Parathormon (PTH)

Parathormon (PTH) ist ein 84-Aminosäuren-Peptidhormon (Eiweißhormon), das in den Nebenschilddrüsen (kleine Hormondrüsen am Hals) gebildet wird. Es reguliert den Calcium- und Phosphathaushalt (Regulation des Kalk- und Mineralstoffspiegels) und stimuliert renal (in der Niere) die 1α-Hydroxylierung (chemische Aktivierung) von 25-Hydroxyvitamin D (Speicherform von Vitamin D) zu 1,25-Dihydroxyvitamin D (aktive Form von Vitamin D) [1, 2].

In der klinischen Labordiagnostik wird PTH vor allem zur Abklärung von Hypercalcämie (erhöhter Calciumspiegel im Blut), Hypocalcämie (erniedrigter Calciumspiegel im Blut), primärem Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen), sekundärem Hyperparathyreoidismus (reaktive Überfunktion der Nebenschilddrüsen) sowie Hypoparathyreoidismus (Unterfunktion der Nebenschilddrüsen) eingesetzt [1-5].

Synonyme

  • Parathormon
  • PTH
  • Parathyrin
  • Intaktes Parathormon
  • iPTH

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • EDTA-Plasma
    • Serum
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine international obligate Nüchternanforderung
    • Für Verlaufskontrollen möglichst standardisierte Bedingungen (vergleichbare Untersuchungsbedingungen), insbesondere gleiche Tageszeit und vergleichbare Präanalytik (Bedingungen vor der Analyse) [3]
  • Störfaktoren
    • Verzögerte Zentrifugation (Aufbereitung der Blutprobe) und verzögerte Analyse mit Peptidabbau (Abbau des Hormons)
    • Geringere Stabilität in Serum als in EDTA-Plasma
    • Methodenabhängige Unterschiede zwischen verschiedenen PTH-Immunoassays (Messverfahren mit Antikörpern)
    • Immunoassay-Interferenzen (Störeinflüsse bei Messverfahren), z. B. heterophile Antikörper (unspezifische Antikörper), Biotin (Vitamin B7), PTH-Fragmente (Abbauprodukte des Hormons) und oxidierte PTH-Formen (chemisch veränderte Formen des Hormons) [3, 6]
  • Methode
    • Automatisierter Immunoassay (automatisiertes Messverfahren mit Antikörpern)
    • Im klinischen Alltag überwiegend Assays der 2. Generation (zweite Gerätegeneration), seltener Assays der 3. Generation (neuere Gerätegeneration)
    • Die Ergebnisse sind methodenspezifisch zu interpretieren (abhängig vom verwendeten Testverfahren); ein direkter Vergleich zwischen verschiedenen Assays (Messverfahren) ist nur eingeschränkt möglich [1, 3, 6]

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe/Geschlecht/Alter Referenzbereich
Erwachsene Kein universell einheitlicher Referenzbereich; methoden- und laborabhängig
Häufige laborinterne Angabe bei 2.-Generations-Assays oft ca. 10-65 pg/ml
Beispiel Abbott iPTH, 18-45 Jahre 1,6-8,6 pmol/l
Beispiel Abbott iPTH, 46-60 Jahre 1,8-9,5 pmol/l
Beispiel Abbott iPTH, 61-80 Jahre 2,0-11,3 pmol/l
Beispiel Abbott iPTH, 81-95 Jahre 2,3-12,3 pmol/l [4]

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Abklärung einer Hypercalcämie (erhöhter Calciumspiegel im Blut) [1]
  • Abklärung einer Hypocalcämie (erniedrigter Calciumspiegel im Blut) [2]
  • Verdacht auf primären Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen) [1]
  • Verdacht auf normocalcämischen primären Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen bei normalem Calciumspiegel) [1]
  • Verdacht auf sekundären Hyperparathyreoidismus (reaktive Überfunktion der Nebenschilddrüsen), insbesondere bei chronischer Niereninsuffizienz (dauerhafte Nierenschwäche), Vitamin D-Mangel (Unterversorgung mit Vitamin D) oder Malabsorption (Aufnahmestörung im Darm) [1, 5]
  • Verdacht auf tertiären Hyperparathyreoidismus (autonom gewordene Überfunktion der Nebenschilddrüsen) [1, 5]
  • Verdacht auf Hypoparathyreoidismus (Unterfunktion der Nebenschilddrüsen), insbesondere postoperativ (nach Operation), autoimmun (durch das Immunsystem verursacht) oder genetisch bedingt [2]
  • Verlaufskontrolle bei chronischer Niereninsuffizienz (dauerhafte Nierenschwäche) mit Störung des Mineral- und Knochenstoffwechsels (Störung von Knochen und Mineralstoffen) [5]

Interpretation

  • Erniedrigte Werte
    • Hypercalcämie (erhöhter Calciumspiegel im Blut) (tumorbedingt) [Ca2+ ↑]
    • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) [Ca2+ ↑]
    • Hypoparathyreoidismus (Unterfunktion der Nebenschilddrüsen) [Ca2+ ↓]
    • Milch-Alkali-Syndrom (Burnett-Syndrom) (Stoffwechselstörung durch zu viel Calciumzufuhr) [Ca2+ ↑]
    • Sarkoidose (entzündliche Systemerkrankung mit Knötchenbildung im Gewebe) [Ca2+ ↑]
    • Überdosierung von Vitamin D (zu hohe Vitamin-D-Zufuhr) [Ca2+ ↑] [1, 2]
  • Erhöhte Werte
    • Hyperparathyreoidismus, primärer (Überfunktion der Nebenschilddrüsen) [Ca2+ ↑]
    • Hyperparathyreoidismus, sekundärer (reaktive Überfunktion der Nebenschilddrüsen) [Ca2+ ↓/n]
    • Nebenschilddrüsenadenom (gutartiger Tumor der Nebenschilddrüse)
    • Nebenschilddrüsenhyperplasie (Vergrößerung der Nebenschilddrüsen)
    • Nebenschilddrüsenkarzinom (bösartiger Tumor der Nebenschilddrüse)
    • Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) [Ca2+ ↓/n]
    • Pseudohypoparathyreoidismus (Hormonresistenz gegenüber Parathormon) [Ca2+ ↓, Phosphat ↑]
    • Osteomalazie (Knochenerweichung)
    • Rachitis (Störung der Knochenmineralisation im Kindesalter)
    • Vitamin D-Mangel (Unterversorgung mit Vitamin D) [Ca2+ ↓/n] [1, 2, 5]
  • Spezifische Konstellationen
    • Hypercalcämie (erhöhter Calciumspiegel im Blut) mit erhöhtem oder inapparent normal-hohem PTH spricht für einen primären Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen) [1]
    • Hypocalcämie (erniedrigter Calciumspiegel im Blut) mit niedrigem oder inapparent normalem PTH spricht für einen Hypoparathyreoidismus (Unterfunktion der Nebenschilddrüsen) [2]
    • Hypocalcämie (erniedrigter Calciumspiegel im Blut) bzw. Normocalcämie (normaler Calciumspiegel im Blut) mit erhöhtem PTH spricht typischerweise für einen sekundären Hyperparathyreoidismus (reaktive Überfunktion der Nebenschilddrüsen) [1, 5]
    • Eine ektopische PTH-Bildung (Hormonbildung außerhalb der Nebenschilddrüsen) durch Tumoren ist möglich, aber extrem selten [1]

Weiterführende Diagnostik

  • Gesamtcalcium, albuminkorrigiertes Calcium und/oder ionisiertes Calcium [1, 2]
  • Phosphat [1, 2, 5]
  • Magnesium [2]
  • Nierenparameter – Kreatinin, geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) [1, 2, 5]
  • 25-Hydroxyvitamin D [1, 2]
  • Ggf. 1,25-Dihydroxyvitamin D
  • Alkalische Phosphatase [1]
  • 24-Stunden-Urin-Calcium oder Calcium/Kreatinin-Clearance-Quotient zum Ausschluss einer familiären hypocalciurischen Hypercalcämie [1]
  • Ggf. Knochendichtemessung und Nierenbildgebung bei primärem Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen) [1]
  • Ggf. genetische Diagnostik (Untersuchung der Erbanlagen) bei jungem Erkrankungsbeginn, positiver Familienanamnese (familiäre Häufung) oder syndromalem Verdacht (Verdacht auf ein Krankheitsbild mit mehreren Merkmalen) [1, 2]

Weitere Hinweise

  • Bei chronischer Niereninsuffizienz (dauerhafte Nierenschwäche) sollen PTH-Werte nicht isoliert, sondern zusammen mit Calcium, Phosphat und dem klinischen Verlauf interpretiert werden [5]
  • Zwischen verschiedenen PTH-Assays (Messverfahren) besteht eine relevante methodische Variabilität (Messunterschiede); Verlaufsbeurteilungen sollten daher möglichst im selben Labor mit derselben Methode erfolgen [3, 6]
  • Die Bestimmung oxidierter bzw. nicht oxidierter PTH-Formen (verschiedene chemische Varianten des Hormons) ist derzeit kein etablierter Routinelaborstandard [3, 6, 7]

Literatur

  1. Bilezikian JP, Khan AA, Silverberg SJ, El-Hajj Fuleihan G, Marcocci C, Potts JT Jr et al.: Evaluation and Management of Primary Hyperparathyroidism: Summary Statement and Guidelines from the Fifth International Workshop. J Bone Miner Res. 2022;37(11):2293-2314.
    https://doi.org/10.1002/jbmr.4677
  2. Khan AA, Bilezikian JP, Brandi ML, Clarke BL, Gittoes NJL, Pasieka JL et al.: Evaluation and Management of Hypoparathyroidism: Summary Statement and Guidelines from the Second International Workshop. J Bone Miner Res. 2022;37(12):2568-2585.
    https://doi.org/10.1002/jbmr.4691
  3. Cheng J, Mu D, Wang D, Qiu L, Cheng X. Preanalytical considerations in parathyroid hormone measurement. Clin Chim Acta. 2023;539:259-265.
    https://doi.org/10.1016/j.cca.2022.12.022
  4. Kalaria T, Lawson AJ, Mason S, Rasool F, Geberhiwot T. Age-specific Reference Intervals of Abbott Intact PTH-Potential Impacts on Clinical Care. J Endocr Soc. 2024;8(3):bvae004.
    https://doi.org/10.1210/jendso/bvae004
  5. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD Work Group. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2024;105(4 Suppl):S117-S314.
    https://doi.org/10.1016/j.kint.2023.10.018
  6. Nakagawa Y, Komaba H. Standardization of PTH measurement by LC-MS/MS: a promising solution for interassay variability. Kidney Int. 2024;105(2):244-247.
    https://doi.org/10.1016/j.kint.2023.11.020
  7. Zeng S, Jung O, Schmitz B, Buerger C, Floege J, Schlieper G et al.: Relationship between GFR, intact PTH, oxidized PTH, non-oxidized PTH as well as FGF23 in patients with CKD. FASEB J. 2020;34(12):16466-16476.
    https://doi.org/10.1096/fj.202000596R