Differentialdiagnosen
Akute Lähmung (akute Parese)

Intrazerebrale Blutung (ICB; Hirnblutung)

Sämtliche Differentialdiagnosen der transistorisch ischämischen Attacke (TIA) und des Apoplexes sind mögliche Differentialdiagnosen einer akuten Parese. Nachfolgend wird nur auf die wichtigsten Differentialdiagnosen einer akuten Parese eingegangen.

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Hypoglykämie (Unterzuckerung) wg. Diabetes mellitus
  • Porphyrie bzw. akute intermittierende Porphyrie (AIP); genetische Erkrankung mit autosomal-dominantem Erbgang; Patienten mit dieser Krankheit weisen eine Reduktion der Aktivität des Enzyms Porphobilinogen-Desaminase (PBG-D) von 50 Prozent auf, die für die Porphyrinsynthese ausreicht. Auslöser einer Porphyrieattacke, die einige Tage, aber auch Monate dauern kann, sind Infektionen, Medikamente oder Alkohol. Das klinische Bild dieser Anfälle präsentiert sich als akutes Abdomen oder als neurologische Ausfälle, die einen letalen Verlauf nehmen können. Die Leitsymptome der akuten Porphyrie sind intermittierende neurologische und psychiatrische Störungen. Im Vordergrund steht häufig eine autonome Neuropathie, die abdominelle Koliken (akutes Abdomen), Nausea (Übelkeit), Erbrechen oder Obstipation (Verstopfung) verursacht sowie eine Tachykardie (Herzschläge  > 100 Schläge/min) und ein labiler Hypertonus (Bluthochdruck).

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Apoplex (Schlaganfall)
  • Chronisches Subduralhämatom (cSDH) – Hämatom (Bluterguss) zwischen der Dura mater und der Arachnoidea (Spinnenhaut; mittlere Hirnhaut zwischen der Dura mater (harte Hirnhaut; äußerste Hirnhaut) und der Pia mater); Symptome: uncharakteristische Beschwerden wie beispielsweise Druckgefühl im Kopf, Cephalgie (Kopfschmerzen), Vertigo (Schwindel), Einschränkung bzw. Verlust von Orientierung und Konzentrationsfähigkeit
  • Intrazerebrale Blutung (ICB; Hirnblutung) – bei 1,24 % der Patienten mit TIA-Verdacht [1]
  • Subarachnoidalblutung (SAB; Blutung zwischen der Spinnengewebshaut und der weichen Hirnhaut); Häufigkeit: 1-3 %; Symptomatik: Vorgehen nach "Ottawa-Regel für Subarachnoidalblutung":
    • Alter ≥ 40 Jahre
    • Meningismus (Symptom der schmerzhaften Nackensteifigkeit bei Reizungen und Erkrankungen der Hirnhäute)
    • Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) bzw. Bewusstseinsstörung (Somnolenz, Sopor und Koma)
    • Beginn der Cephalgie (Kopfschmerzen) während körperlicher Aktivität
    • Donnerschlagkopfschmerz/Vernichtungskopfschmerz (ca. 50 % der Fälle)
    • Eingeschränkte Beweglichkeit der Halswirbelsäule (HWS)

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Hirnmetastasen (Absiedlung von Krebszellen (Metastasierung) in das Hirngewebe)
  • Hirntumoren, nicht näher bezeichnet; Symptomatik: langsam entwickelnden Paresen, Aphasie (Sprachstörungen) und Krämpfe; selten sind Kopfschmerzen ein frühzeitiges Symptom! (als erstes und einziges Symptom nur bei 2-8 % aller Patienten vorhanden [2, 3])

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Enzephalitis (Gehirnentzündung)
  • Epileptischer Anfall – als postiktale Parese (Lähmung "nach einem oder mehreren Anfällen")
  • Guillain-Barré-Syndrom (GBS; Synonyme: Idiopathische Polyradikuloneuritis, Landry-Guillain-Barré-Strohl-Syndrom); zwei Verlaufsformen: akute inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie bzw. chronische inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (Erkrankung des peripheren Nervensystems); idiopathische Polyneuritis (Erkrankungen mehrerer Nerven) der spinalen Nervenwurzeln und peripheren Nerven mit aufsteigenden Lähmungen und Schmerzen; tritt meist nach Infektionen auf [sehr selten]
  • Hysterische Lähmungen (dissoziative Störungen) – Auftreten meistens bei jüngeren Patienten
  • Meningitis (Hirnhautentzündung) – meistens sind Kinder und Jugendliche betroffen; Leitsymptome: Kopfschmerzen, hohes Fieber, Meningismus (muss im Gegensatz zu Erwachsenen nicht bei Kindern auftreten)
  • Multiple Sklerose (MS) – entzündliche/demyelisierende und degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems, die zu Spastiken und Paresen (Lähmungen) führen kann; tritt vorwiegend zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr auf; der Erkrankungsgipfel liegt um das 30. Lebensjahr
  • Migräne – meistens sind Patienten im jüngeren mittleren Alter betroffen; bei ca. 60 % der Patienten liegt ein einseitiger Kopfschmerz vor
  • Psychogene Hemiparese – Halbseitenlähmung aufgrund psychischer Störungen
  • Transitorische ischämische Attacke (TIA) – entspricht den Symptomen eines Schlaganfalls, jedoch bilden sich die Symptome nach spätestens 24 Stunden zurück
  • Transverse Myelitis (TM; engl.: "longitudinally extensive transverse myelitis") – entzündliche Erkrankung des Rückenmarks; primär oder sekundär (z. B. mit akuter disseminierter Enzephalomyelitis (ADEM), Neuromyelitis optica (NMO), multipler Sklerose (MS));  Symptomatik: meist akutes Einsetzen von motorischen, sensorischen und vegetativen Störungen; Therapie: Methylprednisolon, i. v. 

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Subduralhämatom (SDH) – Bluterguss zwischen unter der harten Hirnhaut (Dura mater) und der Arachnoidea (Spinngewebshaut)

Literatur

  1. Kumar S et al.: Transient neurological symptoms in patients with intracerebral hemorrhage. JAMA Neurol 2016; doi: 10.1001/jamaneurol.2015.4202.
  2. Vázquez-Barquero A, Ibáñez FJ, Herrera S et al.: Isolated headache as the presenting clinical manifestation of intracranila tumors: a prospective study. Cephalalgia 1994; 14 (4): 270-272
  3. Valentinis L, Tuniz F, Valent F et al.: Headache attributed to intracranial tumours. Cephalalgia. 2010 Apr;30(4):389-98. doi: 10.1111/j.1468-2982.2009.01970.x.
     
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