Aktuelles zur Coronavirus-Infektion
Fruchtwasserspiegelung (Amnioskopie)

Eine Amnioskopie (Fruchtwasserspiegelung) wird durchgeführt, wenn ein Kind übertragen wird.

Die normale Schwangerschaft dauert, berechnet nach dem 1. Tag der letzten Regelblutung, im Mittel 280 Tage oder 40+0 Schwangerschaftswochen (SSW). Ab einer Verlängerung um 14 Tage, also ab 294 Tagen oder 42+0 SSW, spricht man gemäß WHO und FIGO (Fédération Internationale de Gynécologie et d'Obstétrique) von einer zeitlichen 
Übertragung. Im deutschen Sprachraum ist für die Zeit von 40+1 bis 41+6 Schwangerschaftswochen der Begriff Terminüberschreitung üblich [S1-Leitlinie].

Eine Übertragung stellt ein Risiko für das Ungeborene dar, weil mit der Übertragung das Risiko der Plazentainsuffizienz (Mutterkuchenschwäche) steigt. Infolgedessen besteht die Möglichkeit, dass das Ungeborene nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff (fetale Hypoxie/Sauerstoffunterversorgung des Ungeborenen) und Nährstoffen (Makro- und Mikronährstoffe/Vitalstoffe) versorgt wird. 

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Nachweis von Vernix caseosa (auch: Fruchtschmiere bzw. Käseschmiere) bei unklarem Geburtstermin bzw. anamnestischer Terminüberschreitung bzw. Übertragung
  • Verdacht auf vorzeitigen Blasensprung bzw. fraglichem Fruchtwasserabgang
  • Ausschluss von grünem Fruchtwasser

Das Verfahren

Die Untersuchung wird mit Hilfe des sogenannten Amnioskops durchgeführt.

Dieses ist ein beleuchteter Stab, der durch die Scheide und den bereits leicht geöffneten Muttermund bis an die durchsichtige Fruchtblase (Amnion) herangeführt wird. Auf diese Weise kann der Arzt das Aussehen des Fruchtwassers überprüfen.

Die Amnioskopie wird in der Zeit der Übertragung etwa alle ein bis zwei Tage durchgeführt.

Interpretation

Die Farbe des Fruchtwassers kann wichtige Hinweise für Normalität oder pathologische (krankhafte) Situationen geben.

  • Klares Fruchtwasser mit Vernixflocken = regelrechter Befund (Normalbefund)
  • Grünes Fruchtwasser ist ein Hinweis für einen Zustand nach fetaler Hypoxie (Sauerstoffunterversorgung des Ungeborenen)
    Hinweis: Die grüne Färbung wird durch die Ausscheidung von Darminhalt, Kindspech genannt, verursacht.
  • Frische Blutbeimischung kann ein Hinweis auf plazentare oder fetale Blutung (Blutung durch die Plazenta oder das ungeborene Kind) sein
  • Übelriechendes, trübes Fruchtwasser spricht für eine Chorioamnionitis (Entzündung der inneren Eihaut und der äußeren Schicht der Fruchthüllen um den Embryo bzw. Fetus/ungeborene Kind)

Mögliche Komplikationen

  • Eröffnung der Fruchtblase (Amnion) mit Abgang von Fruchtwasser und damit Einleitung der Geburt
  • Auslösen von Wehen durch Manipulation am Muttermund
  • Verschleppung von Keimen aus der Scheide (bei vaginalen Infektionen), die dann zu einem Amnioninfektionssyndrom (AIS; Infektion des Chorion (Eihöhle), der Plazenta (Mutterkuchen), der Eihäute und eventuell des Fetus mit Gefahr der Sepsis (Blutvergiftung) für das Kind) führen können.

Weitere Hinweise

  • Von der von Saling 1961 eingeführten Amniokopie wird etwa seit dem Jahre 2000 zunehmend abgeraten, weil die Befunde in einem hohen Prozentsatz (bis zu 57 %) falsch-negativ sind, auch bei schwersten metabolischen Azidosen (32 %). Die Rate an falsch-positiven Befunden wird bis 95 % angegeben [1]. 
    In einem 2020 erschienenen Lehrbuch erscheint der Hinweis, dass diese Untersuchung bei Terminüberschreitung nicht mehr Anwendung finden sollte [3].
  • Terminüberschreitung und Übertragung:
    • Gemäß einer Cochrane-Analyse auf Grundlage von 34 randomisierten kontrollierten Studien zeigt sich eine deutliche Verringerung der perinatalen Mortalität bei einer Strategie der Geburtseinleitung ab der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) im Vergleich zu einer abwartenden Strategie (22 Studien, 18.795 Säuglinge): perinatale Todesfälle gab es in der Gruppe der Kinder mit Geburtseinleitung in 4 Fällen, in der Gruppe mit Abwarten waren es 25 (= relative Risikoreduktion um 69 %) [4]. 
    • Die Geburt bei risikoarmen Schwangerschaften (n = 2.760 Frauen) erst nach der 42 SSW einzuleiten, führte zu einer höheren perinatalen Mortalität [2].

Literatur

  1. Gnirs J.: Geburtsüberwachung. In: Schneider H., Husslein P., Schneider K. T. M., Hrsg: Die Geburtshilfe 2. Auflage, Springer 2004, S. 604 ff
  2. Wennerholm UB et al.: Induction of labour at 41 weeks versus expectant management and induction of labour at 42 weeks (SWEdish Post-term Induction Study, SWEPIS): multicentre, open label, randomised, superiority trial. BMJ 2019; 367 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.l6131
  3. Schild RL, Wacker J: Schwangerenvorsorge. In: Therapiehandbuch Gynäkologie und Geburtshilfe, Hrsg.: Wacker J, Sillem M, Bastert G, Beckmann M W., Springer Verlag, 2020, S. 33 ff
  4. Middleton P et al.: Induction of labour in women with normal pregnancies at or beyond 37 weeks gestation. Cochrane database of systematic reviews 15 July 2020 doi: 10.1002/14651858.CD004945.pub5

Leitlinien

  1. S1-Leitlinie: Vorgehen bei Terminüberschreitung und Übertragung. (AWMF-Registernummer: 015/065), Februar 2014 Langfassung

     
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