Medikamentöse Therapie
Magen-Darm-Grippe (Gastroenteritis)

Therapieziele

  • Rehydrierung (Flüssigkeitsausgleich) und Elektrolytsubstitution (Ausgleich eines Verlustes an Elektrolyten/Blutsalzen)
  • Eliminierung der Erreger
  • Vermeidung von Komplikationen 

Beachte: 57 % der Kinder mit akuter Gastroenteritis mit dem Rotavirus unter 15 Jahren werden stationär behandelt. Eine Einschätzung des Schweregrades einer Dehydratation sollte stets erfolgen und ggf. Anlass für eine stationäre Behandlung sein.

Therapieempfehlungen

  • Alle Formen der Gastroenterits
    • Symptomatische Therapie inkl. Flüssigkeitsersatz – orale Rehydrierung bei Zeichen der Dehydratation (Flüssigkeitsmangel; > 3 % Gewichtsverlust): Gabe von oralen Rehydrationslösungen (ORL), die hypoton sein sollten, zwischen den Mahlzeiten ("Teepausen") bei leichter bis mittelschwerer Dehydrierung; ggf. auch stationäre intravenöse Rehydratationstherapie (z. B. bei Schockzustand, schwerer Dehydratation)
    • Ggf. Ausgleich der Elektrolyte (Blutsalze) mittels einer glucosebasierten Elektrolytlösung (Osmolarität 245 mosm/l; Glucose 13,5 g/l; Natriumchlorid 2,6 g/l; Kaliumchlorid 1,5 g/l und Natriumcitrat 2,9 g/l)
    • Bei unkomplizierter Erkrankung ggf. kurzzeitig Einsatz von Motilitätshemmern (Arzneimittel, die die Motilität des Darms hemmen; z. B. Loperamid (Opioid); beachte Kontraindikationen (Gegenanzeigen), s. u.)
  • Virale Gastroenteritis: Eine kausale antivirale Therapie steht gegenwärtig für keinen der genannten viralen Erreger zur Verfügung.
  • Bakterieller Gastroenteritis: Je nach der zugrunde liegenden Störung müssen eventuell Antibiotika (s. u.) gegeben werden. Ihr Einsatz sollte gründlich abgewägt werden, da Antibiotika häufig selbst Ursache von Durchfallerkrankungen sind [2]. (s. u. "Empirischen Therapie")
  • Leichter bis mäßiger Enteritis: keine Antibiose (Antibiotikatherapie) erforderlich [2]. Gleiches gilt für die unkomplizierte Reisediarrhoe.
  • Bei den sich derzeit ausbreitenden Infektionen mit EHEC (Enterohämorrhagische Escherichia coli; E.- coli -Stämme des Serotyps O157:H7) wird der Einsatz von Antibiotika diskutiert [2]; siehe dazu auch unter: Leitlinie der DEGAM (Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e. V.): siehe unter "EHEC/HUS (S1-Handlungsempfehlung)" [3]
  • Schwere bakterielle Enteritis mit Fieber (> 38,5 °C) und blutiger Diarrhoe (Durchfall): antibiotische Therapie indiziert; geeignet sind Fluorchinolone (z. B. Ciprofloxacin).
  • Bei Immunsuppression (medikamentös oder grunderkrankungsbedingt) ist ebenfalls eine systemische antimikrobielle Therapie indiziert.
  • Bei gastroenteritischem Verlauf einer Salmonellose (Salmonella-Enteritis) sollte eine antimikrobielle Therapie – geeignet sind Cephalosporine der 3. Generation (z. B. Ceftriaxon), Co-Trimoxazol, Ampicillin, Fluorchinolone (Ciprofloxacin) – wegen möglicher Komplikationen nur bei folgenden Konstellationen in Erwägung gezogen werden [1]:
    • Bakteriämie und Zeichen einer systemischen Infektion [soll]
    • Erkrankungen im ersten Lebensjahr
    • ältere Menschen
    • kongenitalen (angeborene)/erworbene Immundefekten [sollte]
    • bekannte Anomalien an Herzklappen oder Gefäßen
    • Hämodialyse [sollte]
    • Patienten mit Gefäßprothesen, Gefäßaneurysmen oder Implantaten [kann]
      [Jahrestagung der DGVS „Leitsymptom Diarrhoe“, Hamburg, 22. September 2016]
    Siehe ggf. auch unter Typhus abdominalis oder Paratyphus.
  • Shigellose: Antibiose (hohe Infektiösität) [2]; geeignet sind: Ciprofloxacin und Levofloxacin (Chinolone), Trimethoprim-Sulfamethoxazol, Azithromycin (Makrolide), Doxycyclin (Tetracyclin) und Ampicillin (Aminopenicilline); Resistenztestung erforderlich!
  • Hämolytisch-urämisches Syndroms (HUS): diuretische (harntreibende) Therapie indiziert; ggf. muss eine Plasmapherese oder die Hämodialyse durchgeführt werden.
  • Pseudomembranöse Kolitis: wg. Antibiotikatherapie s. u. der gleichnamigen Erkrankung
  • Reisediarrhoe: eine Antibiotikatherapie ist in den meisten Fällen nicht erforderlich
    • bei akuter unkomplizierter Reisediarrhoe (90 % der Fälle) läuft die Infektion selbstlimitierend: symptomatische Therapie mit
      • Substitution von Flüssigkeit, Elektrolyten und Glucose
      • Sekretionshemmer Racecadotril [4]
      • ggf. Antiemetikum (Medikamente, die Übelkeit und Brechreiz unterdrücken sollen) Metoclopramid 
    • bei akuter komplizierter Reisediarrhoe (z. B. blutig-schleimige Beimengungen im Stuhl (Dysenterie) sowie Fieber) Antibiotikatherapie; soweit ein spezifischer Erreger vorliegt siehe empirische Therapie ggf. Notfallmedikation mit Rifaximin (Breitbandantibiotikaum; Rifaximin wird praktisch nicht resorbiert, < 1 %)
    • Beachte: Bei einer Reisediarrhoe sollten Opioidderivate wie Loperamid (s. u.) aufgrund zahlreicher Kontraindikationen (Gegenanzeigen) bei Säuglingen und Kleinkindern unter zwei Jahren nicht gegeben werden.
  • Siehe auch unter "Weitere Therapie".

Empirische Therapie (zur Übersicht; Details dazu siehe bei der jeweiligen Erkrankung)

Erreger    Wirkstoffe
Campylobacter jejuni
(häufigster bakterieller Erreger)
In der Regel sollte auf eine Antibiose verzichtet werden!
Erythromycin (Mittel der ersten Wahl)
Levofloxacin (Beachte: zunehmende Resistenzentwicklung)
E. coli 0157:H7 In der Regel sollte auf eine Antibiose verzichtet werden!
Listeria monocytogenes Ampicillin,  Gentamicin
Salmonellose oder auch Salmonella-Enteritis
(Salmonella enteritidis, Salmonella typhimurium u. a.)
Cephalosporine der 3. Generation (z. B. Ceftriaxon), Co-Trimoxazol, Ampicillin, Fluorchinolone (Ciprofloxacin), Azithromycin
Beachte: Indikation restriktiv stellen (s. o. bei welchen Konstellationen eine Antibiotikatherapie in Erwägung gezogen werden kann)
S. typhi/S. paratyphi  Ciprofloxacin
Ceftriaxon
Shigellen Ciprofloxacin und Levofloxacin (Chinolone), Trimethoprim-Sulfamethoxazol, Azithromycin (Makrolide), Doxycyclin (Tetracyclin) und Ampicillin (Aminopenicilline)
Beachte: Resistenztestung erforderlich!
Vibrio cholerae Ciprofloxacin
(alternativ Doxycyclin)
Yersinia enterocolitica In der Regel sollte auf eine Antibiose verzichtet werden!
Ciprofloxacin (Mittel der ersten Wahl)
Ceftriaxon, Doxycyclin

Kontraindikationen (Gegenanzeigen) für Loperamid sind (Cave! Auftreten eines toxischen Megakolons/lebensbedrohliche Komplikation einer Kolitis (Darmentzündung) mit Dilatation (Erweiterung) über 6 cm und systemisch septisch-toxischer Auswirkung):

  • Ileus (Darmverschluss)
  • Diarrhoe mit Fieber
  • Diarrhoe mit Blut
  • Akute Colitis ulcersa (entzündliche Darmerkrankung)
  • Pseudomembranöse Kolitis (Clostridium-difficile-Infektion)
  • Kleine Kinder (< 2. LJ)

Weitere Hinweise

  • AkdÄ Drug Safety Mail | 19–2016 : Die Arzneimittelbehörde der USA (FDA) warnt aktuell vor schwerwiegenden kardialen Ereignissen / Herzrhythmusstörungen bei Einnahme von Loperamid in höheren Dosierungen als empfohlen: Safety Announcement der FDA vom 07.06.2016
    Bei anderweitig nicht erklärbaren kardialen Ereignissen wie QT-Verlängerung, Torsades de Pointes, anderen ventrikulären Arrhythmien, Synkopen (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) oder Herzstillstand sollte die Einnahme von Loperamid als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden. Patienten sollten auf eine korrekte Dosierung hingewiesen werden.
  • Der Nachweis von Candida in Stuhlproben stellt keine Indikation zur antimykotischen Therapie dar (Deutsche Gesellschaft für Infektiologie).

Weitere Therapie

  • Reizdarmsyndrom nach Enteritis: Probiotika können bei Kindern versucht werden, insbesondere bei postenteritischer Genese des Reizdarmsyndroms oder prädominanter Diarrhoe. [Evidenzgrad B, Empfehlungsstärke ↑, Konsens]  [1]

Literatur

  1. S3-Leitlinie: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). (AWMF-Registernummer: 021-016), Oktober 2010 Langfassung
  2. S2k-Leitlinie: Gastrointestinale Infektionen und Morbus Whipple. (AWMF-Registernummer: 021-024), Januar 2015 Langfassung
  3. S1 Leitlinie: Durchfall, akut. (AWMF-Registernummer: 053-030). DEGAM  September 2013 Kurzfassung Langfassung
  4. Jelinek T et al.: Konsensuspapier Therapie der akuten Reisediarrhoe. MMW – Fortschritte der Medizin – Sonderheft 4/2017

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). (AWMF-Registernummer: 021-016), Oktober 2010 Langfassung
  2. S1 Leitlinie: Akuter Durchfall (AWMF-Registernummer: 053-030). DEGAM  September 2013 Kurzfassung Langfassung
  3. S2k-Leitlinie: Gastrointestinale Infektionen und Morbus Whipple. (AWMF-Registernummer: 021-024), Januar 2015 Langfassung
  4. JAMA Network Clinical Guideline Synopsis: Diagnosis and Management of Infectious Diarrhea. JAMA Pediatr. Published online June 11, 2018. doi:10.1001/jamapediatrics.2018.1172
  5. S2k-Leitlinie: Akute infektiöse Gastroenteritis im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. (AWMF-Registernummer: 068 - 003), März 2019 Langfassung

     
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