Kaffee
Ein moderater Kaffeekonsum ist für die meisten gesunden Erwachsenen gesundheitlich unbedenklich. In großen prospektiven Kohortenstudien ist er überwiegend mit einer geringeren Gesamtmortalität (Gesamtsterblichkeit) sowie niedrigeren Risiken für kardiovaskuläre Erkrankungen (Herz-Kreislauf-Erkrankungen), Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit Typ 2) und chronische Lebererkrankungen (lang andauernde Lebererkrankungen) assoziiert. Diese langfristigen Zusammenhänge beruhen jedoch überwiegend auf Beobachtungsdaten und beweisen keine kausale Schutzwirkung [1-3].
Die gesundheitliche Bewertung hängt nicht allein von der Anzahl der Tassen ab. Entscheidend sind die tatsächlich aufgenommene Koffeinmenge, Portionsgröße, Zubereitungsart, Trinkzeit, individuelle Verträglichkeit, Begleiterkrankungen, Schwangerschaft, Stillzeit und gleichzeitig verwendete Arzneimittel.
Aus den epidemiologischen Daten lässt sich weder die Empfehlung ableiten, mit dem Kaffeetrinken zu beginnen, noch die Aussage, dass eine möglichst hohe Aufnahme gesundheitsfördernd sei. Für Personen, die Kaffee gerne trinken und gut vertragen, besteht bei moderater Aufnahme jedoch im Allgemeinen kein medizinischer Grund für eine pauschale Karenz (vollständiger Verzicht).
Methodische Einordnung der Evidenz
Die Evidenz zu Kaffeekonsum und Gesundheit umfasst unterschiedliche Studiendesigns:
- Randomisierte kontrollierte Studien: Sie untersuchen vor allem kurzfristige Wirkungen von Koffein oder Kaffee auf Schlaf, Blutdruck, Herzrhythmus, Lipidstoffwechsel (Fettstoffwechsel), körperliche Leistungsfähigkeit und Glucosemetabolismus (Zuckerstoffwechsel).
- Prospektive Kohortenstudien: Sie bilden die wesentliche Grundlage für Aussagen zu Gesamtmortalität, kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2, Lebererkrankungen und Tumorerkrankungen (Krebserkrankungen).
- Meta-Analysen und Umbrella-Reviews: Sie fassen die verfügbaren Studien zusammen, können aber methodische Schwächen der zugrunde liegenden Beobachtungsstudien nicht beseitigen.
- Leitlinien und Behördenbewertungen: Sie ermöglichen eine klinische Einordnung von Sicherheitsgrenzen und besonderen Lebensphasen.
Bei Beobachtungsstudien verbleibt trotz statistischer Adjustierung ein Risiko für Restkonfundierung. Kaffeetrinker und Nicht-Kaffeetrinker können sich hinsichtlich Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung, körperlicher Aktivität, sozioökonomischem Status oder Vorerkrankungen unterscheiden. Zusätzlich kann Reverse Causation vorliegen, wenn Personen aufgrund bereits bestehender Beschwerden ihren Kaffeekonsum reduzieren.
Kaffee und Koffein sind nicht gleichzusetzen
Kaffee ist ein komplexes Getränk mit zahlreichen bioaktiven Wirkstoffen. Koffein ist lediglich einer dieser Bestandteile. Die gesundheitlichen Wirkungen von Kaffee dürfen deshalb nicht unmittelbar auf isoliertes Koffein, Energy-Drinks oder hochkonzentrierte Koffeinpräparate übertragen werden [LL1].
Auch entkoffeinierter Kaffee ist in Beobachtungsstudien mit einzelnen günstigen metabolischen und hepatischen Endpunkten assoziiert. Dies spricht dafür, dass neben Koffein weitere Inhaltsstoffe beteiligt sein können [1, 9, 11]. Entkoffeinierter Kaffee ist allerdings nicht vollständig koffeinfrei und kann geringe Restmengen enthalten.
Wesentliche Inhaltsstoffe des Kaffees
- Koffein: Ein Methylxanthin und kompetitiver Antagonist an Adenosinrezeptoren. Es vermittelt einen wesentlichen Teil der stimulierenden, schlafmodulierenden und leistungssteigernden Wirkungen.
- Chlorogensäuren: Polyphenolische Verbindungen, deren Konzentration von Kaffeespezies, Röstung und Extraktion abhängt. Experimentelle Untersuchungen zeigen mögliche Effekte auf Glucosemetabolismus, Endothelfunktion und oxidativen Stress. Eine klinische Präventionswirkung isolierter Chlorogensäuren ist nicht nachgewiesen.
- Trigonellin: Stickstoffhaltige Verbindung, die während der Röstung teilweise zu Nicotinsäure und verschiedenen Aromastoffen umgesetzt wird.
- Melanoidine: Hochmolekulare Röstprodukte, die durch Maillard-Reaktionen entstehen. Antioxidative und präbiotische Eigenschaften werden diskutiert; die klinische Bedeutung einzelner Wirkungen ist noch nicht abschließend geklärt.
- Cafestol und Kahweol: Lipophile Diterpene des Kaffeeöls. Sie können den Gesamt- und LDL-Cholesterinspiegel erhöhen und werden durch Papierfilter weitgehend zurückgehalten [6-8].
Koffeingehalt verschiedener Getränke
Die Koffeinmenge einer Portion kann erheblich schwanken. Maßgeblich sind Coffea-Spezies, Bohnenmischung, Röstung, Mahlgrad, eingesetzte Kaffeemehlmenge, Extraktionsdauer und Portionsgröße. Eine Angabe ausschließlich in Tassen ist deshalb nur eingeschränkt aussagekräftig [LL2, LL3].
| Getränk | Orientierende Portionsgröße | Orientierender Koffeingehalt |
|---|---|---|
| Filterkaffee | 200 ml | etwa 90 mg |
| Espresso | 60 ml | etwa 80 mg |
| Instantkaffee | 200 ml | etwa 60-90 mg |
| Schwarzer Tee | 200 ml | etwa 40-50 mg |
| Energy-Drink | 250 ml | meist etwa 80 mg |
Die Angaben sind Orientierungswerte und nicht zur exakten Dosierung geeignet. Insbesondere große Café- oder To-go-Portionen können deutlich mehr Koffein enthalten als eine standardisierte Tasse.
Pharmakokinetik (Aufnahme, Verteilung und Abbau eines Stoffes im Körper) des Koffeins
Koffein wird nach oraler Aufnahme rasch und nahezu vollständig resorbiert. Maximale Plasmakonzentrationen (Konzentrationen im Blutplasma) werden im Allgemeinen nach etwa 30-60 Minuten erreicht. Der Abbau erfolgt überwiegend hepatisch über Cytochrom P450 1A2. Der wichtigste Metabolit (Abbauprodukt) ist Paraxanthin [LL1, LL2].
Die durchschnittliche Eliminationshalbwertszeit (Zeit, in der die Hälfte eines Stoffes abgebaut wird) beträgt etwa vier Stunden, weist aber eine erhebliche interindividuelle Variabilität von ungefähr zwei bis acht Stunden oder darüber hinaus auf. Genetische Faktoren, Alter, Leberfunktion, Schwangerschaft, Gewöhnung und Arzneimittelinteraktionen (Wechselwirkungen mit Arzneimitteln) beeinflussen die Exposition [LL1, LL2].
Während der Schwangerschaft verlangsamt sich der Koffeinabbau deutlich. Koffein passiert die Plazenta (Mutterkuchen); Fetus (ungeborenes Kind) und Plazenta verfügen nur über eine eingeschränkte Fähigkeit zur Metabolisierung (Verstoffwechselung) [LL2-LL4].
Evidenzbasierte Sicherheitsgrenzen
Die folgenden Werte sind Sicherheitsgrenzen und keine anzustrebenden Aufnahmemengen. Individuelle Nebenwirkungen können bereits deutlich unterhalb dieser Werte auftreten [LL2].
| Personengruppe | Orientierungswert | Einordnung |
|---|---|---|
| Gesunde Erwachsene | bis 400 mg Koffein pro Tag | Gesamtzufuhr aus allen Lebensmitteln, Getränken, Nahrungsergänzungsmitteln und Arzneimitteln |
| Gesunde Erwachsene, Einzeldosis | bis 200 mg | Höhere Einzeldosen erhöhen die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Wirkungen |
| Schwangere | maximal 200 mg pro Tag | Vorsorgeorientierte Begrenzung der Gesamtzufuhr aus allen Quellen |
| Stillende | 200 mg pro Tag als konservativer klinischer Orientierungswert | Besonders relevant bei Frühgeborenen, Neugeborenen oder auffälliger Unruhe und Schlafstörung des Säuglings |
| Kinder und Jugendliche | 3 mg/kg Körpergewicht pro Tag als EFSA-Sicherheitswert | Kein Zuführungsziel und keine Empfehlung zum regelmäßigen Konsum |
Die EFSA bewertet für Stillende Einzeldosen bis 200 mg und eine Gesamtzufuhr bis 400 mg täglich als nicht sicherheitsbedenklich für den gestillten Säugling, weist jedoch ausdrücklich auf die begrenzte Datenlage hin [LL2]. Für die klinische Beratung ist eine niedrigere, vorsorgeorientierte Zielgröße von maximal etwa 200 mg täglich sinnvoll, insbesondere in den ersten Lebenswochen sowie bei Frühgeborenen oder symptomatischen Säuglingen [LL8].
Unerwünschte Wirkungen und individuelle Empfindlichkeit
Koffein kann dosisabhängig folgende Beschwerden verursachen:
- innere Unruhe und Nervosität
- Angstgefühl oder Verstärkung einer bestehenden Angstsymptomatik
- Tremor (Zittern)
- Palpitationen (Herzklopfen)
- vorübergehenden Blutdruckanstieg
- Einschlaf- und Durchschlafstörungen
- verkürzte Schlafdauer
- Kopfschmerzen
- gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden)
- vermehrten Harndrang
Die individuelle Symptomschwelle (Menge, ab der Beschwerden auftreten) kann erheblich unter 400 mg pro Tag liegen. Bei geringer Gewöhnung, niedrigem Körpergewicht, Angststörungen, Schlafstörungen, Leberfunktionsstörungen oder relevanten Arzneimittelinteraktionen können bereits geringe Mengen Beschwerden auslösen.
Hoch konzentriertes oder reines Koffeinpulver besitzt ein erhebliches Überdosierungsrisiko. Lose Pulver sollten nicht mit Haushaltslöffeln dosiert werden. Die Wirkungen solcher Produkte dürfen nicht mit denen eines moderaten Kaffeekonsums gleichgesetzt werden [LL9].
Koffeintoleranz (Gewöhnung an Koffein) und Koffeinentzug (Beschwerden nach dem Absetzen von Koffein)
Bei regelmäßigem Konsum entwickelt sich für einzelne Koffeinwirkungen eine partielle Toleranz. Ein abruptes Absetzen nach gewohnheitsmäßiger Aufnahme kann innerhalb von Stunden bis etwa einem Tag Entzugssymptome (Beschwerden nach dem Absetzen) hervorrufen.
Typische Beschwerden sind Kopfschmerzen, Müdigkeit, verminderte Aufmerksamkeit, Reizbarkeit, dysphorische Stimmung (gedrückte und gereizte Stimmung) und ein verstärktes Verlangen nach Koffein. Bei hoher täglicher Aufnahme ist eine schrittweise Reduktion meist besser verträglich als eine plötzliche Karenz.
Gesamtmortalität
Meta-Analysen prospektiver Kohortenstudien zeigen eine nichtlineare inverse Assoziation zwischen Kaffeekonsum und Gesamtmortalität. Die niedrigsten relativen Risiken wurden häufig im Bereich von etwa zwei bis vier Tassen täglich beobachtet [1, 2].
Diese Befunde belegen nicht, dass Kaffee die Lebensdauer kausal verlängert. Restkonfundierung, Unterschiede in der Zubereitung und eine Reduktion des Kaffeekonsums bei bereits erkrankten Personen können das Ergebnis beeinflussen. Aus den beobachteten Risikominima darf deshalb keine therapeutische Dosierung abgeleitet werden.
Kardiovaskuläre Erkrankungen
Moderater gewohnheitsmäßiger Kaffeekonsum ist in prospektiven Kohortenstudien nicht mit einem erhöhten kardiovaskulären Gesamtrisiko verbunden. Meta-Analysen zeigen überwiegend nichtlineare, inverse Assoziationen mit koronarer Herzkrankheit und Schlaganfall [1, 3, LL1].
Die wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association von 2026 bewertet eine moderate Aufnahme koffeinhaltigen Kaffees für die meisten Erwachsenen als kardiovaskulär unbedenklich. Gleichzeitig wird hervorgehoben, dass Kaffee, isoliertes Koffein und Energy-Drinks unterschiedliche Expositionen darstellen und nicht gleichgesetzt werden dürfen [LL1].
Blutdruck und arterielle Hypertonie (Bluthochdruck)
Koffein kann akut und vorübergehend den systolischen und diastolischen Blutdruck (oberen und unteren Blutdruck) erhöhen, insbesondere bei nicht an Koffein gewöhnten Personen. Bei regelmäßigem Konsum entwickelt sich teilweise eine Toleranz [LL1].
Ein moderater gewohnheitsmäßiger Kaffeekonsum ist langfristig nicht konsistent mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung einer arteriellen Hypertonie assoziiert. Die akute individuelle Reaktion kann dennoch klinisch relevant sein.
Bei schwer einstellbarer Hypertonie sollte der Blutdruck vor und etwa 30-120 Minuten nach einer üblichen Kaffeeportion wiederholt gemessen werden. Bei reproduzierbarem deutlichem Blutdruckanstieg ist eine Reduktion oder Umstellung auf entkoffeinierten Kaffee sinnvoll.
Koronare Herzkrankheit und Schlaganfall
Moderater Kaffeekonsum ist in Meta-Analysen überwiegend mit neutralen bis inversen Risikoassoziationen für koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) und Schlaganfall verbunden [1, 3]. Ein kausaler Schutz oder eine therapeutische Wirkung bei bestehender Gefäßerkrankung ist damit nicht nachgewiesen.
Zuckerreiche Kaffeespezialitäten, große Mengen Sahne oder andere energiereiche Zusätze können unabhängig vom Kaffee die Energieaufnahme, Gewichtsentwicklung, Triglyceride und Glucosekontrolle ungünstig beeinflussen.
Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
Für niedrige bis moderate Kaffeemengen zeigen Beobachtungsstudien überwiegend inverse Assoziationen mit dem Auftreten einer Herzinsuffizienz. Der Zusammenhang ist nicht linear. Die American Heart Association weist darauf hin, dass ein übermäßiger Konsum, z. B. von mehr als vier Kaffeegetränken täglich, mit einem erhöhten Herzinsuffizienzrisiko assoziiert sein könnte [LL1].
Kaffee ist kein Bestandteil einer leitlinienbasierten Herzinsuffizienztherapie. Bei bestehender Herzinsuffizienz sind Flüssigkeitsvorgaben, Blutdruck, Herzrhythmus, Schlafqualität und individuelle Beschwerden maßgeblich.
Herzrhythmusstörungen (Störungen des Herzschlags)
Die pauschale Empfehlung, bei jeder Herzrhythmusstörung vollständig auf Kaffee zu verzichten, ist nicht evidenzbasiert. Die Beurteilung muss nach Arrhythmietyp, Dosis, zeitlichem Zusammenhang und individueller Symptomatik (individuellen Beschwerden) erfolgen [4, 5, LL1].
Vorhofflimmern (unregelmäßiger Herzrhythmus der Vorhöfe): In der randomisierten, offenen DECAF-Studie wurden 200 Patienten mit persistierendem Vorhofflimmern oder Vorhofflattern (sehr schneller Herzrhythmus der Vorhöfe) und Vorhofflimmeranamnese (Vorgeschichte mit Vorhofflimmern) nach geplanter Kardioversion (Wiederherstellung des normalen Herzrhythmus) untersucht. Die Patienten waren aktuelle oder frühere Kaffeetrinker. Bei Zuteilung zu durchschnittlich etwa einer Tasse koffeinhaltigem Kaffee täglich trat innerhalb von sechs Monaten bei 47 % ein Rezidiv (Wiederauftreten) von Vorhofflimmern oder Vorhofflattern auf, verglichen mit 64 % unter Kaffee- und Koffeinkarenz (vollständiger Verzicht auf Koffein). Die Hazard Ratio betrug 0,61 bei einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,42-0,89 [5].
Die Studie spricht gegen ein routinemäßiges Kaffeeverbot bei gewohnheitsmäßigen Kaffeetrinkern nach Kardioversion. Aufgrund des offenen Designs, der begrenzten Teilnehmerzahl, des hohen Männeranteils und der selektierten Population darf Kaffee jedoch nicht als antiarrhythmische Therapie (Behandlung gegen Herzrhythmusstörungen) empfohlen werden.
Atriale und ventrikuläre Extrasystolen (zusätzliche Herzschläge aus den Vorhöfen und Herzkammern): In der randomisierten CRAVE-Studie führte Kaffee nicht zu einer signifikanten Zunahme vorzeitiger atrialer Kontraktionen. Gleichzeitig wurden mehr ventrikuläre Extrasystolen, eine höhere körperliche Aktivität und eine kürzere Schlafdauer beobachtet [4].
Bei symptomatischen ventrikulären Extrasystolen oder reproduzierbaren Palpitationen nach Kaffeekonsum ist ein strukturierter Reduktions- oder Auslassversuch sinnvoll. Hochdosiertes isoliertes Koffein und große Mengen Energy-Drinks sind bei arrhythmischer Vulnerabilität (Anfälligkeit für Herzrhythmusstörungen) gesondert und kritischer zu bewerten [LL1, LL9].
Zubereitungsart und Lipidstoffwechsel
Der am besten belegte ungünstige metabolische Effekt von Kaffee ist der Anstieg von Gesamt- und LDL-Cholesterin durch die Diterpene Cafestol und Kahweol. Die Diterpene befinden sich im Kaffeeöl und werden durch Papierfilter weitgehend zurückgehalten [6].
| Zubereitungsverfahren | Relative Diterpenexposition | Klinische Einordnung |
|---|---|---|
| Papierfiltrierter Kaffee | niedrig | Bei Hypercholesterinämie (erhöhter Cholesterinspiegel) bevorzugte Zubereitungsart |
| Instantkaffee | meist niedrig | Hinsichtlich Cafestol und Kahweol überwiegend günstig |
| French Press bzw. Pressstempelkanne | hoch | Bei regelmäßigem Konsum relevanter LDL-Cholesterinanstieg möglich |
| Gekochter Kaffee, türkischer oder griechischer Kaffee | hoch | Bei Hypercholesterinämie nicht als regelmäßige Hauptzubereitung zu empfehlen |
| Espresso | variabel | Die geringe Portionsgröße reduziert die Einzeldosis; mehrere Portionen täglich können kumulativ relevant sein |
Eine Meta-Analyse randomisierter Studien bestätigt einen dosisabhängigen Anstieg von Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin und teilweise Triglyceriden, insbesondere durch ungefilterten Kaffee [6]. In der Tromsø-Studie war ein höherer Espressokonsum ebenfalls mit erhöhtem Gesamtcholesterin assoziiert [8].
Langzeitbeobachtungen sprechen dafür, dass papierfiltrierter Kaffee hinsichtlich kardiovaskulärer und Gesamtmortalität günstiger einzuordnen ist als ungefilterter Kaffee [7].
Praxisempfehlung: Bei Hypercholesterinämie, familiärer Hypercholesterinämie, manifester Atherosklerose (Arterienverkalkung) oder hohem kardiovaskulärem Risiko sollte vorzugsweise papierfiltrierter oder anderer diterpenarmer Kaffee gewählt werden.
Glucosemetabolismus und Diabetes mellitus Typ 2
Prospektive Kohortenstudien zeigen eine dosisabhängige inverse Assoziation zwischen regelmäßigem Kaffee- und dem späteren Risiko für Diabetes mellitus Typ 2. In einer systematischen Übersichtsarbeit war jede zusätzliche tägliche Tasse mit einer relativen Risikoreduktion von ungefähr 6 % assoziiert [9].
Ähnliche Langzeitassoziationen wurden für koffeinhaltigen und entkoffeinierten Kaffee beobachtet. Dies legt nahe, dass neben Koffein auch andere Kaffeeinhaltsstoffe beteiligt sein können [9, LL1].
Die epidemiologische Langzeitassoziation steht nicht im Widerspruch dazu, dass Koffein akut die Insulinsensitivität (Empfindlichkeit des Körpers gegenüber Insulin) vermindern und postprandiale Glucosewerte erhöhen kann. Kaffee besitzt keine regelhafte akut blutzuckersenkende Wirkung und verursacht bei gesunden Personen keine typische Hypoglykämie (Unterzuckerung).
- Diabetesprävention: Kaffee kann nicht als eigenständige Präventionsmaßnahme verordnet werden.
- Bestehender Diabetes mellitus: Bei auffälligen postprandialen Glucosewerten kann die individuelle Reaktion auf koffeinhaltigen und entkoffeinierten Kaffee geprüft werden.
- Zuckerreiche Kaffeegetränke: Diese dürfen metabolisch nicht mit ungesüßtem Kaffee gleichgesetzt werden.
Lebererkrankungen
Zu den konsistentesten epidemiologischen Befunden gehören inverse Assoziationen zwischen Kaffeekonsum und Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber), chronischen Lebererkrankungen, leberbezogener Mortalität und hepatozellulärem Karzinom (Leberzellkrebs) [1, 10, 11].
Eine Meta-Analyse zeigte eine dosisabhängige inverse Assoziation zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko einer Leberzirrhose [10]. In der UK-Biobank waren gemahlener, löslicher und entkoffeinierter Kaffee jeweils mit günstigeren leberbezogenen Endpunkten assoziiert [11].
Diese Daten bleiben überwiegend beobachtend. Kaffee ist keine Therapie einer metabolischen dysfunktionsassoziierten steatotischen Lebererkrankung (stoffwechselbedingte Fettlebererkrankung), Virushepatitis (virusbedingte Leberentzündung), alkoholassoziierten Lebererkrankung (alkoholbedingte Lebererkrankung) oder Leberzirrhose.
Entscheidend bleiben Gewichtsnormalisierung, körperliche Aktivität, metabolische Kontrolle, Alkoholkarenz (Verzicht auf Alkohol) bei entsprechender Indikation (medizinischer Notwendigkeit) und die krankheitsspezifische Therapie. Bei guter individueller Verträglichkeit besteht für Patienten mit chronischer Lebererkrankung jedoch in der Regel kein Anlass, moderaten Kaffeekonsum pauschal zu untersagen.
Gallenblase und Gallensteine
Kaffee kann die Ausschüttung gastrointestinaler Hormone und die Kontraktion der Gallenblase stimulieren. Daraus lässt sich keine generelle Kontraindikation (Gegenanzeige) bei asymptomatischer Cholelithiasis (Gallensteine) ableiten.
Beobachtungsstudien zeigen überwiegend keine Risikoerhöhung und teilweise inverse Assoziationen mit dem Auftreten einer Gallensteinerkrankung [1]. Bei reproduzierbarer Auslösung von Gallenkoliken (krampfartige Gallenschmerzen) oder anderen Beschwerden ist unabhängig von populationsbezogenen Daten eine individuelle Reduktion oder Karenz angezeigt.
Tumorerkrankungen
Die International Agency for Research on Cancer bewertet Kaffeetrinken hinsichtlich seiner Karzinogenität (krebserzeugende Wirkung) für den Menschen als nicht klassifizierbar. Ein hinreichender Nachweis, dass Kaffee als Getränk Krebs verursacht, liegt nicht vor [LL7].
Besonders konsistente inverse Beobachtungsassoziationen bestehen für das hepatozelluläre Karzinom und das Endometriumkarzinom (Gebärmutterkörperkrebs). Für weitere Tumorentitäten (Krebsarten) sind die Ergebnisse heterogen oder nicht ausreichend, um eine gezielte präventive Empfehlung abzuleiten [1, LL7].
Die beobachteten Zusammenhänge rechtfertigen nicht die Aussage, Kaffee könne eine Tumorerkrankung verhindern oder behandeln.
Sehr heiße Getränke
Sehr heiße Getränke mit Temperaturen oberhalb von etwa 65 °C werden von der International Agency for Research on Cancer als wahrscheinlich karzinogen für den Menschen eingestuft. Die Bewertung bezieht sich auf die wiederholte thermische Schädigung, insbesondere der Ösophagusschleimhaut (Schleimhaut der Speiseröhre), und nicht speziell auf Kaffee [LL7].
Kaffee sollte deshalb nicht wiederholt in sehr heißem Zustand getrunken werden.
Wachheit und kognitive Leistungsfähigkeit
Koffein erhöht kurzfristig Wachheit, Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft, insbesondere bei Müdigkeit oder Schlafmangel. Die Wirkung beruht wesentlich auf der Blockade zentraler Adenosinrezeptoren [LL1].
Die stimulierende Wirkung ersetzt keinen ausreichenden Schlaf. Koffein kann das subjektive Müdigkeitsgefühl vermindern, ohne sämtliche Einschränkungen des Urteilsvermögens, der exekutiven Funktionen und der psychomotorischen Leistungsfähigkeit (Zusammenspiel von Wahrnehmung und Bewegung) durch Schlafmangel auszugleichen.
Beobachtungsstudien zeigen inverse Assoziationen zwischen Kaffeekonsum und dem Risiko für Morbus Parkinson (Parkinson-Krankheit). Für Demenzerkrankungen (Erkrankungen mit fortschreitendem Verlust geistiger Fähigkeiten) sind die Ergebnisse weniger konsistent [1]. Eine gezielte Kaffeeaufnahme zur Prävention neurodegenerativer Erkrankungen (Erkrankungen mit fortschreitendem Verlust von Nervenzellen) ist nicht evidenzbasiert.
Schlaf
Schlafstörungen gehören zu den am besten belegten unerwünschten Wirkungen von Koffein. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse zeigte im Mittel eine Verkürzung der Gesamtschlafzeit um etwa 45 Minuten, eine Verminderung der Schlafeffizienz (Anteil der Schlafzeit an der Zeit im Bett) und eine Verlängerung der Einschlaflatenz (Zeit bis zum Einschlafen). Die individuellen Reaktionen und die Ergebnisse der Einzelstudien waren jedoch heterogen [12].
Die Wirkung hängt von Dosis, Einnahmezeitpunkt, Gewöhnung, genetischer Metabolisierung und individueller Empfindlichkeit ab. Nach EFSA können bereits etwa 100 mg Koffein den Schlaf beeinträchtigen, wenn sie in zeitlicher Nähe zum Zubettgehen aufgenommen werden [LL2].
In einer randomisierten Crossover-Studie beeinträchtigte eine Einzeldosis von 400 mg den nachfolgenden Schlaf auch bei Einnahme mehrere Stunden vor dem Zubettgehen. Eine universelle exakte Sperrfrist kann daraus nicht abgeleitet werden [13].
- Bei Schlafproblemen: Koffein mindestens sechs bis acht Stunden vor dem Zubettgehen beenden.
- Bei hoher individueller Empfindlichkeit: Letzte koffeinhaltige Portion bereits am späten Vormittag oder Mittag.
- Bei hohen Einzeldosen: Ein deutlich längerer Abstand kann erforderlich sein.
- Entkoffeinierter Kaffee: Geeignete Alternative am Nachmittag oder Abend, sofern geringe Restmengen toleriert werden.
Angststörungen und psychische Beschwerden
Koffein kann dosisabhängig Unruhe, Nervosität, Tremor, Angstgefühl und Palpitationen auslösen. Patienten mit Angst- oder Panikstörungen können besonders empfindlich reagieren.
Ein allgemeiner depressionsauslösender Effekt moderaten Kaffeekonsums ist nicht belegt. Ebenso besteht keine Evidenz für die im früheren die häufig vertretene Kausalkette von Kaffee über einen generellen Mikronährstoffmangel (Mangel an Vitaminen und Mineralstoffen) zu Depression, Erschöpfung und Leistungsschwäche.
Körperliche Leistungsfähigkeit
Koffein kann die Ausdauerleistung sowie in geringerem Umfang Kraft-, Schnellkraft- und Aufmerksamkeitseigenschaften verbessern. Eine Umbrella-Review von 21 Meta-Analysen bestätigt kleine bis moderate ergogene Effekte in mehreren Belastungsformen [14].
Am besten untersucht sind Dosen von etwa 3-6 mg/kg Körpergewicht. Bei vielen Sportlern können bereits 1,5-3 mg/kg wirksam sein. Höhere Dosen führen meist nicht zu proportional größeren Leistungssteigerungen, erhöhen aber das Risiko für Tremor, Übelkeit, Tachykardie (Herzrasen), Angst und Schlafstörungen [14, 15].
Kaffee kann als Koffeinquelle dienen, erlaubt wegen der großen Schwankungsbreite des Koffeingehalts jedoch keine präzise Dosierung. Die Reaktion sollte deshalb vor einem Wettkampf unter Trainingsbedingungen geprüft werden.
Flüssigkeitshaushalt
Koffein kann akut eine leichte Diurese (vermehrte Harnausscheidung) bewirken, insbesondere bei nicht an Koffein gewöhnten Personen und höheren Einzeldosen. Daraus folgt nicht, dass moderater Kaffeekonsum regelhaft dehydriert.
In einer kontrollierten Crossover-Studie unterschied sich der Hydratationsstatus (Flüssigkeitsversorgung des Körpers) habitueller Kaffeetrinker bei moderatem Kaffeekonsum nicht relevant von einer vergleichbaren Wasserzufuhr [16]. Kaffee trägt somit zur täglichen Flüssigkeitsaufnahme bei.
Wasser bleibt insbesondere bei Sport, Hitze, Fieber, gastrointestinalen Flüssigkeitsverlusten und älteren Patienten das bevorzugte Getränk. Die pauschale Verpflichtung, zu jeder Tasse Kaffee zusätzlich ein Glas Wasser zu trinken, ist jedoch nicht evidenzbasiert.
Gastrointestinale Wirkungen
Kaffee kann die Magensäuresekretion (Bildung von Magensäure), gastrointestinale Hormonfreisetzung (Freisetzung von Hormonen im Magen-Darm-Bereich) und kolorektale Motilität (Bewegung von Dick- und Enddarm) beeinflussen. Einige Personen berichten über Sodbrennen, epigastrische Beschwerden (Oberbauchbeschwerden), Stuhldrang oder Diarrhoe (Durchfall).
Eine generelle Meidung von Kaffee bei gastroösophagealer Refluxkrankheit (Rückflusskrankheit von Magensäure in die Speiseröhre) wird in der ACG-Leitlinie nicht gefordert. Empfohlen wird die Vermeidung individuell reproduzierbarer Auslöser [LL6].
Für die Behauptung, Kaffee verätze die Magenschleimhaut oder verursache ein Ulcus ventriculi (Magengeschwür), besteht keine belastbare Evidenz. Die wichtigsten Ursachen peptischer Ulzera (Geschwüre des Magens oder Zwölffingerdarms) sind eine Helicobacter-pylori-Infektion (Infektion mit einem Magenbakterium) und die Einnahme nicht steroidaler Antirheumatika (entzündungshemmender Schmerzmittel).
Kaffee kann bei einzelnen Patienten bestehende dyspeptische oder refluxbedingte Beschwerden verstärken, ist aber nicht als primäre Ursache eines peptischen Ulkus einzuordnen.
- Reflux oder Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden): Dosis, Trinkzeit, Zubereitung und Begleitmahlzeit individuell prüfen.
- Nüchternkonsum: Nur vermeiden, wenn Beschwerden reproduzierbar auftreten.
- Milchzugabe: Kann Geschmack und Verträglichkeit verändern, stellt aber keine evidenzbasierte Therapie einer vermeintlichen „Übersäuerung“ dar.
- Arabica, Espresso oder Schonkaffee: Chemische Unterschiede bestehen; eine generelle klinische Überlegenheit für magenempfindliche Personen ist nicht hinreichend belegt.
Mikronährstoffversorgung
Ein moderater Kaffeekonsum verursacht keine generellen Mangelzustände von Vitamin C, Vitamin B6, Calcium, Kalium, Magnesium oder Zink. Eine pauschale Liste kaffeebedingter Mikronährstoffmängel ist wissenschaftlich nicht haltbar.
Eisen
Polyphenolische Verbindungen des Kaffees können die Resorption (Aufnahme durch den Darm) von Nicht-Hämeisen erheblich vermindern, wenn Kaffee gleichzeitig mit oder kurz nach einer eisenhaltigen Mahlzeit bzw. einem Eisenpräparat getrunken wird [17]. Hämeisen aus tierischen Lebensmitteln ist wesentlich weniger betroffen.
Bei Eisenmangel, Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel), überwiegend pflanzlicher Ernährung, Schwangerschaft oder erhöhtem Eisenbedarf sollte Kaffee nicht zusammen mit Eisenpräparaten oder eisenreichen Hauptmahlzeiten konsumiert werden.
Praxisempfehlung: Zwischen Eisenpräparat bzw. eisenreicher Mahlzeit und Kaffee sollte möglichst ein Abstand von etwa zwei Stunden eingehalten werden.
Calcium, Knochenstoffwechsel und Frakturrisiko (Knochenbruchrisiko)
Koffein kann die Calciumausscheidung geringfügig erhöhen. Bei ausreichender Calcium- und Vitamin-D-Versorgung ist moderater Kaffeekonsum jedoch nicht als eigenständige Ursache einer Osteoporose (Knochenschwund) belegt [1].
Bei sehr hoher Koffeinzufuhr, gleichzeitig niedriger Calciumzufuhr, Osteoporose oder hohem Frakturrisiko sollte die Aufnahme individuell begrenzt und die Calcium- und Vitamin-D-Versorgung überprüft und gezielt optimiert werden.
Nierenfunktion, Nephrolithiasis (Nierensteine) und Gicht
Moderater Kaffeekonsum ist in Beobachtungsstudien nicht mit einer generellen Zunahme chronischer Nierenerkrankungen (lang andauernder Nierenerkrankungen) verbunden. Für Nephrolithiasis und Gicht wurden teilweise inverse Assoziationen beschrieben [1]. Diese Beobachtungen begründen keine therapeutische Empfehlung.
Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) sind Flüssigkeitsvorgaben, Kaliumzufuhr, Begleiterkrankungen und individuelle Koffeinempfindlichkeit zu berücksichtigen. Kaffee darf nicht pauschal als nierenschädigend oder als Ursache calciumhaltiger Nierensteine dargestellt werden.
Fertilität (Fruchtbarkeit) und Kinderwunsch
Die verfügbare Evidenz zeigt bei moderatem Kaffee- oder Koffeinkonsum keine konsistente Beeinträchtigung der natürlichen Fekundität (Fähigkeit, schwanger zu werden). Auch für klinische Schwangerschafts- und Lebendgeburtenraten nach reproduktionsmedizinischer Behandlung (Kinderwunschbehandlung) wurde keine konsistente ungünstige Assoziation nachgewiesen [18, LL5].
Für eine klinisch relevante Verschlechterung der Samenparameter durch moderaten Kaffeekonsum besteht ebenfalls keine konsistente Evidenz. Sehr hohe Koffeinaufnahmen wurden in einzelnen Beobachtungsstudien mit verminderter Fertilität assoziiert; eine präzise kausale Schwelle ist jedoch nicht gesichert [18, LL5].
Die Aussage, zwei bis drei Tassen Kaffee steigerten die männliche Fertilität, ist ebenso wenig ausreichend belegt wie die pauschale Behauptung, mehr als drei bis vier Tassen verursachten weibliche Sterilität (Unfruchtbarkeit).
Praxisempfehlung bei Kinderwunsch: Eine moderate Aufnahme von maximal etwa 200 mg Koffein täglich ist vorsorgeorientiert vertretbar. Sehr hohe Aufnahmemengen sollten vermieden werden. Mit Eintritt einer Schwangerschaft gilt die Begrenzung auf maximal 200 mg täglich aus allen Quellen [LL2, LL3, LL5].
Schwangerschaft
Koffein passiert die Plazenta. Fetus und Plazenta verfügen nur über eine eingeschränkte Fähigkeit zum Koffeinabbau. Gleichzeitig verlängert sich die maternale Eliminationshalbwertszeit im Verlauf der Schwangerschaft [LL2-LL4].
Meta-Analysen prospektiver Beobachtungsstudien zeigen dosisabhängige Assoziationen zwischen höherer maternaler Koffeinaufnahme und Schwangerschaftsverlust (Fehlgeburt) sowie niedrigem Geburtsgewicht [19, 20].
Die Interpretation wird durch Restkonfundierung und Reverse Causation erschwert. Übelkeit, Erbrechen und andere Zeichen einer intakten Frühschwangerschaft können den Kaffeekonsum reduzieren und dadurch einen scheinbar protektiven Zusammenhang niedriger Aufnahme erzeugen.
Aus den Beobachtungsdaten lässt sich weder ein vollständig risikofreier Schwellenwert noch die Notwendigkeit einer generellen Koffeinkarenz ableiten. Die EFSA und die deutschen Handlungsempfehlungen des Netzwerks Gesund ins Leben begrenzen die Gesamtaufnahme vorsorgeorientiert auf maximal 200 mg täglich [LL2, LL3].
Die WHO empfiehlt schwangeren Frauen mit einer hohen täglichen Aufnahme von mehr als 300 mg, die Koffeinzufuhr zu senken, um das Risiko für Schwangerschaftsverlust und niedriges Geburtsgewicht zu reduzieren [LL4]. Die strengere europäische und deutsche Empfehlung von maximal 200 mg täglich ist für die praktische Beratung maßgeblich.
- Gesamtzufuhr erfassen: Kaffee, Tee, Cola, Energy-Drinks, Kakao, Schokolade, Nahrungsergänzungsmittel und Arzneimittel berücksichtigen.
- Portionsgrößen beachten: Eine große Kaffeeportion kann einen erheblichen Teil oder die gesamte Tagesmenge enthalten.
- Energy-Drinks: In der Schwangerschaft vermeiden.
- Entkoffeinierter Kaffee: Bei entsprechendem Wunsch eine geeignete Alternative.
- Eisenversorgung: Zeitlichen Abstand zwischen Kaffee und Eisenpräparaten bzw. eisenreichen Mahlzeiten einhalten.
Stillzeit
Koffein geht rasch in die Muttermilch über. Neugeborene und insbesondere Frühgeborene eliminieren Koffein wesentlich langsamer als Erwachsene [LL8].
Bei moderater maternaler Aufnahme treten meist keine klinisch relevanten Effekte auf. Sehr hohe Mengen können beim Säugling jedoch mit Unruhe, Reizbarkeit und Schlafstörungen verbunden sein [LL8].
Die EFSA bewertet Einzeldosen bis 200 mg und eine tägliche Gesamtzufuhr bis 400 mg bei Stillenden als nicht sicherheitsbedenklich für den gestillten Säugling, betont jedoch die begrenzte Datenbasis [LL2].
Praxisempfehlung: Eine vorsorgeorientierte Begrenzung auf maximal etwa 200 mg täglich ist insbesondere bei Frühgeborenen, Neugeborenen oder klinisch auffälliger Unruhe und Schlafstörung sinnvoll. Die Aufnahme kann vorzugsweise unmittelbar nach dem Stillen erfolgen.
Kinder und Jugendliche
Koffein ist für Kinder und Jugendliche ernährungsphysiologisch nicht erforderlich. Der EFSA-Wert von 3 mg/kg Körpergewicht pro Tag ist ein Sicherheitswert und keine Empfehlung zum regelmäßigen Konsum [LL2].
Bereits etwa 1,5 mg/kg können bei einzelnen Kindern und Jugendlichen die Einschlaflatenz verlängern und die Schlafdauer vermindern, insbesondere bei Einnahme am Nachmittag oder Abend [LL2].
Besonders kritisch sind hoch konzentrierte Koffeinprodukte und große Mengen Energy-Drinks. Schlafverkürzung, Unruhe, Angst, Palpitationen und die Kombination mit Alkohol oder weiteren Stimulanzien sind klinisch relevant [LL9].
Personengruppen mit besonderem Beratungsbedarf
- Schlafstörungen: Tagesdosis reduzieren und letzte Aufnahme deutlich vorverlegen.
- Angst- oder Panikstörung: Niedrige individuelle Symptomschwelle beachten und hohe Einzeldosen vermeiden.
- Schwer einstellbare arterielle Hypertonie: Individuelle akute Blutdruckreaktion prüfen.
- Vorhofflimmern: Kein routinemäßiges Kaffeeverbot; individuelle Symptomatik und Gesamtexposition berücksichtigen.
- Ventrikuläre Extrasystolen: Bei reproduzierbarem Zusammenhang Reduktions- oder Karenzversuch.
- Hypercholesterinämie: Papierfiltrierten statt ungefilterten Kaffee bevorzugen.
- Gastroösophageale Refluxkrankheit oder Dyspepsie: Nur individuell reproduzierbare Auslöser meiden.
- Eisenmangel: Zeitlichen Abstand zu Mahlzeiten und Eisenpräparaten einhalten.
- Schwangerschaft: Gesamtzufuhr auf maximal 200 mg täglich begrenzen.
- Stillzeit: Vorsorgeorientiert etwa 200 mg täglich anstreben; Reaktion des Säuglings berücksichtigen.
- Chronische Lebererkrankung: Moderater Konsum ist bei guter Verträglichkeit meist möglich, ersetzt aber keine Therapie.
- Arzneimittelinteraktionen: Bei ungewöhnlich starker oder verlängerter Koffeinwirkung die Gesamtexposition prüfen und reduzieren.
Evidenzbasierte praktische Empfehlungen
- Die Koffeinzufuhr sollte möglichst in Milligramm und nicht ausschließlich in Tassen abgeschätzt werden.
- Gesunde Erwachsene sollten insgesamt höchstens 400 mg Koffein pro Tag und höchstens 200 mg als Einzeldosis aufnehmen [LL2].
- Die Tagesmenge sollte auf mehrere Portionen verteilt und an die individuelle Verträglichkeit angepasst werden.
- Bei Schlafproblemen sollte Koffein mindestens sechs bis acht Stunden vor dem Zubettgehen beendet werden; bei hohen Dosen kann ein längerer Abstand erforderlich sein [12, 13].
- Bei Hypercholesterinämie sollte papierfiltrierter oder anderer diterpenarmer Kaffee bevorzugt werden [6-8].
- Kaffee sollte nicht mit einer Temperatur oberhalb von etwa 65 °C getrunken werden [LL7].
- Schwangere sollten maximal 200 mg Koffein täglich aus allen Quellen aufnehmen [LL2-LL4].
- Bei Eisenmangel sollte Kaffee nicht gleichzeitig mit Eisenpräparaten oder eisenreichen Mahlzeiten konsumiert werden [17].
- Zuckerreiche Kaffeegetränke sollten metabolisch nicht mit ungesüßtem Kaffee gleichgesetzt werden.
- Personen, die keinen Kaffee trinken, sollten nicht allein aufgrund epidemiologischer Gesundheitsassoziationen mit dem Konsum beginnen.
Einordnung verbreiteter Behauptungen
| Behauptung | Evidenzbasierte Bewertung |
|---|---|
| Kaffee dehydriert den Körper. | Bei moderatem Konsum habituierter Erwachsener nicht belegt; Kaffee trägt zur Flüssigkeitszufuhr bei [16]. |
| Kaffee verursacht einen allgemeinen Vitamin- und Mineralstoffmangel. | Nicht belegt. Klinisch relevant ist vor allem die verminderte Nicht-Hämeisenresorption bei zeitgleicher Aufnahme [17]. |
| Kaffee verursacht Magengeschwüre. | Nicht belegt. Kaffee kann bei empfindlichen Personen Reflux- oder Dyspepsiebeschwerden verstärken. |
| Kaffee verursacht Hypoglykämien. | Nicht belegt. Akutes Koffein kann eher die Insulinsensitivität vermindern und postprandiale Glucosewerte erhöhen. |
| Kaffee verursacht grundsätzlich Herzrhythmusstörungen. | Als Pauschalaussage nicht haltbar. Die Beurteilung hängt vom Arrhythmietyp und von der individuellen Symptomatik ab [4, 5, LL1]. |
| Patienten mit Vorhofflimmern müssen Kaffee meiden. | Nicht evidenzbasiert. Die DECAF-Studie zeigte bei gewohnheitsmäßigen Kaffeetrinkern nach Kardioversion kein erhöhtes, sondern ein vermindertes Rezidivrisiko [5]. |
| Kaffee vermindert grundsätzlich die Fertilität. | Für moderaten Konsum nicht konsistent belegt. Sehr hohe Koffeinmengen sollten vermieden werden [18, LL5]. |
| Je mehr Kaffee getrunken wird, desto größer ist der Nutzen. | Nicht belegt. Viele Assoziationen sind nicht linear; hohe Dosen erhöhen die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Wirkungen. |
| Kaffee verhindert Diabetes, Krebs oder Lebererkrankungen. | Es bestehen teilweise konsistente inverse Beobachtungsassoziationen, aber kein hinreichender Nachweis einer kausalen Präventionswirkung. |
Fazit
Moderater Kaffeekonsum ist für die meisten gesunden Erwachsenen gesundheitlich unbedenklich. Große Beobachtungsstudien zeigen überwiegend neutrale bis günstige Langzeitassoziationen mit Gesamtmortalität, kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 und chronischen Lebererkrankungen. Aufgrund des überwiegend beobachtenden Studiendesigns dürfen diese Zusammenhänge nicht als gesicherte kausale Schutzwirkungen interpretiert werden.
Klinisch relevante Risiken betreffen vor allem Schlafstörungen, Unruhe und Angst, vorübergehende Blutdruckreaktionen, symptomatische Palpitationen, hohe Einzeldosen, hochkonzentrierte Koffeinpräparate, eine LDL-Cholesterinerhöhung durch ungefilterten Kaffee und eine verminderte Nicht-Hämeisenresorption bei zeitgleicher Aufnahme.
Bei Vorhofflimmern ist ein routinemäßiges Kaffeeverbot nicht gerechtfertigt. Patienten mit symptomatischen ventrikulären Extrasystolen sollten dagegen ihre individuelle Reaktion prüfen. In der Schwangerschaft gilt eine Begrenzung auf maximal 200 mg Koffein täglich. In der Stillzeit ist eine vorsorgeorientierte Aufnahme von etwa 200 mg täglich besonders bei jungen oder empfindlichen Säuglingen sinnvoll.
Die günstigste praktische Strategie besteht in einer individuell verträglichen, moderaten Aufnahme, einer möglichst frühen Trinkzeit, der Bevorzugung papierfiltrierter Zubereitungen bei erhöhtem LDL-Cholesterin, dem Verzicht auf sehr heiße Getränke und der Berücksichtigung sämtlicher Koffeinquellen.
Literatur
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Leitlinien, Handlungsempfehlungen und behördliche Bewertungen
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