Blasenentzündung (Zystitis) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Rasche klinische Heilung bzw. Besserung der zystitischen Beschwerden, insbesondere Dysurie (Schmerzen bzw. Brennen beim Wasserlassen), Pollakisurie (häufiges Wasserlassen kleiner Mengen), imperativer Harndrang (plötzlich auftretender starker Harndrang) und suprapubische Beschwerden (Beschwerden im Unterbauch oberhalb des Schambeins) [LL1, LL2].
- Vermeidung einer Erregeraszension (Aufsteigen von Krankheitserregern) bzw. Progression zu einer systemischen Harnwegsinfektion (Harnwegsinfektion mit Auswirkungen auf den gesamten Körper), insbesondere Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung) oder Prostatitis (Prostataentzündung) [LL2].
- Mikrobiologische Eradikation (vollständige Beseitigung der verursachenden Krankheitserreger) in Situationen, in denen diese therapeutisch relevant ist, insbesondere bei Zystitis (Blasenentzündung) in der Schwangerschaft [LL1].
- Vermeidung unnötiger Antibiotikatherapien und damit von unerwünschten Arzneimittelwirkungen, Resistenzselektion (Auswahl widerstandsfähiger Krankheitserreger) und weiteren Kollateralschäden im Sinne des Antibiotic Stewardship [LL1, LL2].
- Reduktion rezidivierender Zystitiden (wiederkehrender Blasenentzündungen) durch Behandlung modifizierbarer Risikofaktoren und bevorzugte Nutzung wirksamer nicht-antibiotischer Präventionsmaßnahmen vor einer antibiotischen Langzeitprophylaxe [LL1, LL2].
Therapieempfehlungen
- Aktuelle Klassifikation der Harnwegsinfektionen nach EAU 2026:
- Die traditionelle Einteilung in „unkomplizierte“ und „komplizierte“ Harnwegsinfektionen wird von der European Association of Urology (EAU) nicht mehr als primäre Klassifikation verwendet.
- Unterschieden werden geschlechtsunabhängig lokalisierte Harnwegsinfektionen (örtlich begrenzte Harnwegsinfektionen) (Zystitis) und systemische Harnwegsinfektionen [LL2].
- Eine lokalisierte Harnwegsinfektion (Zystitis) liegt bei neu aufgetretenen lokalen Symptomen wie Dysurie, Pollakisurie, imperativem Harndrang, Inkontinenz (unwillkürlichem Urinverlust), urethraler purulenter Sekretion (eitrigem Ausfluss aus der Harnröhre) oder suprapubischem Druck bzw. Krämpfen ohne Zeichen einer systemischen Infektion vor [LL2].
- Für eine systemische Harnwegsinfektion sprechen insbesondere Fieber oder Hypothermie (Unterkühlung), Schüttelfrost, Delir (akuter Verwirrtheitszustand), Hypotonie (niedriger Blutdruck), Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) sowie Flanken- bzw. Nierenlagerschmerzen oder Klopfschmerz [LL2].
- Eine systemische Harnwegsinfektion erfordert eine weiterführende Diagnostik und je nach Befund eine parenterale Antibiotikatherapie (Antibiotikagabe unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts) bzw. stationäre Behandlung; s. u. Pyelonephritis bzw. Prostatitis/Pharmakotherapie [LL2].
- Risikofaktoren werden unabhängig von der Klassifikation als lokalisierte oder systemische HWI beurteilt:
- Säuglingsalter
- geriatrische bzw. gebrechliche Patienten
- Schwangerschaft
- Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr)
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
- Nierenfunktionsstörung (eingeschränkte Nierenfunktion)
- anatomische oder funktionelle Anomalien des Harntrakts (Fehlbildungen oder Funktionsstörungen der Harnwege)
- signifikanter Restharn (größere nach dem Wasserlassen in der Blase verbleibende Urinmenge)
- neurourologische Erkrankungen (nervenbedingte Erkrankungen der Harnwege)
- Urolithiasis (Harnsteinleiden)
- Harnwegsobstruktion (Behinderung des Harnabflusses)
- Harnwegskatheter
- Prostatabeteiligung
- Beckenorganprolaps (Senkung von Organen des kleinen Beckens)
- vorausgegangene Antibiotikatherapie
- resistente Erreger (gegen Antibiotika widerstandsfähige Krankheitserreger)
- kürzlich erfolgte instrumentelle Eingriffe [LL2].
Die deutsche S3-Leitlinie von 2024 verwendet weiterhin die bisherige Terminologie der unkomplizierten bzw. komplizierten Harnwegsinfektion. Für die Versorgung in Deutschland bleiben ihre konkreten Therapieempfehlungen relevant. Im Folgenden werden diese deshalb mit der aktuelleren EAU-Klassifikation 2026 zusammengeführt; unterschiedliche Empfehlungen bzw. Dosierungsschemata werden ausdrücklich kenntlich gemacht [LL1, LL2].
Akute lokalisierte Harnwegsinfektion (Zystitis) bei Frauen
- Antibiotikatherapie: Eine antibiotische Therapie erhöht die Wahrscheinlichkeit einer klinischen Heilung gegenüber Placebo. Nach der deutschen S3-Leitlinie soll bei akuter Zystitis grundsätzlich eine antibiotische Therapie empfohlen werden; bei nicht geriatrischen Patientinnen mit leichten bis mittelgradigen Beschwerden kann nach partizipativer Entscheidungsfindung eine alleinige nicht-antibiotische Behandlung als Alternative erwogen werden [LL1, LL2].
- Antibiotikasparende Therapie: Bei nicht geriatrischen Patientinnen ohne Hinweise auf eine systemische HWI und ohne relevante Risikokonstellation kann eine nicht-antibiotische Behandlung angeboten werden [1-3, LL1, LL2].
- Die Patientin soll darüber aufgeklärt werden, dass die Beschwerden länger anhalten können und das Risiko einer Pyelonephritis gegenüber einer sofortigen Antibiotikatherapie geringfügig erhöht ist [1, 2, LL2].
- Bei fehlenden Kontraindikationen (Gegenanzeigen) können zur symptomatischen Therapie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) eingesetzt werden [1, 2, LL2].
- Für geriatrische Patienten besteht keine ausreichende Evidenz für eine primär symptomatische Therapie mit NSAR; zusätzlich ist das erhöhte altersabhängige Nebenwirkungsrisiko zu berücksichtigen [LL2].
- Antibiotika der ersten Wahl: Fosfomycin-Trometamol, Nitrofurantoin, Nitroxolin und Pivmecillinam [LL1, LL2].
- Trimethoprim: Kann bei einer lokalen Resistenzrate von Escherichia coli < 20 % eingesetzt werden; bei rezidivierenden HWI ist wegen höherer Resistenzwahrscheinlichkeit besondere Zurückhaltung angezeigt [LL1, LL2].
- Fluorchinolone: Sollen bei einer lokalisierten Zystitis nicht eingesetzt werden, sofern andere üblicherweise empfohlene Antibiotika geeignet sind [LL1, LL2].
- Aminopenicilline: Sind wegen hoher Resistenzraten und ungünstiger ökologischer Effekte nicht zur empirischen Therapie der Zystitis geeignet [LL2].
- Orale Cephalosporine bzw. Aminopenicillin/Betalaktamasehemmer-Kombinationen: Sind wegen ihrer Kollateralschäden nicht Mittel der empirischen ersten Wahl, können aber in ausgewählten Situationen nach Antibiogramm bzw. individueller Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden [LL1, LL2].
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Für die ambulante Versorgung in Deutschland sollten primär die Dosierungsschemata der deutschen S3-Leitlinie 2024 verwendet werden [LL1].
| Wirkstoff | Dauer | Stellenwert |
| Fosfomycin-Trometamol | 1 Tag | 1. Wahl [LL1] |
| Nitrofurantoin | 7 Tage | 1. Wahl [LL1] |
| Nitrofurantoin, makrokristalline bzw. retardierte Form | 5 Tage | 1. Wahl [LL1] |
| Nitroxolin | 5 Tage | 1. Wahl [LL1] |
| Pivmecillinam | 3 Tage | 1. Wahl [LL1] |
| Trimethoprim | 3 Tage | Nur bei lokaler Escherichia-coli-Resistenz < 20 % [LL1] |
Abweichende EAU-Dosierungen 2026: Die EAU empfiehlt Nitrofurantoin 50-100 mg 4-mal täglich bzw. Nitrofurantoin Monohydrat/Makrokristalle oder Retardform 100 mg 2-mal täglich jeweils für 5 Tage, Pivmecillinam 400 mg 3-mal täglich für 3-5 Tage sowie Trimethoprim 200 mg 2-mal täglich für 5 Tage. Fosfomycin-Trometamol 3 g einmalig und Nitroxolin 250 mg 3-mal täglich für 5 Tage entsprechen den deutschen Empfehlungen [LL2].
Die Dosierungstabelle verwendet damit bewusst keine zusammengefassten Quellenangaben [LL1, LL2], wenn sich die konkreten Behandlungsschemata der beiden Leitlinien unterscheiden.
Zystitis in der Schwangerschaft
- Antibiotikatherapie: Eine symptomatische Zystitis soll antibiotisch behandelt werden [LL1, LL2].
- Urinkultur vor Therapiebeginn: Bei Schwangeren soll bei Verdacht auf Zystitis in jedem Fall eine Urinkultur durchgeführt werden [LL1, LL2].
- Antibiotikawahl: Nach deutscher S3-Leitlinie sollten primär Penicillinderivate, Cephalosporine oder Fosfomycin-Trometamol eingesetzt werden [LL1].
- Weitere nach EAU grundsätzlich mögliche Antibiotika: Nitrofurantoin kann eingesetzt werden, jedoch nicht bei Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel und nicht gegen Ende der Schwangerschaft; Trimethoprim soll im ersten Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) und Sulfonamide sollen im letzten Trimenon vermieden werden [LL2].
- Therapiekontrolle: Nach der Antibiotikatherapie einer akuten Zystitis soll in der Schwangerschaft die Erregereradikation durch eine Urinkultur verifiziert werden [LL1].
- Systemische Zeichen: Bei Fieber, Hypothermie, Schüttelfrost, Flankenschmerzen, Nierenlagerklopfschmerz, Hypotonie, Tachykardie oder klinischer Allgemeinzustandsverschlechterung liegt keine isolierte Zystitis mehr vor; es ist insbesondere eine Pyelonephritis auszuschließen [LL2].
Asymptomatische Bakteriurie
- Grundsatz: Eine asymptomatische Bakteriurie (Bakterien im Urin ohne Beschwerden) ist keine Zystitis und soll in den meisten Patientengruppen weder gesucht noch antibiotisch behandelt werden [LL1, LL2].
- Keine Behandlung: Dies gilt insbesondere für nicht schwangere Frauen ohne relevante Risikofaktoren, postmenopausale Frauen (Frauen nach der letzten Regelblutung), Patienten mit gut eingestelltem Diabetes mellitus, geriatrische Patienten und Patienten mit rezidivierender Zystitis [LL1, LL2].
- Urologische Intervention: Vor urologischen Eingriffen mit erwarteter Schleimhautverletzung soll nach asymptomatischer Bakteriurie gesucht und diese bei Nachweis gezielt behandelt werden [LL1, LL2].
- Schwangerschaft: Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt kein systematisches Screening auf asymptomatische Bakteriurie in der Schwangerschaft. Die EAU 2026 empfiehlt dagegen Screening und Behandlung mit Standard-Kurzzeittherapie bzw. einmalig Fosfomycin-Trometamol nur schwach und weist auf die niedrige Qualität der zugrunde liegenden Evidenz hin. Für Deutschland ist diese Leitliniendiskrepanz bei der Entscheidung zu berücksichtigen [LL1, LL2].
Zystitis bei Männern
- Klassifikation: Das männliche Geschlecht allein gilt nach der aktuellen EAU-Klassifikation nicht als Risikofaktor für einen schwierigen Verlauf [LL2].
- Prostatabeteiligung: Da eine isolierte lokalisierte Zystitis bei Männern vergleichsweise selten ist, muss eine Beteiligung der Prostata klinisch berücksichtigt bzw. ausgeschlossen werden [LL1, LL2].
- Urinkultur: Wenn bei einem Mann eine Indikation zur Antibiotikatherapie gestellt wird, sollte vor Therapiebeginn eine Urinkultur durchgeführt und anschließend resistenzgerecht behandelt werden [LL1].
- Empirische Therapie: Bei jüngeren Männern mit lokalisierter Zystitis können Pivmecillinam und Nitrofurantoin eingesetzt werden; Nitrofurantoin darf nur angewendet werden, wenn eine Prostatabeteiligung zuverlässig ausgeschlossen wurde. Für die optimale Therapiedauer von Nitrofurantoin bei Männern fehlen robuste Daten [LL1, LL2].
- Alternative: Trimethoprim/Sulfamethoxazol 160/800 mg p.o. 2-mal täglich für 7 Tage ist nach EAU eine mögliche Therapieoption bei geeigneter Empfindlichkeit [LL2].
- Cave: Nitrofurantoin ist bei vermuteter oder gesicherter Prostatitis wegen unzureichender Gewebepenetration (unzureichendem Eindringen in das Gewebe) nicht geeignet [LL2].
Zystitis bei Patienten mit Risikofaktoren
- Diabetes mellitus: Bei stabiler Stoffwechsellage und fehlenden weiteren relevanten Risikofaktoren kann eine lokalisierte Zystitis grundsätzlich nach den üblichen Therapieprinzipien behandelt werden. Bei instabiler Stoffwechsellage besteht ein erhöhtes Risiko für einen problematischen Verlauf [LL1, LL2].
- Nierenfunktionsstörung: Wirkstoffwahl und Dosierung müssen an die Nierenfunktion angepasst werden. Nitrofurantoin ist nach EAU bei einer geschätzten glomerulären Filtrationsrate < 30 ml/min/1,73 m2 kontraindiziert [LL2].
- Anatomische bzw. funktionelle Risikofaktoren: Bei Harnwegsobstruktion, relevantem Restharn, Urolithiasis, neurourologischer Erkrankung, Katheter oder anatomischer Anomalie reicht eine alleinige antimikrobielle Therapie ggf. nicht aus; behandelbare zugrunde liegende Faktoren sollen korrigiert werden [LL2].
- Geriatrische bzw. gebrechliche Patienten: Eine asymptomatische Bakteriurie ist häufig und darf nicht allein aufgrund eines positiven Urinbefundes als behandlungsbedürftige Zystitis interpretiert werden [LL1, LL2].
Rezidivierende Zystitis
Eine rezidivierende Zystitis liegt bei mindestens drei Episoden innerhalb von zwölf Monaten oder mindestens zwei Episoden innerhalb von sechs Monaten vor [LL1, LL2].
- Diagnosesicherung: Die Diagnose einer rezidivierenden Zystitis soll durch Urinkultur gesichert werden [LL1, LL2].
- Behandlung modifizierbarer Risikofaktoren: Relevanter Restharn, Harnabflussstörung, Urolithiasis, Katheterprobleme, Beckenorganprolaps und andere behandelbare Faktoren sollen soweit möglich korrigiert werden [LL2].
- Erhöhte Flüssigkeitszufuhr: Prämenopausale Frauen (Frauen vor der letzten Regelblutung) mit rezidivierender Zystitis und einer täglichen Flüssigkeitsaufnahme < 1,5 l können durch eine zusätzliche Flüssigkeitszufuhr von etwa 1,5 l/Tag die Rezidivrate und den Antibiotikaverbrauch reduzieren [LL2].
- Postmenopausale Frauen: Eine vaginale Östrogentherapie (örtliche Behandlung mit weiblichen Geschlechtshormonen in der Scheide) soll zur Prävention rezidivierender Zystitiden angeboten werden [LL1, LL2].
- Die vaginale Anwendung ist der systemischen Östrogentherapie zur HWI-Prävention überlegen; eine systemische Östrogentherapie ist ausschließlich zur Rezidivprophylaxe der Zystitis nicht indiziert [LL2].
- Lokale Reizungen und geringfügige Blutungen sind möglich [LL2].
- Immunmodulatorische Prophylaxe (Vorbeugung durch Beeinflussung des Immunsystems): Die deutsche S3-Leitlinie 2024 sieht für nicht geriatrische Frauen OM-89 bzw. in geringerem Empfehlungsgrad StroVac als mögliche Maßnahmen vor einer antibiotischen Langzeitprophylaxe vor. Die neuere EAU-Leitlinie 2026 bewertet die Evidenz inzwischen deutlich zurückhaltender und empfiehlt immunmodulatorische Prophylaxe nur schwach im Rahmen gut kontrollierter klinischer Studien. Eine routinemäßige bevorzugte Anwendung von OM-89 bzw. StroVac lässt sich deshalb nach aktueller Gesamtevidenz nicht mehr uneingeschränkt empfehlen [LL1, LL2].
- Cranberry: Cranberry-Produkte können zur Prävention rezidivierender Zystitiden angeboten werden. Ein aktueller Cochrane-Review zeigt insbesondere bei Frauen mit rezidivierenden HWI eine Reduktion symptomatischer, kulturell bestätigter HWI; die Studien sind jedoch hinsichtlich Präparaten und Dosierungen heterogen [5, LL2].
- D-Mannose: Die Evidenz ist widersprüchlich. Die große placebokontrollierte Studie mit 598 Frauen zeigte für 2 g D-Mannose täglich über sechs Monate keine signifikante Reduktion weiterer medizinisch behandelter HWI (51,0 % vs. 55,7 %; p = 0,26) [4]. Die EAU 2026 spricht dennoch eine schwache Empfehlung aus, weist jedoch ausdrücklich auf die insgesamt schwache und widersprüchliche Evidenz hin. Eine routinemäßige Standardprophylaxe kann daraus nicht abgeleitet werden [4, LL2].
- Methenamin: Methenaminhippurat ist eine wirksame antibiotikafreie Option zur Prävention rezidivierender Zystitiden bei Frauen ohne relevante Anomalien des Harntrakts; die EAU spricht hierfür eine starke Empfehlung aus [6, LL2].
- In der ALTAR-Studie war Methenaminhippurat einer täglich niedrig dosierten Antibiotikaprophylaxe hinsichtlich der Rezidivrate nicht unterlegen [6].
- In Deutschland steht Methenamin unter anderem als Cystohipp® 1 g Tabletten zur Verfügung; die Fachinformation ist auf dem Stand Januar 2026 [7].
- Dosierung für Erwachsene: 1 g p.o. 2-mal täglich [7].
- Kontraindikationen sind insbesondere Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenleistung), schwere Dehydrierung (starker Flüssigkeitsmangel), Gicht, Leberfunktionsstörung (eingeschränkte Leberfunktion), metabolische Azidose (Übersäuerung des Körpers durch Stoffwechselstörung) und eine Infektion der Niere [7].
- Methenamin darf wegen des Risikos einer Kristallurie (Kristallbildung im Urin) nicht gleichzeitig mit Sulfonamiden angewendet werden. Alkalisierende Arzneimittel bzw. Antazida können die Wirksamkeit vermindern [7].
- Während der Schwangerschaft soll Methenamin gemäß aktueller Fachinformation vorsichtshalber vermieden werden [7].
- Probiotika: Für einzelne Lactobacillus-Stämme bestehen Hinweise auf eine Wiederherstellung der Vaginalflora (natürlichen Scheidenflora) und mögliche Reduktion rezidivierender Zystitiden. Wegen heterogener Daten lassen sich optimale Applikationsform, Dosis und Therapiedauer nicht festlegen; die EAU spricht lediglich eine schwache Empfehlung für Stämme mit nachgewiesener Wirksamkeit aus [LL2].
- Intravesikale Glykosaminoglykan-Substitution (Einbringen schützender Schleimhautbestandteile in die Harnblase): Hyaluronsäure bzw. die Kombination aus Hyaluronsäure und Chondroitinsulfat kann bei rezidivierender Zystitis nach Versagen weniger invasiver Präventionsmaßnahmen erwogen werden; die Evidenz ist begrenzt [LL2].
Antibiotische Langzeit- und Postkoitalprophylaxe
- Indikation: Eine kontinuierliche oder postkoitale Antibiotikaprophylaxe soll erst erwogen werden, wenn nicht-antibiotische Präventionsmaßnahmen nicht ausreichend wirksam waren und ein entsprechender Leidensdruck besteht [LL1, LL2].
- Wirksamkeit: Sowohl die kontinuierliche niedrig dosierte Antibiotikaprophylaxe als auch die postkoitale Einmalprophylaxe (einmalige Vorbeugung nach Geschlechtsverkehr) reduzieren die Häufigkeit rezidivierender Zystitiden [LL2].
- Postkoitale Prophylaxe: Bei eindeutigem zeitlichem Zusammenhang der Rezidive mit Geschlechtsverkehr ist die postkoitale Einmalprophylaxe aufgrund der geringeren kumulativen Antibiotikaexposition eine geeignete Strategie [LL1, LL2].
- Selbstinitiierte Kurzzeittherapie: Bei zuverlässigen Patientinnen mit gut dokumentierten Rezidiven kann eine selbstinitiierte leitliniengerechte Kurzzeittherapie erwogen werden [LL1, LL2].
| Wirkstoff | Bemerkung |
| Nitrofurantoin | Kontinuierliche Prophylaxe; Nierenfunktion sowie pulmonale und hepatische Risiken der Langzeitanwendung beachten [LL2] |
| Trimethoprim | Resistenzlage, Nierenfunktion, Hyperkaliämierisiko und Begleitmedikation berücksichtigen [LL2] |
| Fosfomycin-Trometamol | EAU-Regime zur kontinuierlichen Prophylaxe [LL2] |
| Methenamin | Antibiotikafreie Langzeitprophylaxe; bei geeigneten Frauen bevorzugt vor langfristiger Antibiotikaprophylaxe zu erwägen [6, 7, LL2] |
In Studien zur kontinuierlichen Antibiotikaprophylaxe wurden Behandlungszeiträume von etwa drei bis zwölf Monaten untersucht. Nach Absetzen kann es erneut zu Rezidiven kommen; die Therapiedauer ist daher individuell unter Nutzen-Risiko-Abwägung festzulegen [LL1, LL2].
Phytotherapeutika
- Akute Zystitis: Phytotherapeutische Verfahren können bei ausgewählten nicht geriatrischen Patientinnen als antibiotikasparende Strategie nach Aufklärung und partizipativer Entscheidungsfindung erwogen werden [3, LL2].
- Tausendgüldenkraut, Liebstöckelwurzel und Rosmarinblätter: Für die fixe Kombination Centaurii herba/Levistici radix/Rosmarini folium (BNO 1045) liegt eine randomisierte Nichtunterlegenheitsstudie gegenüber Fosfomycin-Trometamol vor. Primärer Endpunkt war der Anteil der Patientinnen, die bis Tag 38 kein zusätzliches Antibiotikum benötigten [3].
- Einordnung: Eine nicht-antibiotische Strategie kann den Antibiotikaverbrauch deutlich reduzieren, ist jedoch insgesamt mit einer geringeren Erfolgswahrscheinlichkeit bzw. einem leicht erhöhten Risiko für persistierende Beschwerden (anhaltende Beschwerden), zusätzliche Antibiotikagabe oder Pyelonephritis verbunden. Diese Aspekte müssen vor Therapiebeginn besprochen werden [1-3, LL2].
- Cranberry: Kann zur Rezidivprävention erwogen werden; ein verbindliches optimales Präparat bzw. eine standardisierte Proanthocyanidin-Dosis kann aus der derzeitigen Evidenz nicht abgeleitet werden [5, LL2].
- D-Mannose: Wegen der widersprüchlichen Evidenz und des negativen großen placebokontrollierten RCT ist D-Mannose nicht als gesichert wirksame Standardprophylaxe anzusehen [4, LL2].
Supplemente
- Vitamine und Spurenelemente: Für eine generelle Supplementation mit Vitaminen, Mineralstoffen oder Spurenelementen besteht kein leitliniengestützter Stellenwert in der Therapie oder Rezidivprävention einer Zystitis [LL1, LL2].
- Cranberry: Cranberry-Produkte können bei Frauen mit rezidivierender Zystitis zur Prävention erwogen werden; die Präparate und Dosierungen der Studien sind heterogen [5, LL2].
- D-Mannose: Eine routinemäßige Empfehlung ist aufgrund widersprüchlicher Daten nicht gerechtfertigt; die EAU bewertet die Anwendung lediglich mit einer schwachen Empfehlung und fordert eine entsprechende Patientenaufklärung [4, LL2].
- Probiotika: Für einzelne Lactobacillus-Stämme bestehen Hinweise auf einen möglichen Nutzen; eine allgemeingültige Empfehlung zu Präparat, Dosis oder Therapiedauer ist derzeit nicht möglich [LL2].
Weitere Hinweise
- Fluorchinolone: Fluorchinolone sollen bei einer lokalisierten Zystitis nicht routinemäßig eingesetzt werden. Wegen des Risikos schwerwiegender und potenziell lang anhaltender bzw. irreversibler Nebenwirkungen sollen sie nur verwendet werden, wenn üblicherweise empfohlene antibakterielle Alternativen ungeeignet sind [LL1, LL2].
- Nitrofurantoin: Nitrofurantoin ist ausschließlich für Infektionen des unteren Harntrakts geeignet. Es darf nicht zur Therapie einer Pyelonephritis und bei vermuteter Prostatabeteiligung nicht als alleinige Therapie eingesetzt werden [LL2]. Bei längerer Anwendung sind insbesondere pulmonale (die Lunge betreffende) und hepatische Nebenwirkungen (die Leber betreffende Nebenwirkungen) zu beachten.
- Fosfomycin-Trometamol: Die orale Einmaltherapie ist für die Zystitis der Frau geeignet. Orales Fosfomycin-Trometamol soll nicht zur Therapie einer Pyelonephritis eingesetzt werden [LL2].
- Reserveantibiotika: Cefiderocol, Ceftazidim/Avibactam, Ceftolozan/Tazobactam, Imipenem/Relebactam und vergleichbare Reserveantibiotika haben keinen Stellenwert in der empirischen Therapie einer gewöhnlichen lokalisierten Zystitis. Ihr Einsatz ist schweren bzw. systemischen Infektionen mit entsprechendem Resistenzprofil vorbehalten [LL2].
- Therapiekontrolle: Bei klinischer Beschwerdefreiheit ist nach Behandlung einer Zystitis grundsätzlich keine routinemäßige Urinuntersuchung oder Urinkultur erforderlich. Ausgenommen sind insbesondere Schwangere, bei denen die Erregereradikation nach antibiotischer Therapie einer Zystitis mittels Urinkultur verifiziert werden soll [LL1, LL2].
- Persistierende bzw. rezidivierende Beschwerden: Bei fehlendem Ansprechen, atypischer Symptomatik oder Rezidiv innerhalb weniger Wochen soll eine Urinkultur einschließlich Resistenztestung durchgeführt und die Diagnose überprüft werden [LL1, LL2].
- Kinder und Jugendliche: Die deutsche S3-Leitlinie zu unkomplizierten ambulant erworbenen Harnwegsinfektionen 2024 bezieht sich ausdrücklich auf Erwachsene und schließt Kinder und Jugendliche aus. Die pädiatrische Pharmakotherapie (medikamentöse Behandlung bei Kindern und Jugendlichen) sollte deshalb nicht aus den Erwachsenenschemata abgeleitet werden; s. u. Harnwegsinfektionen im Kindesalter bzw. Pyelonephritis/Pharmakotherapie [LL1].
Beachte
Die Bezeichnung „komplizierte Harnwegsinfektion“ sollte nach der aktuellen EAU-Klassifikation nicht mehr als primäre klinische Einteilung verwendet werden. Entscheidend ist zunächst die Unterscheidung zwischen lokalisierter HWI (Zystitis) und systemischer HWI. Anschließend werden patienten-, anatomie-, funktions- und erregerspezifische Risikofaktoren getrennt erfasst [LL2].
Die deutsche S3-Leitlinie von 2024 verwendet weiterhin die traditionelle Terminologie. Ihre für Deutschland relevanten Therapieempfehlungen bleiben gültig, insbesondere hinsichtlich der antibiotischen Regime. Bei inhaltlichen bzw. dosierungsbezogenen Abweichungen wurden deshalb die deutschen S3-Empfehlungen und die EAU-Empfehlungen 2026 in dieser Fassung getrennt ausgewiesen [LL1, LL2].
Fieber oder Hypothermie, Schüttelfrost, Delir, Hypotonie, Tachykardie sowie Flanken- bzw. Nierenlagerschmerzen oder Klopfschmerz sprechen gegen eine isolierte Zystitis und für eine mögliche systemische Harnwegsinfektion. In diesem Fall sind Diagnostik und Therapie entsprechend zu erweitern [LL2].
Literatur
- Gágyor I et al.: Ibuprofen versus fosfomycin for uncomplicated urinary tract infection in women: randomised controlled trial. BMJ 2015;351:h6544. doi: 10.1136/bmj.h6544.
- Kronenberg A et al.: Symptomatic treatment of uncomplicated lower urinary tract infections in the ambulatory setting: randomised, double blind trial. BMJ 2017;359:j4784. doi: 10.1136/bmj.j4784.
- Wagenlehner FM et al.: Non-Antibiotic Herbal Therapy (BNO 1045) versus Antibiotic Therapy (Fosfomycin Trometamol) for the Treatment of Acute Lower Uncomplicated Urinary Tract Infections in Women: A Double-Blind, Parallel-Group, Randomized, Multicentre, Non-Inferiority Phase III Trial. Urol Int 2018;101(3):327-336. doi: 10.1159/000493368.
- Hayward G et al.: d-Mannose for Prevention of Recurrent Urinary Tract Infection Among Women: A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med 2024;184(6):619-628. doi: 10.1001/jamainternmed.2024.0264.
- Williams G et al.: Cranberries for preventing urinary tract infections. Cochrane Database Syst Rev 2023;11(11):CD001321. doi: 10.1002/14651858.CD001321.pub7.
- Harding C et al.: Alternative to prophylactic antibiotics for the treatment of recurrent urinary tract infections in women: multicentre, open label, randomised, non-inferiority trial. BMJ 2022;376:e068229. doi: 10.1136/bmj-2021-0068229.
- Fachinformation Cystohipp® 1 g Tabletten (Methenamin). Dr. Pfleger Arzneimittel GmbH. Stand Januar 2026. Fachinformation.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen (HWI). (AWMF-Registernummer 043-044) April 2024. Langfassung [LL1]
- European Association of Urology: EAU Guidelines on Urological Infections. EAU Guidelines. Edition presented at the EAU Annual Congress London, United Kingdom 2026. ISBN 978-94-92671-32-5. Langfassung [LL2]