügen, wässrigen Flüssigextrakten oder aus laktofermentierten Extrakten hergestellt.

Der Gesamtextrakt der Mistel besteht aus mehr als 600 verschiedenen Proteinen, viele Enzymen, verschiedenen Viscotoxine, Thiole, Triterpene, Flavonoide, Fette sowie Phosphor und Kalium.

Der wichtigste Wirkstoff sind zuckerhaltige Proteine (Eiweiß), die sogenannten Mistel-Lektine. Für besonders wirksam wird das Mistel-Lektin 1 (ML-1) gehalten. Das ML-1 hat einen immunmodulatorischen Effekt und regt somit die körpereigenen Abwehrkräfte an. Durch die stimulierende Wirkung des Mistelextraktes kommt es zur Ausschüttung von Zytokinen, Interferonen und dem Tumornekrosefaktor (Mediatoren der immunologischen Reaktion). Außerdem kommt es zu einer vermehrten Ausreifung von Lymphozyten (Abwehrzellen). Weiterhin erhöht sich die Sekretion von Endorphinen (endogene Morphine – körpereigene Stoffe, die als Neuropeptide die Schmerzempfindung und die Entstehung von Euphorie steuern).

Neben den Lektinen sind Viscotoxine der zweitwichtigste misteltypische Inhaltsstoff. Es handelt sich dabei um proteinhaltige Verbindungen, die in ihrer chemischen Struktur Schlangengiften ähneln. Die Viscotoxine wirken zytotoxisch ("als Zellgift wirkend")/zytolytisch ("Zellen auflösend"). Des Weiteren stimulieren sie die Aktivität der T-Lymphozyten (Abwehrzellen des Immunsystems und Teil der adaptiven (erworbenen) Immunreaktion; T steht für Thymus) und Granulozyten (äufigsten Zellart in die Gruppe der Leukozyten/weiße Blutkörperchen).

Die Hauptwirkungsweisen der Mistelpräparate sind:

  • Apoptose – Der programmierte Zelltod. Die Apoptose bezeichnet den Untergang von Zellen (Zelltod), der durch genetische Informationen in der Zelle selbst ausgelöst wird. Die in der Mistel enthaltenen Lektine beeinflussen die Aminosäure-Synthese (Eiweißstoffwechsel) und verursachen so das Einsetzen der Zell-Apoptose, sowohl bei gesunden Zellen als auch bei Krebszellen. Da Krebszellen sich stärker vermehren und somit in großer Zahl vorliegen, kann die Apoptose zur Verringerung der Krebszellen beitragen.
  • Immunmodulation – Stoffe wie Lektine, Viscotoxine und Polysaccharide, haben einen positiven Einfluss auf die Immunantwort des Körpers. Infolge einer Mistel-Injektion werden vermehrt Abwehrstoffe wie Zytokine sowie Abwehrzellen (T-Helfer-Zellen, zytotoxischer T-Zellen (Killerzellen), und B-Lymphozyten bzw. Plasmazellen) und Fresszellen (Makrophagen) gebildet, was zu einer Stärkung der körpereigenen Immunabwehr führt.
  • DNA-stabilisierende Wirkung – Bei einer Chemotherapie kommt es oft zu Schäden, die durch eine Mistelbehandlung mitunter verhindert werden können. Die Therapie hat einen schützenden Effekt auf die DNA.

Weitere Wirkungen der Mistelpräparate sind:

  • Verminderung von Nausea (Übelkeit) und Erbrechen [7]
  • Verringerung der Anzahl von klinisch auffälligen Infektionen
  • Verringerung des Risikos einer Mukositis (Mundschleimhautentzündung)
  • Verbesserung der Lebensqualität (Fatigue, emotionales Wohlbefinden und der Konzentration) [7]
  • Hemmende Wirkung auf die Metastasierung
  • Schutz vor den Nebenwirkungen aggressiver Chemo- oder Strahlentherapien
  • Linderung von Schmerzen, Ängsten und Depressionen – durch die Wirkung der Endorphine
  • direkte Schädigung der Tumorzellen bei hohen Dosen
  • günstige Auswirkungen auf das Überleben [11]

Die individuelle Behandlung ist abhängig von der Art und Schwere der Erkrankung. Zuerst wird in einer Einleitungsphase die Verträglichkeit der Mistelpräparate getestet. Die Therapiedauer beträgt in der Regel zwei Monate, gefolgt von einer 4-8wöchigen Pause. Anschließend wird die Therapie wiederholt. Das Präparat wird subkutan (unter die Haut) injiziert.

Mögliche Nebenwirkungen [13]

  • Überschießende lokale Reaktionen an der Injektionsstelle
  • Grippeartige Symptome wie Fieber, Schüttelfrost
  • Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden; leichte)
  • Kopfschmerzen

Nur 0,8 % der behandelten Patienten klagen über Nebenwirkungen [12].

Weitere Hinweise

  • In einer systematischen Übersichtsarbeit wurden 28 Studien mit 2.639 Patienten analysiert, die an Harnblasenkrebs (Blasenkrebs), Mammakarzinom (Brustkrebs) oder anderen gynäkologischen Malignomen, kolorektalen Karzinomen (Krebs des Colons (Darm) und des Rektums (Mastdarm)), anderen malignen (bösartigen) gastrointestinalen Tumoren, Bronchialkarzinom (Lungenkrebs), Melanomen, Gliomen, Krebs im Kopf-Hals-Bereich oder Osteosarkomen erkrankt waren. Die Misteltherapie zeigte in den meisten Studien keinen positiven Effekt im Bezug auf das Gesamt-, progression- und krankheitsfreie Überleben. Auch zeigten sich keine Auswirkungen der Behandlung mit Misteln auf die Lebensqualität und die Nebenwirkungen einer onkologischen Therapie:
    Die Autoren wiesen darauf hin, dass Untersuchungen mit günstigerem Ausgang nur in Studien mit oft geringer Teilnehmerzahl oder nicht-verblindeten Studien auftraten [14, 15].

Ihr Nutzen

Die Misteltherapie ist ein anerkanntes Verfahren in der komplementären Krebstherapie, das als begleitende Behandlung bei einer Vielzahl an Krebsleiden zum Wohle der Patienten eingesetzt wird. Sie verbessert den allgemeinen Gesundheitszustand und die Lebensqualität des Patienten.

Literatur

  1. Wilkens J: Misteltherapie: Differenzierte Anwendung der Mistel nach Wirtsbäumen. Sonntag Verlag, 2006
  2. Pfeifer B, Preiß J, Unger C: Onkologie integrativ: Konventionelle und komplementäre Therapie. Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2006
  3. Beyersdorff D: Der große Trias-Ratgeber. Ganzheitliche Krebsbehandlung. Georg Thieme Verlag 2002
  4. Schilcher H, Kammerer S, Wegener T: Leitfaden Phytotherapie. Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2007
  5. Schönau E: Pädiatrie integrativ: konventionelle und komplementäre Therapie. Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2005
  6. Dingermann T: Pharmazeutische Biologie: molekulare Grundlagen und klinische Anwendung. Springer Verlag 2002
  7. Kienle GS, Kiene H: Review article: Influence of Viscum album L (European mistletoe) extracts on quality of life in cancer patients: a systematic review of controlled clinical studies. Integr Cancer Ther 2010 Jun;9(2):142-57. doi: 10.1177/1534735410369673. Epub 2010 May 18.
  8. Friedel WE et al.: Systematic evaluation of the clinical effects of supportive mistletoe treatment within chemo-and/or radiotherapy protocols and long term mistletoe application in nonmetastatic colorectal carcinoma: multicenter controlled, observational cohort study. J Soc Integr Oncol. 2009 Fall;7(4):137-45.
  9. Tröger W et al.: Quality of life and Neutropenia in patients with early stage breast cancer: A randomized pilot study comparing additional treatment with mistletoe extract to chemotherapy alone. Breast Cancer (Auckl) 2009(3):35-45
  10. Axtner et al.: Health service research of integrative oncology in palliative care of patients with advanced pancreatic cancer. BMC Cancer 2016 Aug 2;16:579. doi: 10.1186/s12885-016-2594-5.
  11. Kienle GS, Glockmann A, Schink M et al.: Viscum album L. extracts in breast and gynaecological cancers: a systematic review of clinical and preclinical research. J Exp Clin Cancer Res 2009 Jun 11;28:79. doi: 10.1186/1756-9966-28-79.
  12. Bock PR et al.: [Efficacy and safety of long-term complementary treatment with standardized European mistletoe extract (Viscum album L.) in addition to the conventional adjuvant oncologic therapy in patients with primary non-metastasized mammary carcinoma. Results of a multi-center, comparative, epidemiological cohort study in Germany and Switzerland]. Arzneimittelforschung. 2004;54(8):456-66.
  13. Axtner J et al.: Health services research of integrative oncology in palliative care of patients with advanced pancreatic cancer. BMC Cancer. 2016 Aug 2;16:579. doi: 10.1186/s12885-016-2594-5.
  14. Freuding M et al.: Mistletoe in oncological treatment: a systematic review. Part 1: survival and safety. J Cancer Res Clin Oncol 2019:145:695-707 https://doi.org/10.1007/s00432-018-02837-4
  15. Freuding M et al.: Mistletoe in oncological treatment: a systematic review. Part 2: quality of life and toxicity of cancer treatment. J Cancer Res Clin Oncol 2019; https://doi.org/10.1007/s00432-018-02838-3

     
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