Mineralstoffe
Mikronährstoff-Mehrbedarf (Vitalstoffe) in der Stillphase

Calcium

Insbesondere ist der Calcium-Bedarf der Mutter in der Stillzeit erhöht, da es für die Muttermilchproduktion verstärkt zu einer Mobilisierung aus dem Skelett kommt [4]. Für den Säugling ist der Mineralstoff aufgrund des ausgeprägten Skelettwachstums extrem wichtig. Während des Stillens verliert die Mutter mit 750 Milliliter Milch pro Tag etwa 230 Milligramm Calcium, welches dem Säugling zugute kommt. Die Versorgung des Kindes ist somit von der aktuellen Ernährung der Mutter unabhängig und wird zu Lasten der Depots der Mutter aufrechterhalten.

Untersuchungen zur Folge weisen junge stillende Frauen innerhalb von sechs Monaten eine Abnahme der Knochendichte von 5-7 % im Bereich der Wirbelsäule sowie der Hüfte auf [4]. Aufgrund der verstärkten Calciumverluste, sollte die stillende Mutter auf eine tägliche Aufnahme von etwa 1,3 Gramm Calcium achten, um die Calciumreserven in den Knochen aufrechtzuerhalten. Dieser erhöhte Bedarf ist nur durch Supplementation oder mit Nahrungsmitteln zu decken, die einen hohen Calciumanteil haben.

Trinkmilch und Milchprodukte sind die wichtigsten Calciumquellen
– ein halber Liter Milch enthält etwa 600 Milligramm des Mineralstoffs. Im Vergleich zu Kuhmilch stellt die menschliche Milch nur ein Viertel der Menge an Calcium zur Verfügung [1]. Lebensmittel und Stoffe, die die Calciumaufnahme hemmen, sind Phosphate, Schokolade, Kakao, Nuss-Nougat-Creme, Gerbsäure in Kaffee und schwarzem Tee, Alkohol, Fett und Phytinsäure im Getreide. Solche Stoffe und Nahrungsmittel sollten in der Ernährung während der Stillzeit stets berücksichtigt werden [5.1.].
Nach Beendigung der Laktation wird das Skelettdepot der Mutter schnell wieder aufgebaut.
Über die Muttermilch kann der Säugling den Mineralstoff am besten resorbieren. Mit der Calciummenge in der Muttermilch sind Neugeborene deshalb optimal versorgt, denn ihr täglicher Bedarf liegt zwischen 200 und 400 Milligramm pro Tag [3].
Aufgrund der Calciummobilisierung aus den Knochen kann es schnell bei gleichzeitiger marginaler Calciumzufuhr zu Defiziten im Körper der Mutter kommen. Das Risiko einer Osteoporose erhöht sich [5.2.]. Insbesondere haben Frauen bei einer Lactose-Unverträglichkeit einen erhöhten Bedarf an Calcium. Betroffene sind aufgrund niedriger Konzentrationen des Enzyms Lactase nicht in der Lage, den Milchzucker aufzuspalten. Häufig auftretende Symptome sind Blähungen, Durchfall und krampfartige Beschwerden. Zur diätetischen Behandlung muss speziell Lactose gemieden werden. Da sich der Milchzucker ausschließlich in Milch und Milchprodukten befindet, kann ein vollkommener Verzicht zu Calciumdefiziten und schließlich zu Calcium-Mangelsymptomen führen.

Lactose fördert die Aufnahme von Mineralstoffen und Eiweiß im Darm. Zudem verbessert Milchzucker die Aufnahme und Nutzung von tierischem sowie pflanzlichem Protein. Stillende Frauen mit einer Lactoseintoleranz müssen somit darauf achten, dass sie ihren erhöhten Bedarf durch andere calciumreiche Lebensmittel decken, um ihre Knochengesundheit nicht zu gefährden – Aufnahme von bestimmten Käsesorten oder entsprechend behandelter Milch. In solch einem Fall ist eine Calcium- Supplementation von Vorteil [3].

Können Neugeborene nicht gestillt werden, kann es zu Mangelzuständen aufgrund ungenügender Calcium-Mengen in der Milchfertignahrung kommen. In Folge dessen nimmt die Knochendichte des Säuglings ab [9.4.]. Um dem vorzubeugen, sollte Säuglingen, die nicht mit Muttermilch ernährt werden können, mindestens 200 Milligramm Calcium täglich verabreicht werden [5.3.].

Weisen Frauen während der Stillzeit neben geringen Calciumkonzentrationen einen niedrigen Vitamin D-Spiegel auf, kann das zur Knochenerweichung und zu Knochendeformierungen bei der Mutter führen (Osteomalazie) [2.2.]. Beim Kind kann es aufgrund von Calcium- und Vitamin D-Defiziten zu einer Überfunktion der Nebenschilddrüse – vergrößertes Nebenschilddrüsengewebe – und zu einer verstärkten Produktion von Parathormonen (Hyperparathyreoidismus) kommen [2.2.]. Das Überangebot an Parathormonen erhöht wiederum den Calcium-Spiegel im Blut des Kindes. Im schlimmsten Fall resultiert aus dem Hyperparathyreoidismus des Kindes ein hyperkalzämisches Koma [2.2.].

Um solche Symptome zu verhindern ist es sinnvoll, bei der Mutter eine Vitamin D-Substitution zusätzlich zur Gabe von Calciumpräparaten durchzuführen [5.2.]. Eine hohe Zufuhr von Vitamin D ist für Mutter und Kind äußerst wichtig, da ein ausreichender Vitamin D-Spiegel die Calciumaufnahme und die Freisetzung von Calcium aus dem Skelett fördert. Zudem vermindert Vitamin D die Calciumausscheidung über die Nieren [5.2.].

Funktion des Calciums

  • Knochenaufbau sowie -festigkeit und Zähne
  • Beeinflusst nervale Erregungsbildung sowie die Nervenleitgeschwindigkeit
  • Steuerung der Reizleitung in Nerven und Muskulatur
  • Stimulation der Kontraktion von Muskelzellen
  • Beteiligt am Flüssigkeitstransport über Zellmembranen
  • Gewährleistung des Zellstoffwechsels, der Zellteilung und der Stabilisierung der Zellmembranen
  • Freisetzung von Hormonen und Neurotransmittern
  • Aktivierungsfaktor bei der Blutgerinnung
  • Calciumreiche Nahrungsmittel sind Milch- und Milchprodukte – ein halber Liter Milch enthält etwa 600 mg Calcium –, Lachs, Sardinen, Sesamsamen, Sojabohnen, Hülsenfrüchte, Nüsse, Vollkornprodukte, Weizenkeime, Haferflocken, grünes Gemüse und Petersilie

Die meisten pflanzlichen Lebensmittel sind arm an Calcium. Zudem wird die Bioverfügbarkeit von Calcium aus pflanzlichen Lebensmitteln häufig durch deren hohe Gehalte an Phytat, Oxalat und Ballaststoffen gehemmt [5.2.]

Da neben Calcium auch Magnesium für die neuromuskuläre Erregungsleitung und -weiterleitung zuständig ist, wirken beide Mineralstoffe eng zusammen. Bei Magnesium-Mangel vermindert sich der Calcium-Spiegel im Blut. Daher ist es wichtig, Calcium immer zusammen mit Magnesium im Verhältnis 3:1 zu substituieren [5.2.].

Eine zu hohe Calciumaufnahme dagegen kann die Resorption von Eisen, Zink und anderen essentiellen Vitalstoffen behindern und des Weiteren zu einer verstärkten Magnesium- und Calciumausscheidung (Hypercalciurie) über den Urin  führen sowie die Nierenfunktion beeinträchtigen [5.2.].

Magnesium

Die Muttermilch enthält etwa 33-40 Milligramm Magnesium pro Liter. Die Mutter verliert damit in der Stillphase bis zu 60 Milligramm des Mineralstoffs täglich. Um den Verlust auszugleichen, sollten stillende Frauen neben einer abwechslungsreichen Ernährung Magnesium-Supplemente zu sich nehmen. Zu empfehlen ist eine tägliche Aufnahme von 375 Milligramm Magnesium.
Da bei Muttermilchernährung die intestinale Magnesiumaufnahme des Säuglings höher ist als aus industriell gefertigter Milchnahrung, sollten Neugeborene möglichst gestillt werden. Reifgeborene Kinder sind mit einer täglichen Magnesiummenge von 29 Milligramm bei einer Trinkmenge von 750 Gramm ausreichend versorgt.
Aufgrund der schlechteren Bioverfügbarkeit des Magnesiums aus Milchfertignahrung haben nicht gestillte Säuglinge einen dementsprechend höheren Bedarf – 75-100 Milligramm Magnesium täglich [4]. Säugling, die nach der Geburt unter 3.500 Gramm wiegen, benötigen ebenfalls mehr Magnesium als die Muttermilch hergibt. Diese müssen täglich mit etwa 75-100 Milligramm Magnesium substituiert werden [5.3.].

Funktion des Magnesiums

Energiegewinnung und -bereitstellung

  • Als Enzymaktivator spielt Magnesium bei allen ATP-abhängigen Reaktionen eine wichtige Rolle
  • Oxidativer Abbau von Energie liefernden Kohlenhydraten, Proteinen, Fetten und Glucose

Neuromuskuläre Erregungsleitung und -weiterleitung

  • Herabsetzung der Erregbarkeit von Muskeln und Nerven
  • Beeinflusst die Nervenerregung sowie die Nervenleitgeschwindigkeit
  • Wirkt eng mit Calcium zusammen
  • Wichtiger Bestandteil des Skelettsystems – Aufbau von Knochen und Zähnen
  • Wichtig für die ossäre und muskuläre Funktion
  • Wirkt blutdrucksenkend, indem Magnesium die koronaren und peripheren Arterien erweitert
  • Gewährleistet Biosynthese von DNA und RNA, die Proteinsynthese, die Fettabspaltung, den energieabhängigen Membrantransport sowie den Glucoseabbau
  • Vermindert Gerinnungsfähigkeit des Blutes
  • Senkt den Cholesterin-Serumspiegel

Magnesium ist zu finden in ganzen Samen, Nüssen, Milch, Kartoffeln, Gemüse, Beerenobst, Bananen, Tee und ungemahlenem Getreide [5.2.]


Tabelle zum Bedarf an Mineralstoffen

Vitalstoff
(Mikronährstoff)
Mangelerscheinungen – Auswirkungen auf die Mutter Mangelerscheinungen – Auswirkungen auf den Säugling
Calcium Demineralisation des Skelettsystems erhöht das Risiko für
  • Verminderte Knochendichte
  • Osteoporose, vor allem bei Frauen mit Östrogenmangel
  • Knochenerweichung sowie Knochendeformierungen – Osteomalazie
  • Neigung zu Stressfrakturen des Skelettsystems
  • Muskelkrämpfe, Krampfneigung, verstärkte Muskelkontraktion
  • Herzrhythmusstörungen
  • Blutgerinnungsstörungen mit erhöhter Blutungsneigung
  • Erhöhte Erregbarkeit des Nervensystems, Depressionen
Erhöhtes Risiko für
  • Bluthochdruck (Hypertonie) [5.2.]
  • Hypocalcämie (Calciummangel)
  • Beeinträchtigte Entwicklung von Knochen und Zähnen
  • Verminderte Knochendichte beim Neugeborenen
  • Verminderte Mineralisierung der Knochen mit Neigung zu Spontanfrakturen und Knochenverbiegungen – Ausbildung einer Rachitis
  • Symptome einer Rachitis
  • Störungen im Längenwachstum der Knochen
  • Verformtes Skelett – Schädel, Wirbelsäule, Beine
  • Atypisches herzförmiges Becken
  • Verzögerter Durchbruch der Milchzähne, Kieferdeformierung, Zahnfehlstellung [5.1.]

Zusätzlicher Vitamin D-Mangel führt zur
  • Überfunktion der Nebenschilddrüse – vergrößertes Nebenschilddrüsengewebe – und zu einer verstärkten Produktion von Parathormonen  (Hyperparathyreoidismus)
  • Hyperkalzämisches Koma [2.2.]
Magnesium Erhöhte Erregbarkeit von Muskeln und Nerven führt zu
  • Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen
  • Muskel- und Gefäßkrämpfen
  • Taubheitsgefühl sowie Kribbeln in den Extremitäten
  • Tachykardie (Herzrasen) und andere Herzrhythmusstörungen
  • Beklemmungsgefühl
Erhöhtes Risiko für
  • Verminderte Immunreaktion
  • Herzinfarkt (Myokardinfarkt)
  • Akuter Hörsturz [5.2.]
  • Calcium-Spiegel im Blut wird gesenkt
  • Wachstumsverzögerung
  • Hyperaktivität
  • Schlaflosigkeit, Konzentrationsstörungen
  • Muskelzittern, -krämpfe
  • Herzjagen und -rhythmusstörungen
  • Verminderte Immunreaktion [5.2.]

Literatur

  1. Biesalski HK, Fürst P, Kasper H, Kluthe R, Pölert W, Puchstein Ch, Stähelin HB: Ernährungsmedizin. Kapitel 17, 224-230; Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1999
  2. Biesalski HK, Köhrle J, Schümann K: Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe. Kapitel 45, 278-284; Georg Thieme Verlag; Stuttgart/New York 2002
  3. Eschenbruch B: Wasser und Mineralstoffe in der Ernährungsmedizin. Kapitel 5.7, 128-130; Umschau Zeitschriftenverlag Breidenstein GmbH; Frankfurt am Main 1994
  4. Kasper H: Ernährungsmedizin und Diätetik. Kapitel 15, 419-422; Urban & Fischer Verlag; München/Jena 2000
  5. Schmidt E, Schmidt N: Leitfaden Mikronährstoffe. Kapitel 2, 96-228 (5.1.), 230-312 (5.2.), 3, 370-400 (5.3.); Urban & Fischer Verlag; München, Februar 2004
     
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