Tabak

In Europa konsumiert etwa ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung regelmäßig Tabakprodukte. Auch unter Jugendlichen besteht weiterhin eine relevante Prävalenz (Häufigkeit des Auftretens). Gruppenzwang, soziale Einbindung, Neugierde oder psychosoziale Belastungen begünstigen einen frühen Einstieg in den Tabakkonsum. Trotz bekannter gesundheitlicher Risiken fällt vielen Betroffenen der Ausstieg schwer. Eine große prospektive Kohortenstudie (Langzeit-Beobachtungsstudie) zeigt, dass tägliches Rauchen von mehr als 10 Zigaretten mit einer Reduktion der Restlebenserwartung um etwa 9,4 Jahre bei Männern und 7,3 Jahre bei Frauen assoziiert ist. Auch ein Konsum von weniger als zehn Zigaretten täglich führt noch zu einem Verlust von ungefähr 5 Jahren [8].

Folgen des Rauchens

Tabak und seine schädigenden Substanzen

Zigarettenrauch enthält über 7.000 chemische Substanzen, darunter zahlreiche toxische (giftige) und mindestens 70 kanzerogene (krebserregende) Verbindungen.

Beispiele relevanter Inhaltsstoffe (alphabetisch):

  • Aldehyde
  • Benzol
  • Benzo[a]pyren
  • Cadmium
  • Cyanwasserstoff
  • Kohlenmonoxid
  • Nitrosamine (tabakspezifisch)
  • Polonium

Zusätzlich entstehen große Mengen freier Radikale (hochreaktive Sauerstoffmoleküle). Diese führen zu oxidativem Stress (Zellschädigung durch Sauerstoffradikale) und verbrauchen körpereigene antioxidative Schutzsysteme. Bei Rauchern finden sich häufig erniedrigte Spiegel antioxidativer Mikronährstoffe, insbesondere Vitamin C und Carotinoide [2].

Freie Radikale sowie toxische Inhaltsstoffe schädigen Proteine, Lipide und DNA (Erbsubstanz). Oxidierte Lipoproteine fördern atherosklerotische Gefäßveränderungen (Gefäßverkalkung). Insgesamt erhöht Rauchen das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz- und Gefäßerkrankungen), Gefäßschäden und zahlreiche Tumorerkrankungen (Krebserkrankungen) [5.1.].

Cadmium wirkt als Schwermetall nephrotoxisch (nierenschädigend) und hepatotoxisch (leberschädigend). Raucher weisen signifikant höhere Blut- und Gewebespiegel auf als Nichtraucher, was langfristig Organschäden begünstigt [4].

Immunsystem

Tabakkonsum beeinträchtigt die angeborene und adaptive Immunantwort (körpereigene Abwehr). Oxidativer Stress sowie entzündliche Prozesse führen zu einer verminderten mukoziliären Clearance (Selbstreinigung der Atemwege) der Atemwege und erhöhen die Anfälligkeit für respiratorische Infektionen (Atemwegsinfektionen). Raucher erkranken daher häufiger an Atemwegsinfektionen [3].

Epidemiologische Studien (Bevölkerungsstudien) zeigen zudem Assoziationen zwischen Rauchen und einer erhöhten Suszeptibilität (Anfälligkeit) für bestimmte Infektionserkrankungen, einschließlich HIV (Humanes Immunschwächevirus), wobei ein unabhängiger kausaler Effekt nicht abschließend gesichert ist [6].

Für SARS-CoV-2 (Coronavirus) besteht bei Rauchern ein erhöhtes Risiko schwerer Krankheitsverläufe. Pathophysiologisch (krankheitsmechanistisch) wird unter anderem eine veränderte Expression (Bildung) des Angiotensin-konvertierenden Enzyms 2 (ACE2) diskutiert [9,10].

Darüber hinaus ist Rauchen mit einem erhöhten Risiko für Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit) assoziiert [3].

Tumorerkrankungen

Folgende Tumorerkrankungen (Krebserkrankungen) sind wissenschaftlich gesichert mit Tabakkonsum assoziiert (alphabetisch):

  • Akute myeloische Leukämie (Blutkrebs)
  • Bronchialkarzinom (Lungenkrebs)
  • Cervixkarzinom (Gebärmutterhalskrebs)
  • Harnblasenkarzinom (Blasenkrebs)
  • Karzinome der Mundhöhle und des Oropharynx (Krebs im Mund- und Rachenraum)
  • Kolonkarzinom (Dickdarmkrebs)
  • Larynxkarzinom (Kehlkopfkrebs)
  • Leberzellkarzinom (Leberkrebs)
  • Magenkarzinom (Magenkrebs)
  • Nasennebenhöhlenkarzinom (Krebs der Nasennebenhöhlen)
  • Nierenzellkarzinom (Nierenkrebs)
  • Ösophaguskarzinom (Speiseröhrenkrebs)
  • Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs)
  • Plattenepithelkarzinome der Haut (Hautkrebs)
  • Tracheakarzinom (Luftröhrenkrebs)

Fertilität

Tabakkonsum vermindert die Fertilität (Fruchtbarkeit) beider Geschlechter. Bei Frauen kommt es zu Störungen der Follikelreifung (Eizellreifung), bei Männern zu Einschränkungen der Spermienqualität. Epidemiologisch zeigt sich eine verlängerte Time-to-Pregnancy (Zeit bis zum Eintritt einer Schwangerschaft) sowie eine reduzierte Wahrscheinlichkeit einer spontanen Konzeption (Empfängnis) [5.2.].

Weitere Auswirkungen

  • Atherosklerose (Gefäßverkalkung) [2]
  • Chronische Organfunktionsstörungen (dauerhafte Organschäden) [4]
  • Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit) – erhöhtes Risiko [3]
  • DNA-Schäden (Schäden am Erbgut) [2]
  • Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) [3]
  • Immunschwäche (verminderte Abwehrkraft) [3]
  • Koronare Herzkrankheit (Durchblutungsstörung der Herzkranzgefäße), Myokardinfarkt (Herzinfarkt), Apoplex (Schlaganfall) [5.1.]
  • Nierenfunktionsstörungen (eingeschränkte Nierenleistung) [1.1.]
  • Osteoporose (Knochenschwund) [1.3.]
  • Periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Beinarterien) [2]
  • Vorzeitige Hautalterung (frühe Faltenbildung) [5.1.]

Rauchen und Vitalstoffe

Raucher weisen häufig erniedrigte Spiegel mehrerer Mikronährstoffe auf [5].

Betroffene Mikronährstoffe (alphabetisch):

  • Calcium
  • Carotinoide
  • Selen
  • Vitamin A
  • Vitamin B-Vitamine
  • Vitamin C
  • Vitamin D
  • Vitamin E
  • Zink

Vitamin C

Raucher besitzen einen erhöhten Bedarf an Vitamin C. Niedrigere Serumspiegel sind mit erhöhtem oxidativem Stress und einem erhöhten kardiovaskulären Risiko assoziiert [5.1.].

Zink, Selen und Calcium

Ein niedriger Zink- und Selenstatus begünstigt Zellschäden. Cadmium kann sich insbesondere in der Niere anreichern und dort Funktionsstörungen verursachen [1.1.]. Zudem erhöht Rauchen das Risiko für Osteoporose und Frakturen durch einen verminderten Calciumhaushalt [1.3.].

Passives Rauchen

Auch Passivraucher sind gesundheitlichen Risiken ausgesetzt. Chronische Exposition erhöht das Risiko für Atemwegserkrankungen, Asthma bronchiale (chronische Atemwegserkrankung), kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz- und Gefäßerkrankungen) sowie Lungenkarzinome (Lungenkrebs). Epidemiologisch wird eine Risikoerhöhung für Lungenkrebs von etwa 20-30 % beschrieben [7].

Informationen zum Thema „Tabakkonsum während der Schwangerschaft/Stillzeit“ finden Sie im Oberthema "Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett".

Literatur

  1. Biesalski HK, Köhrle J, Schümann K: Vitamine, Spurenelemente und Mineralstoffe. Kapitel 24, 191-192 (1.1.), 9/10, 79, 84 (1.2.), 16, 130-131 (1.3.).
    Georg Thieme Verlag Stuttgart/New York 2002
  2. Dietl H, Ohlenschläger G: Handbuch der Orthomolekularen Medizin. Kapitel 2.1, 79-81. Karl F Haug Fachbuchverlag September 2004
  3. Jopp A: Risikofaktor Vitaminmangel. 82-84. Karl F Haug Verlag in MVS Medizinverlage Heidelberg GmbH & Co. KG; 2002
  4. Hoffmann P: Plötzlicher Kindstod (SIDS). PANAP Selbsthilfe e.V.
  5. Schmidt E, Schmidt N: Leitfaden Mikronährstoffe. Kapitel 2.2, 148-150 (5.1.), Kapitel 3.1, 370-381 (5.2.).; Urban & Fischer Verlag München Februar 2004
  6. Furber AS, Maheswaran R, Carroll CJ, Newell JN: Is smoking tobacco an independent risk factor for HIV infection and progression to AIDS? Sex Transm Infect. 2006 Aug 21
  7. Adams T, Wan E, Wei Y et al.: Secondhand Smoking Is Associated With Vascular Inflammation. Chest 2015; 148 (1): 112-9
  8. Li K, Hüsing A, Kaaks R: Lifestyle risk factors and residual life expectancy at age 40: a German cohort study. BMC Med. 2014 Apr 7;12:59. doi: 10.1186/1741-7015-12-59.
  9. Leung JM et al.: ACE-2 Expression in the Small Airway Epithelia of Smokers and COPD Patients: Implications for COVID-19. European Respiratory Journal 2020; doi: 10.1183/13993003.00688-2020
  10. Zhou P et al.: Discovery of a novel coronavirus associated with the recent pneumonia outbreak in humans and its potential bat origin. bioRxiv January 23, 2020 doi: https://doi.org/10.1101/2020.01.22.914952

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung. (AWMF-Registernummer: 076-006), Januar 2021 Kurzfassung Langfassung