Statische Leberszintigraphie / Kolloidszintigraphie

Die Kolloidszintigraphie (statische Leberszintigraphie) ist ein nuklearmedizinisches diagnostisches Verfahren zur Detektion (Feststellung) bestimmter hepatischer Erkrankungen, die mit einer Zerstörung des RHS (Retikulo-Histiozytären-Systems) der Leber einhergehen.

Das Leberparenchym (Lebergewebe) setzt sich aus verschiedenen zellulären Bestandteilen zusammen. Den größten Teil von ca. 65 % machen die Hapatozyten (Leberzellen) aus. Ungefähr 15 % sind Kupffer-Sternzellen und die restlichen 20 % bilden unterschiedliche Zellen wie z. B. Endothelzellen, Itozellen (Fettspeicherzellen), Gallengangsepithel.

Die Kupffer-Sternzellen gehören zum Retikulo-Hystiozytären-System (RHS) der Leber. Sie sind zur Phagozytose (Aufnahme und Speicherung) von verschiedenen Partikeln wie Mikroorganismen oder anderen Krankheitserreger befähigt und dienen somit der Abwehrfunktion des Körpers.

In der nuklearmedizinischen Diagnostik wird diese Eigenschaft der Kupffer-Sternzellen ausgenutzt, indem ein Radiokolloid (Radiopharmakon mit einer speziellen Teilchengröße) intravenös appliziert und von den Kupffer-Sternzellen phagozytiert und gespeichert wird. Sind jedoch die Zellen des RES durch z. B. Raumforderungen geschädigt, können sie das Radiokolloid nur vermindert aufnehmen, was letztlich als Speicherdefekt in der Szintigraphie zur Darstellung kommt.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

Die Verdachtsdiagnose der Lebererkrankung bestimmt wesentlich die Auswahl bzw. Reihenfolge der nuklearmedizinischen Untersuchungsverfahren. Viele Raumforderungen/Tumoren stellen heutzutage keine Indikation mehr für eine Kolloidszintigraphie dar, da die Sensitivität (Prozentsatz erkrankter Patienten, bei denen die Krankheit durch die Anwendung des Verfahrens erkannt wird, d. h. ein positiver Befund auftritt) bzw. Spezifität (Wahrscheinlichkeit, dass tatsächlich Gesunde, die nicht an der betreffenden Erkrankung leiden, durch das Verfahren auch als gesund erkannt werden) im Vergleich zu radiologischen Schnittbildverfahren oder der PET-CT nicht ausreichend ist.

So haben z. B. die Sonographie, die Computertomographie (CT) und die Magnetresonanztomographie (MRT) die statische Leberszintigraphie in der Diagnostik vom Hepatozellulären Karzinom (Hepatozelluläres Carcinom, HCC) oder von Lebermetastasen weitgehend abgelöst.

Benigne (gutartige) Tumoren werden häufiger mit szintigraphischen Verfahren diagnostiziert bzw. differenziert, wobei folgende Zuordnung von Tumorart und Szintigraphie besteht:

  • V. a. Hämangiom (Blutschwämmchen); häufigster benigner (gutartiger) Lebertumor (0,4-20 %); 60-80 % der Patienten sind zwischen 30. und 50. Jahre alt; Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer; bei jungen Frauen verursachen Hämangiome häufiger Symptome.→ Blutpoolszintigraphie
  • V. a. fokal noduläre Hyperplasie (FNH); häufiger benigner (gutartiger) Leberzelltumor, der etwa 1-2 % aller Lebertumoren ausmacht; nahezu 90 % der Fälle betreffen Frauen, wobei ein Größenwachstum durch die Einnahme oraler Kontrazeptiva (“Pille“) bzw. in der Schwangerschaft beschrieben ist Leberfunktionsszintigraphie
  • V. a. hepatozelluläres Adenom; benigner (gutartiger) Lebertumor, der vermehrt bei Frauen mit Einnahme oraler Kontrazeption vorkommt. Die Hepatozyten sind atypisch verändert und strangförmig angeordnet. Gallengänge, Portalfelder und Kupffer-Sternzellen sind nicht vorhanden, sodass in der Kolloidszintigraphie ein Speicherdefekt zur Darstellung kommt. Kolloidszintigraphie

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Relative Kontraindikationen

  • Laktationsphase (Stillphase) – das Stillen muss für 48 Stunden unterbrochen werden, um eine Gefährdung des Kindes zu verhindern.
  • Wiederholungsuntersuchung – innerhalb von drei Monaten sollte auf Grund der Strahlenbelastung keine Wiederholung einer Szintigraphie durchgeführt werden.

Absolute Kontraindikationen

  • Gravidität (Schwangerschaft)

Das Verfahren

  • Dem Patienten werden 99mTc-markierte Kolloidpartikel intravenös verabreicht. Die Größe der Partikel sollte 200-1.000 nm betragen, damit eine bevorzugte Speicherung im RHS der Leber und nicht in der Milz oder im Knochenmark stattfindet.
  • 20-30 min nach der Injektion von ca. 100-200 MBq radioaktivem Kolloid werden planare Aufnahmen der Leber angefertigt. Die Dauer einer Aufnahme beträgt ca. 3-5 min, die Untersuchung ist nach etwa 15 min beendet.
  • Heutzutage werden insbesondere zur Detektion von zentral in der Leber gelegenen Herden Aufnahmen mit Hilfe der SPECT (Single-Photon-Emissionscomputertomographie) durchgeführt. Die hochauflösenden Mehrkopfsysteme erlauben bei erhöhter Auflösung die Darstellung von bis zu 0,5 cm kleinen Läsionen.

Mögliche Komplikationen

  • Bei der intravenösen Applikation des Radiopharmakons kann es zu lokalen Gefäß- und Nervenläsionen (Verletzungen) kommen.
  • Die Strahlenbelastung durch das verwendete Radionuklid ist eher als gering einzustufen. Trotzdem ist das theoretische Risiko eines strahleninduzierten Spätmalignoms (Leukämie oder Karzinom) erhöht, sodass eine Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen sollte.

Literatur

  1. Hermann HJ: Nuklearmedizin. Elsevier Verlag 2004
  2. Welsch U et al.: Lehrbuch Histologie. Elsevier Verlag 2006
  3. Schober O: Nuklearmedizin: Basiswissen und klinische Anwendung. Schattauer Verlag 2007
  4. Neumann MC, Schober O: Radiologische Diagnostik der Nuklearmedizin der Leber. Radiologe 2000. 40:916-924

     
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