Vorzüge des Stillens

Die gesundheitlichen Vorteile des Stillens für Mutter und vor allem für das Kind sind durch zahlreiche Studien belegt.

Frühgeborene

Muttermilch kann das Hirnwachstum bei Frühgeborenen fördern. In einer Studie hatten Frühchen, deren Nahrung in den ersten Wochen mindestens zur Hälfte aus (abgepumpter) Muttermilch bestand, zum errechneten Geburtstermin ein größeres bzw. besser entwickeltes Gehirn als die Frühgeborenen, die deutlich weniger Muttermilch bekamen bzw. ausschließlich mit Ersatznahrung gefüttert wurden. Man vermutet, dass die Zusammensetzung der Muttermilch die Hirnentwicklung besser fördert als eine Ersatznahrung [13].

Allergie und Nahrungsmittelallergien

Muttermilch weist etliche Faktoren auf, die vor einer Allergie schützen. Die Ursache liegt in der schnelleren Reifung der intestinalen Schleimhaut des Kindes, die den Verdauungstrakt vor infektionsauslösenden Bakterien schützt und somit die Resorptionsrate der Nahrungsantigene verringert [2]. Bei gestillten Säuglingen treten aus diesem Grund Magen-Darminfekte (Koliken) oder allergische Reaktionen wie Ekzeme und Asthma bronchiale seltener auf, wobei der Schutz vor Allergien weit bis in das Kindesalter hineinreicht [2].

Das Allergierisiko eines Neugeborenen ist genetisch bedingt. Kinder von Eltern, in deren Familien häufig Allergien auftreten, sind besonders anfällig für Nahrungsmittelintoleranzen. Aus diesem Grund sollten betroffene Mütter übliche Nahrungsmittelallergene wie Eier, Weizen, Nüsse, Kuhmilch, Schokolade und Zitrusfrüchte während der Stillzeit meiden, da solche über die Muttermilch zum Säugling gelangen und Unverträglichkeiten auslösen können [2].

Ausschließliches Stillen (≥ 4 Monate) vermindert das Risiko einer Unverträglichkeit von Kuhmilch-Protein in den ersten Lebensjahren [4]. Nicht gestillte Säuglinge sind im Vergleich allergiegefährdeter.

Folgen einer Nahrungsmittelallergie:

  • Bronchitis 
  • Diarrhoe 
  • Ekzem
  • Erbrechen
  • Koliken
  • Schnupfen
  • Urticaria 
  • Verhaltensstörungen [2]
  • Windeldermatitis

Stillenden Müttern wird empfohlen, schön während der Schwangerschaft Omega-3-Fettsäuren (mehrfach ungesättigte Fettsäuren) über eine Nahrungsergänzung zu supplementieren. Ein schwedische Studie zeigt, dass sich dadurch die Allergiebereitschaft (IgE-assoziierte Nahrungsmittelallergien) bei Neugeborenen verringern lässt [12].

Weitere Vorzüge des Stillens für das Kind

  • Studien konnten zeigen, dass Muttermilch in den ersten Lebensmonaten des Säuglings nicht ihren immunologischen Wert verliert. So steigt nachweislich der Gehalt von Lysozym in der Muttermilch bis zum sechsten Lebensmonat des Säuglings an. Lysozym wirkt antiinflammatorisch und bakterizid [20].
  • Die Anzahl der Krankenhausaufnahmen der Säuglinge im ersten Lebensjahr wird gesenkt.
  • Stillen hat Einfluss auf die Entwicklung des Kindes – Es beeinflusst positiv die Persönlichkeit, die Fähigkeit zur Selbstkontrolle, die Problemlösungskompetenz als auch die Stressresistenz (im geringeren Ausmaß) [1].
  • Prävention der Adipositas (Übergewicht) in der Kindheit – Nach einer Studie, die Kinder über einen Zeitraum von über 20 Jahren beobachteten, war das Risiko übergewichtig zu werden, 12 bis 14 % geringer, wenn ihre Mütter sie gestillt hatten gegenüber Kindern, die industrielle Nahrung erhalten hatten [6].
  • Gestillte Kinder haben im Vergleich zu nie gestillten Kindern ein geringeres Risiko, an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa (chronisch-entzündliche Darmerkrankungen) zu erkranken [8, 19]. Entscheidender Einflussfaktor ist die Stilldauer: Mit zunehmender Dauer nimmt das Risiko für chronisch entzündliche Darmerkrankungen ab. So ist das Risiko bei einer Stillzeit von ≥ 12 Monaten um ca. 80 % reduziert [19].
    • Morbus Crohn: um 90 % (adjustierte Odds Ratio, aOR: 0,10 (95 %-Konfidenzintervall zwischen 0,04 und 0,30)
    • Colitis ulzerosa: um 84 % (aOR: 0,16; 95 %-Konfidenzintervall zwischen 0,08 und 0,31)
  • Eine längere Stillzeit insbesondere bei Kindern mit nicht atopischem Asthma (d. h. diese Kinder haben keine genetisch bedingte Bereitschaft, auf Umweltstoffe zu reagieren) wirkt sich positiv auf die Lungenfunktion aus [5].
  • Gestillte Kinder (Stillzeit ≥ 6 Monate) haben im Vergleich zu nie gestillten Kindern ein geringeres Risiko, an Leukämie zu erkranken [7].
  • Eine chinesische Studie zeigte, dass Babys, die in den ersten drei Monaten ausschließlich gestillt wurden, als Jugendliche (Durchschnittsalter: 17,5 Jahre) niedrigere Gesamtcholesterin- sowie LDL-Cholesterinspiegel im Vergleich zu Babys, die sowohl mit Muttermilch als auch Babynahrung bzw. nur Babynahrung gefüttert wurden, hatten [22].

Vorzüge des Stillens für die Mutter

  • Stillen bewirkt ein Zusammenziehen des Uterus, die Rückbildung wird folglich beschleunigt.
  • 20 % der Mütter, die ihr Kind mittels Sectio caesarea zur Welt gebracht haben, leiden drei weitere Monate unter chronischen Schmerzen im Bereich der Kaiserschnittwunde. Bereits eine Stilldauer von zwei Monaten kann das Risiko für diese Schmerzen reduzieren [15].
  • Selteneres Auftreten von Adipositas (Übergewicht) [Risikoreduktion um ca. ein Drittel] und Diabetes mellitus Typ 2 – Frauen, die gestillt haben, haben im Vergleich zu Frauen, die nicht gestillt haben, ein um ca. 40 % verringertes Risiko im späteren Leben an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken [3].
  • Längeres Stillen (> 6 Monate) hält Mütter bis zu zehn Jahre danach häufiger schlank. Im Rahmen einer Beobachtungsstudie (POUCH-Studie), die nach Ursachen von Frühgeburten gesucht hatte, wurden die teilnehmenden Frauen sieben bis 15 Jahre nach der Entbindung erneut untersucht. Dabei wurde auch der Taillenumfang gemessen. Frauen, die ihre Kinder im Durchschnitt 3,9 Monate gestillt hatten, wiesen einen Taillenumfang von ≥ 88 cm auf, bei einer Stillzeit von 6,4 Monaten fiel der Taillenumfang geringer aus und am geringsten war er bei Frauen, die länger als sechs Monate gestillt hatten [21].
  • Schwangere mit insulinpflichtigem Gestationsdiabetes haben nach der Geburt ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ 2 – Studien zeigen, dass Stillen (Dauer mind. 3 Monate) das Risiko an einem Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken, signifikant reduziert (von 90 % auf 42 %) [2]. Eine längere Stillzeit beeinflusst den Stoffwechsel der Mutter positiv: Es kommt zu einer Veränderung der Produktion von Phospholipiden sowie einer Verminderung verzweigtkettiger Aminosäuren im Blut. Diese Stoffwechselprodukte werden mit Insulinresistenz und somit mit der Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ 2 in Verbindung gebracht [14].
    Fazit: Je länger und intensiver gestillt wird, desto geringer ist das Risiko, an Diabetes mellitus Typ 2 zu erkranken [11].
  • Möglicherweise trägt eine Stillzeit von mindestens 10 Monaten (in Summe) dazu bei, das Risiko für die Entwicklung einer Atherosklerose (Arteriosklerose; Arterienverkalkung) im Alter zu verringern. Diese Vermutung lässt sich aus den Ergebnissen einer amerikanischen Studie, der CARDIA-Studie, ableiten. Allerdings stehen weitere Langzeitbeobachtungen noch aus [10].
  • Eine Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen Stillen bzw. Stilldauer und dem Auftreten von kardiovaskulären Erkrankungen. Bei Frauen, die 6-12 Monate gestillt hatten, reduzierte sich das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen um 7 %, nach einer Stilldauer von 12-18 Monaten um 11 %, nach 18-24 Monaten Stillzeit um 13 % und nach einer Stilldauer von über zwei Jahren um 18 %. Ebenso verringerte sich das Risiko für einen Apoplex. Auch hier galt: je länger gestillt wurde, desto höher fiel die Risikoreduktion aus (pro halbes Jahr Stillen Reduktion des Apoplexrisikos um 3 %) [17].
  • Eine prospektive Beobachtungsstudie konnte nachweisen, dass Mütter, die ihre Kinder lange stillten, später seltener an einer Endo­metriose erkrankten (-40 %) [18]. Pro drei Monate Stillen verminderte sich das Risiko um 8 % (Hazard Ratio 0,92; 0,90-0,94):
    • Stillzeit < 1 Monat: 453 Endometriosen auf 100.000 Personenjahre
    • Stillzeit > 36 Monate: 184 Erkrankungen pro 100.000 Perso­nenjahre
  • Patientinnen mit Multipler Sklerose (MS), die ihre Säuglinge nach der Geburt zwei Monate oder länger gestillt haben, erlitten in den ersten sechs Monaten signifikant seltener einen Krankheitsschub [9].
    Stillen scheint Frauen sogar vor einer späteren Erkrankung an Multipler Sklerose zu schützen. In einer Studie erkrankten Mütter, die ihre Kinder mindestens 15 Monate gestillt hatten, nur halb so häufig an MS [16].
  • Stillen senkt nach verschiedenen Studien das Mammakarzinom-Risiko (Brustkrebsrisiko).

Literatur

  1. Biesalski HK, Fürst P, Kasper H, Kluthe R, Pölert W, Puchstein CH, Stähelin HB: Ernährungsmedizin. Kapitel 17, 224-230, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1999
  2. Ziegler AG et al.: Long-Term Protective Effect of Lactation on the Development of Type 2 Diabetes in Women With Recent Gestational Diabetes Mellitus. Diabetes 2012 Dec;61(12):3167-71. doi: 10.2337/db12-0393
  3. Jäger S, Jacobs S, Kröger J, Fritsche A, Schienkiewitz A, Rubin D, Boeing H, Schulze MB: Breast-feeding and maternal risk of type 2 diabetes: a prospective study and meta-analysis. Diabetologia 2014; doiI 10.1007/s00125-014-3247-3
  4. Liao SL1, Lai SH, Yeh KW, Huang YL, Yao TC, Tsai MH, Hua MC, Huang JL, PATCH (The Prediction of Allergy in Taiwanese Children) Cohort Study:
    Exclusive breastfeeding is associated with reduced cow's milk sensitization in early childhood. Pediatr Allergy Immunol. 2014 Aug;25(5):456-61. doi: 10.1111/pai.12247
  5. Kim HS, Kim YH, Kim MJ, Lee HS, Han YK, Kim KW, Sohn MH, Kim KE: Effect of breastfeeding on lung function in asthmatic children. Allergy Asthma Proc. 2015 Mar;36(2):116-22.
  6. Woo JG, Martin LJ: Does Breastfeeding Protect Against Childhood Obesity? Moving Beyond Observational Evidence. doi 10.1007/s13679-015-0148-9
  7. Amitay EL, Keinan-Boker L: Breastfeeding and Childhood Leukemia Incidence. A Meta-analysis and Systematic Review. JAMA Pediatrics, 2015
  8. Ng SC et al.: Environmental risk factors in inflammatory bowel disease: a population-based case-control study in Asia-Pacific. Gut 2015; 64: 1063-1071
  9. Hellwig K et al.: Exclusive Breastfeeding and the Effect on Postpartum Multiple Sclerosis Relapses. JAMA Neurol. Published online August 31, 2015. doi:10.1001/jamaneurol.2015.1806
  10. Gunderson EP, Quesenberry CP, Ning X, Jacobs DR, Gross M, Goff DC, Pletcher MJ, Lewis CE: Lactation Duration and Midlife Atherosclerosis. Obstetrics & Gynecology: August 2015, Volume 126, Issue 2, p 381-390
  11. Gunderson E et al.: Lactation and Progression to Type 2 Diabetes Mellitus After Gestational Diabetes Mellitus. Ann Intern Med 2015; Ann Intern Med. 2015; 163 (12): 889-898. doi: 10.7326/M15-0807
  12. Warstedt C et al.: High levels of omega-3 fatty acids in milk from omega-3 fatty acid-supplemented mothers are related to less immunoglobulin E-associated disease in infancy. Acta Paediatr. 2016 Nov;105(11):1337-1347. doi: 10.1111/apa.13395
  13. Reynolds E et al.: Effects of breast milk consumption in the first month of life on early brain development in premature infants. Abstract presented at the Pediatric Academic Societies 2016 meeting, May 3, 2016
  14. Much D, Beyerlein A, Kindt A, Krumsiek J, Stückler F, Rossbauer M, Hofelich A, Wiesenäcker D, Hivner S, Herbst M, Römisch-Margl W, Prehn C, Adamski J, Kastenmüller G, Theis F, Ziegler AG, Hummel S: Lactation is associated with altered metabolomic signatures in women with gestational diabetes. Diabetologia. 2016 Jul 16
  15. Vargas Berenjeno CA, Sánchez Brotons MJ, Echevarría Moreno M, Trinidad Martín-Arroyo R, Flor Parra F: Breastfeeding as a protective factor of chronic pain after cesarean. Preliminary prospective cohort study. May 15, 2017 Euroanaesthesia 2017
  16. Langer-Gould A, Smith JB, Hellwig K, Gonzales E, Haraszti S, Koebnick C, Xiang A: Breastfeeding, ovulatory years, and risk of multiple sclerosis. Neurology 2017 Jul 12. doi: 10.1212/WNL.0000000000004207
  17. Peters SAE, Yang L, Guo Y, Chen Y, Bian Z, Du J, Yang J, Li S, Li L, Woodward M, Chen Z:. Breastfeeding and the Risk of Maternal Cardiovascular Disease: A Prospective Study of 300 000 Chinese Women. J Am Heart Assoc. 2017 Jun 21; 6 (6) doi: 10.1161/JAHA.117.006081
  18. Farland LV et al.: History of breast feeding and risk of incident endometriosis: prospective cohort study. BMJ 2017; 358 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.j3778 (Published 29 August 2017)
  19. Xu L, Lochhead P, Ko Y et al.: Systematic review with meta-analysis: breastfeeding and the risk of Crohn’s disease and ulcerative colitis. Aliment Pharmacol Ther 2017; 46 (9): 780-9
  20. Ferris AM, Jensen RG (1984): Lipids in human milk: a review. 1: Sampling, determination, and content. J Pediatr Gastroenterol Nutr 3:108-122
  21. Snyder GG, Holzman C, Sun T, Bullen B, Bertolet M, Catov JM: Breastfeeding Greater Than 6 Months Is Associated with Smaller Maternal Waist Circumference Up To One Decade After Delivery. J Womens Health (Larchmt). 2018 Nov 27. doi: 10.1089/jwh.2018.7393
  22. Hui LL, Kwok MK, Nelson EAS, Lee SL, Leung GM, Schooling CM: Breastfeeding in Infancy and Lipid Profile in Adolescence.Pediatrics. 2019 Apr 9. pii: e20183075. doi: 10.1542/peds.2018-3075.
     
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